Windenergie in Bürgerhand – Teil 1: Von der Idee zum Geschäftsmodell

1. Oktober 2014 | Kira Crome

Energiewende in Bürgerhand (Jörg Farys/Die Projektoren)

Eine gute Vernetzung gehört zur Grundvoraussetzung bei der Gründung. (Foto von Jörg Farys/Die Projektoren, CC BY-NC-ND)

Die Errichtung eines Bürgerwindparks von der Planung bis zu Netzeinspeisung ist ein großes Gemeinschaftsprojekt. Es bedeutet nicht nur, finanzielle Mittel zu erschließen und hohe Anfangsinvestitionen zu stemmen. Es erfordert auch Fachwissen, Ausdauer und eine gute Vernetzung aller beteiligten Akteure. Wie gelingt es, ein solches Vorhaben auf den Weg zu bringen? Welche Strategien sorgen für den nötigen Rückenwind? Dies ist der erste Teil unserer Serie über den Weg zum Bürgerwindpark.

Am Anfang stand eine Idee: „Wir wollen den Wandel von einem Energiesystem basierend auf fossilen und nuklearen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien tatkräftig durch eigene Aktivitäten unterstützen“, erinnert sich Stefanie Usbeck, die der Energiegenossenschaft Windfang eG vorsteht, an die Gründungsjahre. „Als erste Frauenenergiegemeinschaft in Deutschland setzen wir uns seit 1992 aktiv für eine Energiewende ein. Damals waren wir vielleicht gerade mal zwei Handvoll interessierter Frauen. Anlass war das Konkrete: Wir wollten einen potenziell geeigneten Standort pachten, um dort eine Windenergieanlage zu errichten.“ Die Windfang-Frauen sind Energiebürgerinnen der ersten Stunde. Heute finanzieren und betreiben über 200 Genossinnen zehn Windenergieanlagen und eine Photovoltaikanlage mit einer durchschnittlichen Stromproduktion von 5,3 Millionen Kilowattstunden im Jahr. „Damit decken wir den durchschnittlichen Strombedarf von 1.325 Vier-Personen-Haushalten“, rechnet Usbeck vor. „Und für nahezu alle bedeutete es learning by doing.“

Mittlerweile schieben viele bürgerschaftliche Akteure die „Energiewende von unten“ an. Beinahe die Hälfte der in Deutschland installierten Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist – gemessen an der Leistung – in Bürgerhand. Noch stellt die Windenergienutzung den kleineren Anteil daran. Windparks sind große und lukrative Projekte, bei denen Bürger häufig außen vorbleiben, weil potente Investoren häufig schneller sind und sich Optionen und Grundstücke frühzeitig sichern. Ein Phänomen, das lokale Opposition gegen Windenergieprojekte schürt. Deshalb werden Geschäftskonzepte, die auf einer frühzeitigen Einbindung der Bürger in die Vorhabenplanung gründen, zunehmend attraktiver, glaubt Burghard Flieger, Vorstand der innova-Genossenschaft, einer Entwicklungspartnerschaft, die bundesweit bei der Gründung von Selbsthilfegenossenschaften berät und Weiterbildungsseminare anbietet: „Bürger werden somit selbst zu Akteuren: Sie werden Financiers, Mitentscheider und Betreiber.“

„Wir wollen den Wandel von einem Energiesystem basierend auf fossilen und nuklearen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien tatkräftig durch eigene Aktivitäten unterstützen.“

Gemeinsam handeln

Doch wie finden Windenergiebürger zueinander? Am Anfang steht das Engagement von Einzelnen. Manche Bürgerwindprojekte gehen aus Initiativen der Lokalen Agenda 21 oder bestehenden Bürgerenergieunternehmungen hervor. Andere werden von Landwirten als Eigentümer potenzieller Standorte angestoßen. Es können aber auch Kommunen, lokale Stadtwerke oder Banken entscheidende Impulse geben. Nicht selten arbeiten verschiedene Akteursgruppen eng miteinander. Je nachdem, von wem die Initiative ausgeht, sind unterschiedliche Kooperations- und Organisationsformen denkbar. Was sie eint, sind ihre Motive: Aktuellen Umfragen zufolge sind das mehrheitlich Gemeinsinn, wirtschaftliche Teilhabe und die aktive Mitgestaltung beim Umbau der Energieversorgung.

Eine mögliche Rechtsform, die diesen Motiven gerecht wird, ist die Genossenschaft. „Sie kann viele, auch kleine Finanzierungsanteile für eine Gründung zusammentragen, und haftungsbegrenzt wirtschaften“, erklärt Flieger. Weitere Vorteile: Jedes Mitglied hat in der Regel unabhängig von der Höhe seines Geschäftsanteils dasselbe Stimmrecht und kann problemlos ein- und austreten. Für die Windfang-Gründerinnen war vor allem das genossenschaftliche Identitätsprinzip ausschlaggebend: Genossenschaftsmitglieder sind Produzent und Konsument, Eigentümer und Kunde zugleich. „Von Anfang an wollten wir erreichen, dass unsere Genossinnen den selbst finanzierten, regenerativen Strom eigens verbrauchen“, erklärt Usbeck. Deshalb wurde die Höhe eines Geschäftsanteils für die Finanzierung der ersten Windfang-Windenergieanlage entsprechend den Produktionskosten für den eigenen Stromverbrauch festgelegt: „Mit einem Anteil von – damals – 3.000 D-Mark konnten wir 3.000 Kilowattstunden Strom produzieren, soviel wie eine durchschnittliche Familie rechnerisch im Jahr verbrauchte. Somit produzierte jede Frau mit dem Kauf eines Anteils rein rechnerisch regenerativen Strom für ihre eigene Familie.“

Entwicklung von Energiegenossenschaften in Deutschland

Gemeinschaftlich gestaltend mitbestimmen

Genossenschaftlich organisiert, können Bürger ihre Windenergieanlagen selbst finanzieren, betreiben und über die unternehmerische Entwicklung entscheiden. Die Wertschöpfungskette der Windenergienutzung bietet dafür ein breites Spektrum: „Es reicht von dem Dienstleistungsangebot der Beratung und Projektplanung über die Stromproduktion, also das Initiieren, Erstellen und Betreiben von Windenergieanlagen bis zum Vertrieb des erzeugten Windstroms“, erklärt Flieger. Auch die Aktivitäten der Windfang-Energiegenossenschaft reichen über die Stromproduktion hinaus: Sie bietet Energieberatungen und Hilfe bei der Planung, beim Bau und bei der Finanzierung von energiesparenden Technologien an. Nächstes Ziel ist die Etablierung einer eigenen Strommarke.

Stehen die Akteure und Motive fest, brauchen Gründungswillige Windenergiebürger Klarheit über ihr Geschäftsvorhaben. Es muss dem kritischen Blick der Gründungsprüfer der Genossenschaftsverbände, der finanzierenden Banken, der potenziellen Mitglieder und etwaigen Kooperationspartner standhalten. Je nach dem Zusammenspiel der beteiligten Akteure sind unterschiedliche Konzepte und Kooperationsformen denkbar.

Die Geschäftsidee entwickeln

Energiegenossenschaften wie die Windfang eG, die eine einzelne fertige Windenergieanlage oder einen kleinen Windpark gemeinschaftlich entwickeln oder kaufen, um sie in eigener Verantwortung zu betreiben, gibt es derzeit noch wenige in Deutschland. Das entscheidende Merkmal: Die Mitglieder übernehmen durch ihren gewählten Vertreter die Geschäftsführung selbst und haben damit über die finanzielle Teilhabe hinaus direkte Mitsprache- und Kontrollrechte. „Dies ist gesellschaftsrechtlich abgesichert“, erklärt Flieger.

Wird das Windpark-Vorhaben von einer Kommune, einem Stadtwerk oder Einzelunternehmen wie Land- und Forstwirten oder kleineren Kapitalgesellschaften initiiert, können sich Bürgerenergiegenossenschaften als Financiers beteiligen. Sie können sich entweder in eine Projektentwicklungsgesellschaft einbringen, die Standortsuche und Flächensicherung für einen potentiellen Windpark auf den Weg bringt. Allein in Westfalen sind beispielsweise in den letzten drei Jahren nahezu 100 Projektentwicklungsgesellschaften entstanden, in denen sich Landwirte und bürgerschaftliche Akteure zusammengeschlossen haben, um Windparkplanungen in Eigenregie auf den Weg zu bringen. Oder eine Bürgerenergiegenossenschaft bringt sich in eine Betreibergesellschaft eines Windparks ein. „Die Genossenschaft erwirbt Aktien- oder Anteile der Betreibergesellschaft oder realisieren andere Beteiligungsformen“, erläutert Flieger. So kann das zusammengefasste Kapital der Kleinanleger getrennt von Großinvestoren in die Betreibergesellschaft eingebracht werden – eine indirektere Form der Bürgerbeteiligung: „Aus der Sicht der Vorhabenträger sind Beteiligungsgenossenschaften eine brillante Lösung, um bürgernah zu handeln und eine breite Finanzierung zu organisieren, ohne in die Prospektpflicht zu geraten.“ Allerdings birgt dieser Ansatz eine missbräuchliche Nutzung der genossenschaftlichen Rechtsform als Anlageorganisation, warnt der Genossenschaftsexperte. Zudem kann bei diesem Modell die Genossenschaft unter den Regelungsbereich des Kapitalanlagegesetzbuches (KAGB) fallen, was sehr hohe Anforderungen und viel Aufwand bedeuten würde. Auch aus steuerlicher Sicht berge das Modell Schwierigkeiten, bis hin zur Unzulässigkeit eines Gewinnversprechens, da die Genossenschaft der Förderung der Mitglieder und nicht der Dividendenausschüttung dient. „Im ungünstigsten Fall scheitert das Projekt“, so Flieger.

Leistung Erneuerbarer Energien nach Eigentümergruppen

Regionalentwicklungsgenossenschaften als Projektträger

Um ein Windparkvorhaben von Projektentwicklung bis Betrieb in bürgerenergiegenossenschaftlicher Hand zu halten, ist in den letzten zwei Jahren eine alternative Organisationsform als Mischung aus Beteiligungs- und Betreibermodell entstanden. „Sie bietet sich dann an, wenn besonders große und kapitalintensive Bürgerwindparks realisiert werden sollen“, erklärt Flieger. Dafür schließen sich kleine örtliche Bürgerenergiegenossenschaften, die schon aus Sonne oder Biomasse Strom erzeugen und auch auf Wind setzen wollen, in einer Regionalentwicklungsgenossenschaft zusammen. „Indem die beteiligten Bürgerenergiegenossenschaften diese Sekundärgenossenschaft organisieren, bestimmen sie deren Geschäftspolitik im Sinne der Förderung ihrer Mitglieder. Sie werden damit faktisch zum Betreiber des zu entwickelnden Windparks.“ Auf diese Weise werden kleine Genossenschaften von den Risiken der Projektentwicklung entlastet, weil die risikoreiche Entwicklungsphase bis zur vorläufigen Genehmigung in die Verbundgenossenschaft ausgelagert wird. So erhalten bürgerschaftliche Akteure einen Zugang zu Großprojekten, die für sie sonst nicht zu erschließen wären. „Zwar entstehen aktuell verschiedene Kooperationsansätze im Windsektor“, konstatiert Flieger. Durchschlagende Erfolge ließen aber noch auf sich warten.

„Bis zur Inbetriebnahme unserer ersten Windenergieanlage vergingen vier arbeitsreiche Jahre.“

Risiken abschätzen und die passenden Partner wählen

Mit welchen Hürden müssen Energiebürger, die einzelne Windenergieanlagen kaufen oder kleinere Windparks gemeinschaftlich entwickeln und betreiben wollen, rechnen? Aufgrund ihrer organisatorischen, finanziellen und zeitlichen Dimension sind Windenergieprojekte in Eigenregie ambitioniert. „Bis zur Inbetriebnahme unserer ersten Windenergieanlage vergingen vier arbeitsreiche Jahre“, erinnert sich Windfang-Vorstandsfrau Usbeck. „In dieser Zeit wurde in unzähligen Sitzungen und Treffen die Genossinnenschaft gegründet, Arbeits- und Betriebsstrukturen festgelegt, die Arbeit auf Gruppen verteilt, aktive und passive Mitstreiterinnen gewonnen, eine gründliche Anlagenauswahl getroffen, mit Banken, Grundeigentümern und Stromversorgern verhandelt, Verträge abgeschlossen und schlussendlich die Anlage gekauft und errichtet.“ Entscheidend für die Bewältigung dieser vielseitigen Aufgaben ist das vorhandene Know-how: Welche Qualifikationen bringen die Gründungsmitglieder mit und welche Art von Fachwissen muss über externe Projektpartner eingeholt werden? Dienstleistende Projektierer haben ein großes Interesse an der Planung und Entwicklung eines Windparks, weil sie hohe Gewinne schon während der Planung einstreichen. Soll dieser attraktive Teil der Wertschöpfung zum Teil in der Region bleiben und von den Energiebürgern geleistet werden, muss die Aufgabenverteilung zwischen Bürgergruppe und Projektierer im Vorfeld vertraglich klar geregelt werden. Ferner muss dieser bereit sein, als Dienstleister volle Kostentransparenz zu zeigen. Ein weiteres Risiko besteht darin, das bis zur endgültigen Genehmigung der Windenergieanlage eingesetzte Bürgerkapital zu verlieren. Häufig stellt sich erst im Verlauf der Standortvorprüfung heraus, dass sich die Flächen für das angedachte Vorhaben nicht eignen. Zudem muss künftig der Aspekt der Ausschreibung bedacht werden: Die EEG-Vergütungssätze für Windenergieanlagen werden ab 2017 durch ein Ausschreibungsmodell ermittelt. „Hierdurch können weitere Risiken für Bürgerprojekte entstehen. Diese sind allerdings letztlich von der konkreten Ausgestaltung des Ausschreibungsdesigns abhängig“, erklärt Sascha Schulz vom Beratungsteam des EnergieDialog.NRW.

Interne Kompetenzen wertschätzen

Wie sichern Windenergiebürger das eigene Projektmanagement? Bürgerwindgenossenschaften sind vor allem kleine und mittlere Marktteilnehmer, die vom persönlichen Engagement ihrer Mitglieder abhängen. Die sich verändernden Marktbedingungen sind für viele Laien eine Herausforderung. Bei der Klärung der Kompetenzen und Aufgabenverteilung gilt es, den Übergang zwischen ehrenamtlicher und hauptamtlicher Arbeit zu regeln. „Ab einer gewissen Projektgröße muss vom Vorstand und Aufsichtsrat so viel Arbeit und Zeit investiert werden, dass dies rein ehrenamtlich nachhaltig nicht möglich ist“, sagt Usbeck. „Wenn Bürger ihr Geld beispielsweise auf einer Bank anlegen, dann diskutiert keiner über die Höhe der Gehälter von Verwaltungsmitarbeitern. Bei Genossenschaften wird jedoch jede Ausgabe offen gelegt und kann damit Gegenstand langwieriger Diskussionen werden.“ Die Vorstandsmitglieder der Windfang eG erhalten eine Aufwandsvergütung, alle anderen Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich.

Akzeptanz sicherstellen

Neben dem Know-how und der internen Rollenklärung braucht es mit Blick auf das intensive Planungsverfahren, das die Interessen von Gemeinderäten, Grundstückseigentümern, Anwohnern, Anrainerkommunen und Landschaftsschutzbehörden moderieren muss, eine gute Vernetzung aller Beteiligten. Damit die Bürgerwindplanung einen positiven Rückhalt findet, gilt es, die diversen, häufig widerstreitenden Interessen in Einklang zu bringen. Dafür sind Partizipation und Information ausschlaggebende Faktoren, wie die Akzeptanzforschung zeigt. Demnach hängt die Befürwortung von Windenergieplanungen entscheidend davon ab, wie gut es den Projektverantwortlichen gelingt, Anwohner und Betroffene einzubinden und ihre Anliegen bei der Planung zu berücksichtigen.

Fortsetzung der Bürgerwind-Serie: Die nachstehenden Teile der Artikelserie werden in regelmäßigen Abständen hier veröffentlicht.
Teil 2: Von der Flächensicherung zur Projektentwicklung
Teil 3: Bürger richtig beteiligen

3 Gedanken zu „Windenergie in Bürgerhand – Teil 1: Von der Idee zum Geschäftsmodell

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