Windenergie in Bürgerhand – Teil 2: Von der Flächensicherung zur Projektentwicklung

11. November 2014 | Kira Crome

Bürgerwindpark Wewelsburg in Bad Wünnenberg

Der Bürgerwindpark in Büren, gelegen zwischen Wewelsburg und Bad Wünnenberg

Ein Bürgerwindpark ist ein großes Gemeinschaftsprojekt. Haben sich Akteure und Kooperationspartner gefunden, gilt es frühzeitig die notwendigen Flächen zu sichern. Bürgerenergievorhaben treten in Konkurrenz zu anderen, mitunter deutlich kapitalstärkeren und erfahreneren Wettbewerben. Wie gelingt es, die notwendigen Flächen fair zu sichern? Welche Strategien sorgen für den nötigen Aufwind? Teil zwei unserer Serie über den Weg zum Bürgerwindpark.

Bürgerwindparks, die genossenschaftlich organisiert sind, machen aus Bürgern Unternehmer mit einer demokratischen, partizipativen und ökologischen Zielsetzung. Energiegenossenschaften liegen im Trend: Ihre Zahl ist im vergangenen Jahr um 142 auf knapp 900 gestiegen. Die meisten erzeugen Strom aus Sonnenenergie und Biomasse. Nur ein kleiner Teil investiert in die Windenergienutzung. Grund dafür sind lange Planungszeiten und hohe Investitionskosten. „Solche großen Infrastrukturprojekte erweisen sich aufgrund ihrer Dimension für Bürgergruppen als ambitioniert“, meint Burghard Flieger, Vorstand der innova-Genossenschaft, die Gründungsberatung und Weiterbildungsseminare anbietet. Außerdem konkurrieren finanzstarke Investoren und Projektentwickler um die besten Anlagenstandorte. „Investoren sichern sich mit unredlichen Versprechen ausgewiesene Flächen. Projektierer geben möglichst wenig Know-how preis, das für die Planung, Entwicklung und das Betreiben von Windenergieanlagen erforderlich ist.“ Das ändert sich, wenn sich bürgerschaftliche Akteure mit Flächeneigentümern, Gemeindevertretern, Stadtwerken und lokalen Banken zusammenschließen und die Projektentwicklung in die eigene Hand nehmen.

Wenn alle an einem Bürgerwindprojekt beteiligten Parteien kooperieren, ihr Wissen teilen und ihre Ressourcen einbringen, bleibt der attraktivste Teil der Wertschöpfung in Bürgerhand. Die ersten Schritte von der Organisationsform bis zur Entwicklung der Geschäftsidee sind im ersten Teil unserer Serie beschrieben worden. Haben sich die Windenergiebürger zusammen gefunden und mit den richtigen Partnern vor Ort aufgestellt, gilt es potenzielle Standorte zu finden und die notwendigen Flächen zu sichern.

Wie kommen die Windenergiebürger an die Fläche?

In der Bürgerwindplanung haben sich unterschiedliche Methoden entwickelt – je nachdem, von welchem Akteur die Initiative ausgeht und ob die potenziellen Flächen bereits als Windvorrangfläche gemäß dem Regionalplan oder als Windkonzentrationszonen im kommunalen Flächennutzungsplan ausgewiesen sind. „Darüber hinaus können Windenergieanlagen auch genehmigungsfähig sein, wenn keine explizite Ausweisungen durch die Regional- oder Bauleitplanung vorgenommen wurde. Hierbei sind aber dennoch die regional- und bauleitplanerischen Vorgaben zu beachten“, betont Sascha Schulz von der EnergieAgentur.NRW. Auch bei Flächen, die durch eine Änderung der Planungsgrundlagen künftig in Frage kommen könnten, ist Vorsicht geboten. Denn ob eine Windenergieanlage an einem angedachten Standort tatsächlich errichtet werden kann, stellt sich erst heraus, wenn die unterschiedlichen, für die Genehmigung der Anlagen relevanten Gutachten, die das Bundesimmissionsschutzgesetz für die Genehmigung vorsieht, vorliegen. Einen guten Überblick über die verschiedenen Verfahrensschritte des Planungs- und Genehmigungsprozesses bietet die Online-Plattform WindPlanung.Navi. Sie liefert detaillierte Informationen, um die Leitplanken der Windenergieplanung nachzuvollziehen. Die Verfahrensübersicht hilft einer planenden Bürgerenergiegruppe dabei, mögliche Konflikte frühzeitig abzuschätzen und ihre Bewältigung rechtzeitig anzugehen.

Risiken und Konflikte frühzeitig abschätzen

Um Konflikten um geeignete Anlagenstandorte vorzugreifen, hat der westfälische Landkreis Steinfurt eine Planungsgrundlage erstellt, um so den Bürgermeistern der Region etwaige Windpotenziale in ihrer Kommune aufzuzeigen. Der Wind-Masterplan weist 2.000 Hektar Land aus, die sich für die Windenergienutzung potenziell eignen. Sie weisen ausreichend Abstand zur Wohnbebauung und keinerlei artenschutzrechtliche Bedenken auf. Der Wind-Masterplan ermöglicht eine Flächenplanung im Sinne der kommunalen Wertschöpfung wie der Interessen der Bürger. Auf diese Weise wird der Dialog vor Ort über die Nutzung der Windenergiepotenziale zu einem frühen Zeitpunkt initiiert und geführt. So kann das Instrument dazu dienen, Konflikten vorzubauen und der Inanspruchnahme bestimmter Flächen durch externe Investoren vorzubeugen.

„Alle planen gemeinsam, keiner schließt Fremdverträge ab.“

Nachhaltig geplant ist nur, was allen gleichermaßen nutzt

Sind geeignete Flächen gefunden und gutachterliche Vorprüfungen der Gebiete erfolgt, gilt es, Gespräche mit den Grundstückseigentümern, mit benachbarten Anrainern und Anwohnern und mit der Kommune und den Behörden zu führen. Zugleich müssen die Umwelt- und Fachgutachten, die für die bundesimmissionsschutzrechtliche Genehmigung erforderlich sind, eingeholt werden. Auf ihrer Grundlage werden die besten Planungsalternativen erarbeitet, Hersteller- und Anlagentypenwahl getroffen und Kompensationsmaßnahmen für die beanspruchte Fläche entwickelt.

Bringen die Bürgerwindakteure das für die Planungen erforderliche Know-how nicht mit, können sie ein Planungsbüro als Dienstleister beauftragen. Weil externe Projektierungsgesellschaften ein großes Interesse daran haben, einen Windpark auf gepachteten Flächen zu entwickeln, um ihn später an einen Betreiber zu verkaufen, droht die Gefahr, dass die Wertschöpfung aus diesem lukrativen Teil der Vorhabenentwicklung nicht in der Region bleibt. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) hat deshalb zur Planung von Bürgerwindparks eine Projektberatungsgesellschaft gegründet. Die BBWind bringt Landwirte und Grundstückseigentümer, direkte Anwohner und Projektunterstützer wie lokale Energiegenossenschaften zusammen. „Alle planen gemeinsam, keiner schließt Fremdverträge ab“, sagt Geschäftsführer Heinz Thier. Dafür schließen sich die Akteure zu einer Entwicklungsgesellschaft zusammen, aus der die spätere Betreibergesellschaft des Windparks hervorgeht. „Alle Grundstückseigentümer erhalten Flächenpachten über eine zweigliedrige Nutzungsentschädigung. Damit wird der Fokus nicht auf konkrete Standorte gelenkt, sondern auf die gesamte betroffene Fläche“, erklärt Thier.

Flächen bündeln, interkommunal handeln

Erstreckt sich die Windparkplanung über die Grenze eines Gemeindegebietes hinaus und sind mehrere Kommunen in die Planungen miteinzubeziehen, bietet sich ein Kooperationsmodell an. Die vom Bayerischen Bauernverband mitbegründete Projektentwicklungsgesellschaft Agrokraft hat als Initiator des Bürgerwindparks Streu Saale aus diesem Grund sechs lokale Bürgerenergiegenossenschaften zu einem interkommunalen Verbund zusammengeschlossen. Die Friedlich-Wilhelm Raiffeisen Windpark Streu & Saale eG bündelt die notwendige Flächensicherung in einer Hand und verhindert somit, dass die Flächen an verschiedene überregionale Projektierer fallen und Wertschöpfung aus der Region abfließt. Die Dachgenossenschaft fungiert als Projektentwickler und entlastet auf diese Weise die beteiligten Einzelgenossenschaften von den Risiken der Projektentwicklung. So erhalten die sechs Ortsbürgerenergiegenossenschaften die Möglichkeit, ein Großprojekt zu realisieren, das für sie sonst nicht zu erschließen wäre. Zudem kann jede der sechs örtlichen Bürgerenergiegenossenschaften neben der Entwicklung des Windparks die vorhandene Struktur der Genossenschaft nutzen, um in ihrem Ort eigene wirtschaftlich abgegrenzte Bürgerenergieprojekte anzustoßen.

Faire Pachtverträge

Eine weitere Hürde für die Bürgerwindparkplanung sind die Pachtverträge. Auch wenn Entwicklung und Betrieb genossenschaftlich organisiert sind, erhalten die Grundstückseigentümer eine Pacht für ihre eingebrachte Fläche. Um den „Dorffrieden“ zu wahren und um den vielerorts durch Investorenversprechen angefachten Neid zu vermeiden, ist die Einbindung möglichst aller Eigentümer in einem potentiellen Windparkgebiet ausschlaggebend für eine vertrauensvolle Projektentwicklung. „Die Pachtgelder sollten so berechnet werden, dass sie zu einem fairen Interessensausgleich führen“, sagen Finanzexperten. „Das ist insbesondere bei einer kleingliedrigen Eigentümerstruktur, weiträumigen Konzentrationszonen und einer Planungsphase mit vielen Variablen wichtig“, erläutert Torsten Schwarz, Vorstand der Bürgerwerke eG, einem Zusammenschluss von derzeit 17 Bürgerenergiegesellschaften aus ganz Deutschland. Dadurch wird nicht nur der Kreis derer, die von dem Windpark profitieren, größer. Es erhöht auch die Anzahl der Unterstützer für das kapitalintensive Projekt. Ein weiterer Vorteil: Eine kluge Beteiligung aller Eigentümer der potenziellen Flächen bringt mehr Flexibilität für die Verteilung der einzelnen Anlagenstandorte.

Beim Windpark Streu Saale, der demnächst mit zwölf der geplanten 18 Windenergieanlagen in Betrieb gehen soll, erhalten die Grundstückeigentümer insgesamt drei Prozent der Stromeinnahmen als Pacht. Zehn Prozent davon erhalten die Eigentümer, auf deren Grund ein Windrad steht, und weitere zehn Prozent gehen an die Besitzer der für den Bau benötigten Kranstellflächen. 80 Prozent der Summe wird dagegen auf die gesamte Fläche verteilt. Mit diesem Modell ist es nach Angaben von Agrokraft gelungen, für 600 Grundstücke Pachtverträge abzuschließen und 1.100 Flurstücke zu sichern.

Einen anderen Ansatz, um eine homogene Flächenverteilung für den potenziellen Windpark zu erreichen, hat die Stadt Schleiden in der Eifel verfolgt. Hier hat die Kommunalverwaltung die Vermarktung der Windparkflächen in die Hand genommen und allen Grundstückseigentümern der potenziellen Windparkfläche einen einheitlichen Vorvertrag angeboten. Der Stadtrat hatte die weitere Ausweisung von Flächen für die Windenergienutzung von der Kooperation der Grundstückseigentümer abhängig gemacht und regelte diese vertraglich für die notwendige Änderung der Planungsgrundlage im Flächennutzungsplan. In die Ausgestaltung des Vertrags wurden alle bürgerschaftlichen Akteure einbezogen und die abschließende Fassung vom Stadtrat beschlossen. Zudem übernimmt die Stadt auch die Verteilung der Pachtgelder.

Mit Teilen der Pachtgelder das Gemeinwohl fördern

Der Landkreis Steinfurt hat sieben goldene Regeln zur Entwicklung eines Windparks in Bürgerhand aufgestellt. Danach sollen nicht nur alle relevanten Akteure aus der Umgebung an der Planung beteiligt, sondern auch finanziell beteiligt werden. Auch wer nicht unmittelbar – wie die die Grundstückeigentümer – von der Windstromerzeugung profitiert, soll fair finanziell beteiligt werden. Das kann letztlich die Akzeptanz deutlich erhöhen. So bezieht das Wertschöpfungskonzept der BBWind auch die direkten Anwohner des Windparks mit ein: Sie werden wie die Grundstückseigentümer anteilig der Gesamtpacht des Windparks zugerechnet und erhalten auf diese Weise auch einen Teil der jährlichen Pachtsumme. „Auf diese Weise haben auch diejenigen etwas von den Windrädern, die sie täglich im Blickfeld haben, auch wenn ihnen der Grund auf dem sie stehen, nicht gehört“, erklärt BBWind-Geschäftsführer Thier.

Auch vom Bürgerwindpark Schleiden soll die Allgemeinheit profitieren können: Ein jährlicher Bürgeranteil in Höhe von 120.000 Euro kommt den Schleidener Bürgern zugute. 25 Prozent davon gehen an die Dorfgemeinschaften der umliegenden sechs Anrainer-Ortschaften, entsprechend ihrer Einwohnerzahl. „Diese Gelder sind ausschließlich für Zwecke des Allgemeinwohls innerhalb der Ortschaften zu verwenden, etwa für die Verbesserung und Verschönerung des allgemeinen Dorfbildes, der Dorfgemeinschaftshäuser, der Dorfplätze und ähnlichen Projekten“, erklärt Marcel Wolter, Erster Beigeordneter der Stadt Schleiden das Konzept. Mit den verbleibenden 90.000 Euro sollen jährlich ehrenamtliches Engagement, der Vereinssport, die Stadtbibliothek und andere kulturelle Einrichtungen in Schleiden gefördert werden.

Weitere Teile der Serie „Windenergie in Bürgerhand“:
Teil 1: Von der Idee zum Geschäftsmodell
Teil 3: Bürger richtig beteiligen

2 Gedanken zu „Windenergie in Bürgerhand – Teil 2: Von der Flächensicherung zur Projektentwicklung

  1. Sehr geehrter Herr Hohnwald,

    vielen Dank für Ihre Anregung! Wir haben nun die Möglichkeit eingeräumt, die Artikel auf unserem Blog auch per Email zu verschicken (siehe oben).

    Mit freundlichen Grüßen
    Pia Dağaşan

  2. Warum kann ich diese Art Artikel nicht einfach per e-mail an Freunde verschicken ?
    Ich habe nicht vor , Mitglied von Facebook o. ä. zu werden ,weil ich nicht vom Geheimdienst überwacht werden will !!!!!!!!!!!
    M f G

    Werner Hohnwald

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