Was sind „Gemeinsame Ausschreibungen für Windenergie- und Solaranlagen“?

7. August 2018 | Pia Dağaşan

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Zum ersten Mal führte die Bundesnetzagentur eine gemeinsame Ausschreibung für Windenergieanlagen an Land und Solaranlagen durch. Die wichtigsten Regelungen dazu sind in einer Verordnung geregelt, die bereits im August 2017 in Kraft getreten ist. Dieser Fachbeitrag gibt einen Überblick über die besonderen Regelungen der technologieübergreifenden Ausschreibungen.

Fachbeitrag von Pia Dağaşan, EnergieAgentur.NRW

Seit Inkrafttreten des EEG 2017 wird die Förderhöhe für Erneuerbare-Energien-Anlagen in Ausschreibungen ermittelt (wir berichteten). Bislang wurde für jede Technologie eine eigene Ausschreibung durchgeführt. § 39i des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sieht allerdings vor, dass in den Jahren 2018 bis 2020 technologieübergreifende Ausschreibungen durch die Bundesnetzagentur durchgeführt werden müssen. Das bedeutet, es wird in diesen Jahren Ausschreibungen geben, an denen Windenergieanlagen und Solaranlagen gleichermaßen teilnehmen und um die Gebote konkurrieren werden.

Verordnung für gemeinsame Ausschreibungen
Festgeschrieben ist das Verfahren in der „Verordnung zu den gemeinsamen Ausschreibungen für Windenergieanlagen an Land und Solaranlagen“ (GemAV), die am 10. August 2017 in Kraft getreten ist. Sie sieht vor, dass eine gemeinsame Ausschreibung erstmalig am 1. April 2018 durchzuführen ist. Die zweite Ausschreibungsrunde wird am 1. November starten. Insgesamt sollen pro Jahr 400 MW ausgeschrieben werden (200 MW pro Runde).

Besonderheiten der Verordnung – kein Referenzertragsmodell
Auf den ersten Blick läuft das Verfahren ähnlich wie bei den technologiespezifischen Ausschreibungen ab. Die GemAV legt zunächst fest, dass sowohl für Windenergieanlagen an Land als auch für die Solaranlagen grundsätzlich die Vorschriften des EEG zu beachten sind. Das bedeutet, dass z. B. die Flächenkulissen für Photovoltaikfreiflächenanlagen, die im EEG festgelegt sind, auch für Freiflächenanlagen gelten, die an der gemeinsamen Ausschreibung teilnehmen.

Es gibt aber in der GemAV einige Besonderheiten für die gemeinsamen Ausschreibungen. Bei der Windenergie entfallen zum einen die Privilegien für Bürgerenergiegesellschaften (§ 36 g). Alle Bieter müssen also bereits eine Genehmigung für ihre Windenergieanlage vorlegen, wenn sie ein Gebot abgeben. Zum anderen findet das Referenzertragsmodell keine Anwendung (§ 36 h).

Für PV-Freiflächenanlagen gilt außerdem die Besonderheit, dass die Gebotsmenge 20 MW betragen kann, wenn die Anlage sich in einem Landkreis befindet, in dem ein besonderes Flächenpotenzial besteht. Welche Landkreise über ein solches Potenzial verfügen, kann man der Anlage 2 zur Verordnung entnehmen. In NRW sind das u. a. der Kreis Heinsberg, der Rhein-Erft-Kreis und die Städteregion Aachen. Die Regelung unterscheidet sich also von der Vorschrift im EEG, wonach die Gebotsmenge 10 MW pro Gebot nicht überschreiten darf.

Gebotsabgabe
Im Ausschreibungsverfahren wird – wie bei den technologiespezifischen Ausschreibungen auch – auf den anzulegenden Wert geboten. Das bedeutet, die Bieter geben an, für wieviel Cent pro Kilowattstunde sie ihren Strom verkaufen können. Dabei dürfen sie einen festgelegten Höchstwert nicht überschreiten. Dieser richtet sich in den Gebotsrunden im Jahr 2018 nach dem Gebotswert der jeweils letzten Ausschreibungsrunde für Solaranlagen und betrug im April deswegen 8,84 Cent pro Kilowattstunde.

Zuschlagsverfahren nach der GemAV
Nach der Gebotsabgabe und der Prüfung, ob die Gebote gültig sind, erfolgt durch die Bundesnetzagentur die Zuschlagserteilung nach der Höhe des Gebotswerts. Die Gebote werden also nach der Höhe ihres Gebotswerts sortiert und das niedrigste Gebot erhält zuerst einen Zuschlag und damit eine finanzielle Förderung nach dem EEG.

Im Rahmen der gemeinsamen Ausschreibungen besteht allerdings die Besonderheit, dass bei der Reihung der Gebote durch die Bundesnetzagentur die sogenannte Verteilnetzkomponente berücksichtigt wird. Das ist ein Gebotsaufschlag, der im Verteilnetzausbaugebiet für Windenergieanlagen und Solaranalgen berechnet wird. Dadurch sollen die Kosten, die für die Netz- und Systemintegration entstehen, berücksichtigt werden.

Im Schreiben der Bundesnetzagentur heißt es wörtlich: „Damit die Geschwindigkeit des Zubaus in den Verteilnetzausbaugebieten und mit ihr einhergehend die des weiteren Netzausbaubedarfs verringert werden, haben Gebote für Anlagen im Verteilnetz, die sich auf diese Gebiete beziehen, einen Malus hinzunehmen.“ Welche Gebiete betroffen sind und wie hoch der Aufschlag ist, der zum Gebot hinzugerechnet wird, ergibt sich ebenfalls aus dem Schreiben der Bundesnetzagentur.

Im Kreis Höxter wurde z. B. für Gebote für Windenergieanlagen ein Aufschlag von 0,58 Cent pro Kilowattstunde festgelegt, bei Geboten für Solaranlagen 0,08 Cent pro Kilowattstunde.
Dieser Aufschlag wird auf den Gebotswert, den der Bieter angibt, addiert, wodurch ein Gebot in der Gebotsreihung weiter nach hinten rutschen kann.

Beispiel:
Wenn im Landkreis Höxter für eine Windenergieanlage ein Gebot von 5 Cent pro Kilowattstunde abgegeben wird, wird das Gebot um 0,58 Cent erhöht. Der Gebotswert beträgt dann also 5,58 Cent pro Kilowattstunde. Hat nun ein anderer Bieter 5,2 Cent pro Kilowattstunde geboten und seine Anlage liegt nicht in einem Verteilnetzausbaugebiet, würde er sich vor den Bieter aus Höxter schieben, auch wenn dieser ursprünglich weniger geboten hat und zuerst den Zuschlag erhalten.

Die Verteilnetzkomponente kommt allerdings nur bei der Reihung der Gebote zum Tragen. Erhält der Bieter einen Zuschlag, erhält er als anzulegenden Wert, das, was er ursprünglich geboten hat. Der anzulegende Wert richtet sich also nach dem tatsächlich abgegebenen Gebot.

Beispiel:
Der Bieter aus Höxter würde also als anzulegenden Wert 5,00 Cent pro Kilowattstunde Strom erhalten, wenn er einen Zuschlag erhalten würde und nicht 5,58 Cent pro Kilowattstunde Strom.

Wird die Anlage an das Höchstspannungsnetz angeschlossen, kommt die Verteilnetzkomponente nicht zum Tragen. Bei diesen Geboten entfällt also ein Aufschlag, auch wenn die Anlage im betroffenen Gebiet stehen soll. Aus diesem Grund müssen die Betreiber in ihren Unterlagen Angaben darüber machen, ob sie die Anlage an das Höchtsspannungsnetz anschließen und wer der zuständige Übertragungsnetzbetreiber ist.

Fazit
Die gemeinsamen Ausschreibungen sind nicht unumstritten. Insbesondere die Branche ging davon aus, dass eine Technologie einen Wettbewerbsnachteil erleiden und so der Strommix in Deutschland gefährdet werden könnte. Auch die Verteilnetzkomponente wird kritisiert, weil viele Branchenvertreter das Verfahren zur Festlegung intransparent finden.

Die Ergebnisse der ersten Ausschreibungsrunde zeigten, dass die Bieter mit Solaranlagen einen deutlichen Vorteil hatten. So gingen alle Zuschläge an Solaranlagen, während Windenergieanlagen leer ausgingen. Der durchschnittliche Gebotswert lag bei 4,67 Cent pro Kilowattstunde Strom. Er war damit höher als der durchschnittliche Gebotswert, der im Februar in der reinen Solarausschreibung (4,33 Cent pro Kilowattstunde Strom) erzielt wurde, und etwas niedriger als der durchschnittliche Gebotswert in der Ausschreibung für Windenergieanlagen an Land (4,73 Cent pro Kilowattstunde Strom).

Der nächste Gebotstermin für die gemeinsame Ausschreibung ist am 1. November.