Vor allem ungewöhnlich: Empfehlungen zur Bürgerbeteiligung

5. Dezember 2016 | Kira Crome

© Universität des Saarlandes

© Universität des Saarlandes

Städte und Gemeinden sollten Mut zu neuen überraschenden Kommunikationsformaten beweisen, empfiehlt ein neuer Leitfaden zur gelingenden Bürgerbeteiligung. Er baut auf neuen Forschungserkenntnissen zur Rolle der Bürgerinnen und Bürger bei der Energiewende auf und stellt acht Strategien vor, die es Kommunen leichter machen, ihre Bürgerschaft für den Klimaschutz und den Ausbau Erneuerbarer Energien vor Ort zu gewinnen.

Für ein neues ungewöhnliches Format hat sich die die saarländische Gemeinde Nalbach entschieden, um für mehr Klimaschutz und Erneuerbare Energien zu werben. Sie hat den in England beliebten „Tag der offenen Gärten“, in denen private oder ansonsten unzugängliche Gartenanlagen für die Öffentlichkeit geöffnet werden, adaptiert und während ihrer Energiewochen-Kampagne zum „Tag der offenen Heizungskeller“ eingeladen. Nalbacher Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen präsentierten ihren interessierten Nachbarn die eigene, besonders effiziente oder auf Basis Erneuerbarer Energien arbeitende Heizungsanlage. Die Idee ist einfach: Ein inspirierender Besuch regt zum eigenen Nachahmen nach. Technologische Lösungen werden in zwangloser Atmosphäre sichtbar, lokales Wissen und persönliche Erfahrungen praktisch über den Gartenzaun ausgetauscht. „Neben Informationen aus erster Hand und der Vernetzung mit Gleichgesinnten wurde hier ein klares Zeichen gesetzt“, bewertet die Forschungsgruppe Klima-Citoyen die Beteiligungsmethode der Kommune. „Es funktioniert, hier in meiner Straße!“, lautet die Botschaft, die andere Unbeteiligte zum Mittun mobilisieren soll.

Die Forschungsgruppe Klima-Citoyen der Universität des Saarlandes, der Zeppelin Universität Friedrichshafen und des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) hat über drei Jahre hinweg in vier Städten, Gemeinden und Regionen verschiedene Beteiligungsmethoden entwickelt und erprobt. Das Ergebnis ist ein praxisorientierter Wegweiser für eine gelingende Bürgerbeteiligung, der auf den mehrjährigen Untersuchungen und der sozialwissenschaftlichen Begleitforschung basiert. Der Leitfaden „Der Weg zum Klimabürger“ wendet sich an Klimaschutzmanager und -beauftragte, Bürgerinitiativen sowie zivilgesellschaftliche Akteure. Präsentiert werden acht Strategien für eine „kreative“ Bürgerbeteiligung. „Einige dieser Strategien sind noch relativ unbekannt“, so das Autorenteam.

Energie-Speed-Dating, Erneuerbare Energie-Sightseeing, Sammelpostkarten zum Thema Erneuerbare Energien, grüne Hausnummern für besonders umweltverträglich gebaute Häuser und ressourcenschonend geführte Haushalte – die Liste neuer Herangehensweisen, um in der Bürgerschaft für Klimaschutz und lokale Energiewende zu werben, ist lang. Die Gemeinde Nalbach hat zum Beispiel ihre Klimaschutz- und Energiewendeaktivitäten mithilfe einer Bürgerplattform verstetigt und über eine Website lokale Akteure aus Politik und Verwaltung, Unternehmen und Handwerk vernetzt.

Das Nalbacher Beispiel soll Schule machen. Dass die Art und Weise, wie Kommunen ihre Bürgerschaft an kommunalen Energie- und Klimaschutzprojekten mitwirken lässt, nicht nur über die Akzeptanz für Effizienzmaßnahmen oder den Ausbau Erneuerbarer Energien vor Ort entscheidet, sondern auch ein langfristiges Engagement der Menschen für die Vorhaben in ihrem Wohnort fördert, ist bekannt. Allerdings ist eine erfolgreiche Bürgerbeteiligung immer noch eine in der Praxis schwierig zu nehmende Hürde. Insbesondere dann, wenn sich Widerstand gegen geplante lokale Erneuerbare-Energie-Vorhaben regt oder wenn sich Teile der Bürgerschaft mit herkömmlichen Beteiligungsangeboten und -pfaden nur schwer erreichen lassen.

„Die Energiewende ist ein gesellschaftlicher Wandlungsprozess, der durch neue Handlungsmöglichkeiten auf der einen und neue Verantwortlichkeiten auf der anderen Seite gekennzeichnet ist“, so das Forschungsteam. Dadurch wird das bisherige Rollenverständnis auf den Kopf stellt. Kommunalen Verwaltungen, Versorgern und Unternehmen kommen neue Rollen zu, vor allem aber auch den Bürgerinnen und Bürgern: Sie werden zu Prosumern, also zu Produzenten und Verbrauchern zugleich. Als Investoren treiben sie Energieprojekte in Städten und Gemeinden voran. Als gesellschaftliche Akteure gestalten sie den Verlauf der Energiewende mit. Sie verbessern Altbewährtes und probieren Neues aus – kurz: Sie werden zum Klimabürger. Wollen Kommunen ihre Klimaschutzziele erreichen und Erneuerbare Energieprojekte erfolgreich umsetzen, sollten sie bei der Bürgerbeteiligung eingetretene Denkpfade verlassen und neue Herangehensweisen ausprobieren, die dem neuen Rollenverständnis gerecht werden, empfiehlt der Leitfaden „Der Weg zum Klimabürger“.

Schritt für Schritt zeigt der Wegweiser auf, wie Kommunen schlummernde Potenziale für Energiewendeprojekte aufdecken können, wie sie Gelegenheiten, sie auf den Weg zu bringen, erkennen und nutzen können, und schließlich wie sie ihre Bürgerschaft in den verschiedenen Rollen als Konsumenten, Investoren und soziale oder politische Akteure ansprechen und mobilisieren können. „Kommunen haben vielfältige Möglichkeiten, ihre Bürgerinnen und Bürger zu aktivieren und Kooperationspartner zu gewinnen“, sagt IÖW-Wissenschaftlerin und Mitautorin Ria Müller. „Wir zeigen mit zahlreichen Praxisbeispielen, auf welche Weise Städte und Gemeinden bereits erfolgreich Bürgerbeteiligung für Klimaschutz und Energiewende umgesetzt haben. Eine Nachahmung ist ausdrücklich erwünscht.“

Der Leitfaden präsentiert verschiedene Möglichkeiten der Ansprache, die Kommunen nutzen können, um für Klimaschutz- und Energiewendeprojekte aufmerksam zu machen. „Auch ungewöhnliche und überraschende Kommunikationsformate können erfolgreich sein“, sagt Mitautor Jan Hildebrand von der Universität des Saarlandes. Weiterhin zeigt der Wegweiser, welches Klimaschutzpotenzial etwa in einer Aktivierung kommunaler Vereine, wie Sport-, Karnevals- oder Schützenvereinen liegen oder wie eine finanzielle Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern in Gemeinschaftsenergieanlagen organisiert werden kann.

Weiterführende Informationen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.