Per Dialog zur Energiewende in der Region

20. April 2016 | Kira Crome

© Render/Forschungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft an der RWTH Aachen 2016

© Render/Forschungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft an der RWTH Aachen 2016

Die Energiewende findet im Lokalen statt. Werden die örtlichen Veränderungen von einem informellen regionalen Energiekonzept getragen und gesteuert, führt das zu besseren Lösungen, wie eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung belegt. In der Städteregion Aachen hat ein breites gesellschaftliches Dialogprojekt zur Findung eines Fahrplans für die Energiewende vor Ort begonnen. Beteiligt sind die zehn Kommunen der Städteregion, Forschungsinstitutionen, Energieunternehmen, lokale Akteure und die interessierte Öffentlichkeit.

Wo die Energiewende angepackt wird, stellen sich viele Fragen: Wie können der Ausbau Erneuerbarer Energien, Energieeffizienzsteigerungen und Energieeinsparung strategisch angegangen werden? Mit welchen Zielen und Mitteln? Wie lassen sich ökonomische Chancen sinnvoll nutzen und Risiken minimieren? Über alldem steht der Anspruch, den Ausbau Erneuerbarer Energien in der Region zielgerichtet voranzutreiben und zugleich die Interessen von lokalen Bürgern, Politik, Unternehmen und gesellschaftlichen Gruppen zu wahren.

Um diese Frage strategisch anzugehen, hilft die Entwicklung eines regionalen Energiekonzepts weiter. Es dient als Richtschnur, um die relevanten Akteure und Interessengruppen in einem Netzwerk zusammenzuschließen. Gemeinsam formulieren sie in einem strukturierten, moderierten Prozess Ziele und Leitbilder für die Energiezukunft ihrer Region. Ein solcher „Masterplan“ dient dann als Planungshilfe, um konkrete Maßnahmen für die Energiewende vor Ort zu implementieren. „Eine solche Steuerung auf regionaler Ebene ist ein Erfolgsfaktor“, sagt Harald Herrmann, Direktor des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung, das kürzlich die Verbreitung und Wirksamkeit von regionalen Energiekonzepten untersucht hat. „Auf diese Weise wird die Zusammenarbeit von Landkreisen, Städten und Gemeinden koordiniert und unterstützt.“ Letzten Endes soll das zu mehr Akzeptanz führen. Allerdings fehlte es bislang häufig noch an wirksamen Strategien, um die energiepolitischen Ziele und Handlungsempfehlungen in der Breite zu verankern und tatsächlich umzusetzen. Handlungsempfehlungen dazu leitet die Studie aus den Erfahrungen von vier Beispielregionen ab. Darüber hinaus will die Städteregion Aachen zeigen, wie diese praktische Lücke sinnvoll geschlossen werden kann.

Auf dem Weg zur Energiewende in der Städteregion Aachen
Sie erarbeitet gegenwärtig einen regional übergeordneten Gesamtansatz zur Umsetzung der Energiewende. Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 3,5 Millionen Euro gefördert. Bis 2018 will der „Regionale Dialog Energiewende – Gemeinsam auf den Weg machen zur EnergieRegion Aachen 2030“ (kurz: Render) in einem breiten Beteiligungsprozess ein Innovationskonzept für die Energiewende in den zehn Kommunen der Region festlegen. Neben dem leitenden Forschungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft an der RWTH Aachen zählen weitere Forschungsinstitutionen, regionale Energieversorger und Stadtverwaltungen zu den insgesamt acht Projektpartnern. In die Erarbeitung des Innovationskonzepts sind außerdem verschiedene Institutionen in den Teilregionen eingebunden – wie Handwerkskammern, Gewerkschaften, Finanzierer, Unternehmen, Kommunen, Energievereine und Bürgerinitiativen.

Dabei sollen nicht nur Ziele für die Energieregion 2030 formuliert werden. Auch über konkrete Maßnahmen, die in den kommenden 15 Jahren umgesetzt werden sollen, will man sich verständigen. Im Fokus stehe dabei die überkommunale Zusammenarbeit in der Städteregion, erklärt Render-Projektleiter Jens Schneider vom Aachener Forschungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft: „Bislang läuft es so, dass jede Kommune einzeln ihre Erneuerbare Energien-Planung macht. Wir wollen das aber regional steuern.“ Das bringe eine Reihe von Mehrwerten mit sich: „Der Prozess macht allen Betroffenen bewusst, was das überhaupt bedeutet, die Klimaschutzziele zu erreichen. Sie lernen, was sie im Bereich der Erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz leisten müssten, um die Klimaschutzziele erreichen zu können“, so Schneider. Zudem verhelfe der Dialog auch zu einer Versachlichung der Diskussion von Maßnahmen zur lokalen Energiewende vor Ort: „Ein solches partizipatives Vorgehen zeigt, dass man nicht einfach nur Nein sagen darf, sondern Alternativen finden muss. Wenn eine Kommune beispielsweise die Windenergienutzung ablehnt, muss sie auf andere regenerative Energiequellen setzen, damit die festgelegten Klimaschutzziele für die Region insgesamt erreichen werden können.“

Damit das Innovationskonzept als Blaupause für die Energiewende in der Städteregion funktioniert und tatsächlich umgesetzt wird, gelte es aber über die Ziele- und Maßnahmenentwicklung hinaus auch übergreifende Umsetzungsstrategien, soziale und technische Innovationen sowie Kooperations- und Vermarktungsmodelle zu entwickeln. Nur so könne die „Energieregion Aachen 2030“ langfristig Erfolg haben und einen signifikanten regionalen Wertschöpfungseffekt erzielen. Dabei setze man nicht nur auf den Ausbau der Erneuerbaren Energien, sondern schließe auch den Ausbau der Energieeffizienz, der Kraft-Wärme-Kopplung und von Speichersystemen ein.

Vom Zukunftsszenario zum Handlungsprogramm
„Uns geht es letztlich um neue Ebenen der Kommunikation und neue Allianzen in der Zusammenarbeit von unterschiedlichsten Akteuren“, erklärt Scheider den Ansatz von Render. Kein leichtes Unterfangen, denn die Städteregion Aachen ist groß. Dem Gemeindeverband mit einer Fläche von 700 Quadratkilometern gehören zehn Kommunen entlang der westlichen Landesgrenze an; von Baesweiler im Norden bis Monschau im Süden. 560.000 Menschen leben in den Teilregionen, die wirtschaftlich unterschiedlich geprägt sind. Der Dialogprozess ist deshalb bewusst breit angelegt und erstreckt sich über insgesamt vier Jahre. Im ersten Schritt werden in einem mehrteiligen Beteiligungsprozess wahrscheinliche oder absehbare Entwicklungstrends in der Städteregion analysiert. Im zweiten Schritt werden daraus unter Berücksichtigung bereits vorhandener Entwicklungsprogramme und Aktivitäten Szenarien abgeleitet, die beschreiben sollen, auf welchen Wegen die Ziele für die regionale Energiewende erreicht werden. „Dabei werden schon konkrete Maßnahmen und mögliche Standorte mit in die Diskussion gegeben“, so Schneider. „Dafür entwickeln wir unter breiter gesellschaftlicher Beteiligung einen Kriterienkatalog, um zu bewerten, welche Technologien in welcher Anzahl und Größe für die Region sinnvoll und sozial-ökologisch akzeptabel sind.“ Helfen soll dabei ein grafisches Visualisierungswerkzeug. Das speziell für die Region entwickelte enerGIS-Tool stellt die unterschiedlichen Energie-Mix-Potenziale in den Teilregionen dar und macht die Wirkungen von angedachten Maßnahmen im Raum plastisch.

Das Ergebnis mündet letztlich in einem konkreten Handlungsprogramm, das Ziele, Zeitfenster, Zuständigkeiten, Maßnahmen und Ressourcenbedarfe beschreibt. „Unsere Arbeit soll am Ende des Tages aufzeigen, was gemacht werden muss, um die vereinbarten Energieziele bis 2030 zu erreichen“, erklärt Schneider. Das Programm soll von den einzelnen Kommunen legitimiert werden und somit fest in der Region verankert werden.

Akzeptanz durch Flexibilität und regionales Denken
Von dem Projekt ist auch die für die EnergieAgentur.NRW im Regierungsbezirk Köln zuständige Klimanetzwerkerin überzeugt. „Render bringt die unterschiedlichsten Akteure in einer sehr großräumigen Region zusammen, um miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagt Carina Peters. Dass die Städteregion für die Energiewende mehrheitlich aufgeschlossen ist, hat eine repräsentative Umfrage des Rhein-Ruhr-Instituts für Sozialforschung und Politikberatung (RISP) im Rahmen des Projekts ergeben. Weniger als 10 Prozent der 1.005 befragten Bürgerinnen und Bürger äußerten Vorbehalte. So ist der mehrstufige Prozess mit viel Raum angelegt, um mögliche Konflikte frühzeitig zu erkennen und belastbare Lösungen zu finden. Das erfordere vor allem viel Kommunikation, betont Projektleiter Jens Schneider. „Im Moment müssen viele Kommunen in der Städteregion Windkonzentrationsflächen in ihren Gemeinden ausweisen“, greift Schneider eine Herausforderung heraus. Konflikte ließen sich vermeiden, wenn etwa über Gemeindegrenzen hinweg gedacht und ein interkommunaler Windpark ins Auge gefasst würde. Durch Render werde das möglich; das regionale Denken schaffe Flexibilität. „Eine Kommune mit knappen Flächen muss nicht krampfhaft versuchen, potenzielle Anlagenstandorte auszuweisen. Denn das Nichterfüllen von Zielen kann von anderen Kommunen ausgeglichen werden, damit die Region als Ganzes die Ziele für die Region 2030 erreicht“, erläutert Schneider die Vorteile.

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