Online-Umfrage: Was macht eine attraktive Landschaft aus?

19. Januar 2017 | Kira Crome

© Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU)


© Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU)

Eine Forschungsgruppe der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU), der Universität Stuttgart, der Bosch & Partner GmbH und dem Institut für nachhaltige Energie- und Ressourcennutzung (INER) entwickelt derzeit im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz ein flächendeckendes Bewertungsmodell für das Landschaftsbild. Damit füllt sie eine Lücke. Denn für großräumige Planungsvorhaben wie dem Netzausbau, die über Bundeslandgrenzen hinweg betrieben werden, fehlt eine solche einheitliche Grundlage. Dazu rufen die Forscher noch bis Anfang Februar zu einer Online-Umfrage auf.

Wenn wir eine Landschaft betrachten, wissen wir in Sekundenbruchteilen, ob wir sie schön finden oder nicht. Zu benennen, warum, fällt schon schwerer. Was schön ist, liegt nämlich ganz im Auge des Betrachters. Dabei gibt es durchaus einen allgemeinen Konsens darüber, was einen reizvollen Landstrich ausmacht. Dieses gemeinsame Verständnis schlägt sich im Bundesnaturschutzgesetz nieder, das zum Erhalt des Erscheinungsbilds und des Erholungswerts von Natur und Landschaft verpflichtet. Landschaftsplaner suchen diesen Konsens empirisch zu beschreiben und bemessen die Ästhetik, Eigenart und Vielfalt einer Landschaft. Mithilfe komplexer Rechenmodelle kann so für jeden Punkt in der Landschaft die Anmutung der Umgebung qualitativ bewertet werden. Diese Daten fließen in die Planungspraxis ein. Sie dienen dazu, die Auswirkungen von Bauvorhaben auf Natur und Landschaft zu untersuchen. Aus der Bewertung wird abgeleitet, wo aus Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes große Bauwerke wie Autobahnen, Stromtrassen oder Windenergieanlagen gebaut werden können und wo besser nicht. „Einer effektiven, effizienten und wissenschaftlich validen Landschaftsbildbewertung auf allen Ebenen der Planung und Umsetzung erneuerbarer Energien kommt daher für eine frühzeitige Konflikterkennung und Konfliktlösung eine hochgradig relevante Rolle zu“, erklärt Michael Roth, Professor für Landschaftsplanung an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). Er leitet eine vom Bundesamt für Naturschutz beauftragte Forschungsgruppe, die gemeinsam mit der Universität Stuttgart, der Bosch & Partner GmbH und dem Institut für nachhaltige Energie- und Ressourcennutzung (INER) an der Entwicklung eines Bewertungsmodells für den Ausbau des Stromnetzes arbeitet. Damit soll das Landschaftsbild an jedem beliebigen Punkt in Deutschland einheitlich beschrieben und messbar werden.

Das Problem: Bei solch großräumigen Planungsvorhaben wie dem Netzausbau sind die Wirkräume von Freileitungen besonders groß. Dafür kann eine Betrachtung der Planungsräume über Gemeinde-, Landkreis- und sogar Landesgrenzen hinweg erforderlich werden. Bislang aber fehlt es an einem flächendeckenden Bewertungsmodell, um die Qualität des Landschaftsbilds raum- und vorhabenbezogen bemessen zu können. „Wenn über Länder- oder Staatengrenzen hinweg gearbeitet werden muss, treten eine Reihe praktischer Probleme bei der Umsetzung der Landschaftsbildbewertung auf“, sagt Roth. Diese Probleme seien nicht nur methodischer Art, heißt es in der Studie der Forschungsgruppe zum Stand der Landschaftsbildwertung in Deutschland. So würden zum Beispiel die Kriterien, um die zentralen naturschutzrechtlichen Begriffe wie Schönheit, Eigenart und Vielfalt zu fassen, in den Bundesländern und in der Planungspraxis unterschiedlich operationalisiert. Schwierigkeiten entstünden auch durch unterschiedliche, teilweise inkompatible Datengrundlagen oder fehlendes Wissen über methodische Vorarbeiten.

Um die Trassenführung beim Netzausbauvorhaben mit ihren Auswirkungen auf Natur und Landschaft besser bewerten und optimieren zu können, hat das Bundesamt für Naturschutz die Forschungsgruppe beauftragt, ein flächendeckendes Bewertungsmodell zu entwickeln. In die Modellentwicklung soll auch einfließen, welche Arten von Landschaft gemeinhin als „schön“ empfunden werden. Um diesen Konsens im Modell berücksichtigen zu können, hat die Forschungsgruppe eine Online-Umfrage gestartet.

„Wir möchten erfahren, wie unterschiedlich Menschen Landschaften bewerten“, erklärt Projektleiter Roth das Vorhaben. „Wir zeigen bei der Umfrage verschiedene Fotos, die jeder ganz persönlich nach verschiedenen Aspekten beurteilen kann.“ Die Fotos geben verschiedene deutsche Landschaften und unterschiedliche Landnutzungsformen wieder. Sie werden aus einer Gesamtauswahl von mehr als 800 Bildern im Zufallsverfahren gezogen. Die Grundgesamtheit soll das gesamte Spektrum von Landschaftsbildern in Deutschland abdecken und reicht vom Küsten- bis zum Alpenraum, von Wald- über Offenland bis hin zu siedlungsgeprägten Landschaftsräumen. Der Teilnehmer ist gefordert, jedes Landschaftsbild einzeln zu betrachten und hinsichtlich seiner Vielfalt, Eigenart und Schönheit zu bewerten. Gefragt wird auch danach, welchen Erholungswert die dargestellte Szenerie hat und wie naturnah die Landschaft eingeschätzt wird.

Alle eingegangenen Bewertungen werden anonymisiert. Die Angaben werden statistisch ausgewertet und mithilfe komplexer Rechenmodelle, in die digitale Geodaten von Siedlungsdichte über Flächennutzung und Infrastruktur bis zu Topografie und Schutzwürdigkeit einfließen, mit den Landschaftskomponenten und -elementen in Beziehung gesetzt. „Aus den gewonnen Daten entwickeln wir ein einheitliches Modell – also im Prinzip einen Maßstab zur Bewertung einer Landschaft, der unserer realen und individuellen Wahrnehmung möglichst nahe kommt“, so Roth. „Das klappt natürlich umso besser, je mehr unterschiedliche Menschen an der Umfrage teilnehmen. Jeder kann und darf gerne mitmachen“, wirbt der Projektleiter für eine breite Beteiligung an der Online-Umfrage, die noch bis Anfang Februar 2017 läuft.

Die von der Forschungsgruppe entwickelte Bewertungsmethode soll flächendeckend angewendet werden, um insbesondere die Korridorführung von Stromtrassen naturschutzfachlich besser bewerten und optimieren zu können. Das Modell funktioniert wie eine bundesweite Landkarte, die für einen bestimmten geografischen Punkt die Schönheit, Vielfalt und Eigenart der Landschaft beschreibt. Es soll eine projektbezogene einheitliche Beurteilung ermöglichen, wie geplante Freileitungen und Erdkabel auf das Landschaftsbild wirken und in welchem Maße sie das Erscheinungsbild und die Erholungsfunktion beeinträchtigen. Diese Erkenntnisse sollen im nächsten Schritt in ein Konzept zur Ermittlung des Konfliktpotenzials von Netzausbau und Landschaftsbild münden, das anhand von Beispielregionen exemplarisch angewandt wird. Die Ergebnisse sollen schließlich in die Strategische Umweltprüfung (SUP) zum Bundesbedarfsplan (BBP) und zur Bundesfachplanung einfließen.

Das vom Bundesamt für Naturschutz beauftragte Projekt „Entwicklung eines Bewertungsmodells zum Landschaftsbild beim Stromnetzausbau“ wird von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) gemeinsam mit der Universität Stuttgart, der Bosch & Partner GmbH und dem Institut für nachhaltige Energie- und Ressourcennutzung (INER) durchführt.

 

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