NEW 4.0-Studie: Die Energiewende transparent, anschaulich und lebensnah vermitteln

23. Juli 2018 | Kira Crome

© www.mediaserver.hamburg.de / Jörg Böthling.

Bis 2035 soll die Modellregion Hamburg und Schleswig-Holstein die Energiewende geschafft haben. Motor dafür ist das Verbundprojekt NEW 4.0. Es erprobt nicht nur technologische Innovationen, sondern untersucht auch die Zustimmung der Öffentlichkeit zum Umbau des Energiesystems. Ein erstes Zwischenresultat lautet: Die Energiewende muss verständlicher werden.

Eineinhalb Jahre nach dem Auftakt des Verbundprojekts Norddeutsche Energiewende 4.0 (NEW 4.0) steht das norddeutsche Großprojekt mitten in der Umsetzungsphase: Immer mehr Demonstrationsanlagen gehen in Betrieb, die den Entwicklungspfad aufbauen sollen, um Hamburg und Schleswig-Holstein bis zum Jahr 2035 zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Zuletzt ging im schleswig-holsteinischen Jardelund Europas größter Lithium-Ionen-Batteriespeicher in Betrieb. „EnspireME“ hat eine Leistung von 48 Megawatt und kann so viel Strom aus den umliegenden Windparks speichern wie 5.300 Haushalte durchschnittlich an einem Tag verbrauchen. Demnächst will das Hamburger Aluminiumwerk Trimet mit der Testphase für die Lastverschiebung bei der Aluminiumelektrolyse starten, um den industriellen Verbrauch besser an die Stromerzeugung anpassen zu können. Schon seit November letzten Jahres testen die Stadtwerke Flensburg eine Alternative zum teuren Einspeisemanagement, mit dem die Stromnetze stabilisiert werden und erproben die Nutzung von überschüssigem Windstrom für die Wärmeerzeugung.

Die Energiewende ist nicht allein ein technisches Projekt. Soll sie gelingen, braucht sie auch die Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger. Im Fokus des vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten NEW 4.0-Forschungsprojekts stehen deshalb nicht nur technologische Innovationen und neue Marktplattformen, um die regionale Energiewende umzusetzen. Erforscht wird auch, wie das Vorhaben von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. „Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern ist einer der Dreh- und Angelpunkte für den Erfolg der Energiewende“, ist Professor Werner Beba vom Competence Center Erneuerbare Energien und Energieeffizienz (CC4E) an der HAW Hamburg, Projektleiter und Sprecher des NEW 4.0-Konsortiums, überzeugt. „Wir werden deshalb bis 2020 mit allen Mitteln moderner Kommunikation tief in die Region hineintragen, welchen Nutzen ein jeder – gleich ob Unternehmen oder Privatverbraucher – von der Energiewende letztlich hat.“

„Zeit, dass sich was dreht“
Einen buchstäblich plakativen Auftakt machte eine Werbekampagne im vergangenen Sommer: Auf mehr als 200 Großplakaten und digitalen Anzeigetafeln in Hamburg und in Schleswig-Holstein machte NEW 4.0 mit der Botschaft „Zeit, dass sich was bewegt“ auf sich aufmerksam. „Weitere Elemente sind eine intensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Bespielung ausgewählter Social-Media-Kanäle, zum Beispiel mit kurzen Erklärfilmen, und Informationsveranstaltungen“, sagt Sandra Meyer vom CC4E an der HAW Hamburg, das den Baustein Akzeptanzförderung und –forschung des NEW 4.0-Projekts betreut.

Kürzlich ist zudem eine multimediale Wanderausstellung eröffnet worden, die in den nächsten drei Jahren durch die Projektregion tourt und in mehr als 60 Orten Station machen wird. Mittelpunkt ist ein digitales Exponat, das die norddeutsche NEW 4.0-Modellregion dreidimensional auf etwa vier mal zwei Metern Größe darstellt. Mithilfe von Augmented-Reality-Bildschirmen können die Ausstellungsbesucher spielerisch erkunden, vor welchen Herausforderungen die Energieversorgung von morgen steht und wie sie zu bewältigen sind. „Damit werden wir die Energiewende zum Anfassen präsentieren“, sagt Beba.

Die Energiewende muss verständlicher werden
Ob die Vermittlung gelingt, wird parallel dazu in einer sozialwissenschaftlichen Begleitstudie, die auf etablierten Forschungskonzepten der Akzeptanzforschung aufbaut, untersucht. Dafür wird dreimal während des auf vier Jahre angelegten NEW 4.0-Projekts in repräsentativen Online-Befragungen erhoben, inwieweit die Bevölkerung in Hamburg und Schleswig-Holstein den Zielen der Energiewende und dem damit verbundenen Umbau des Energiesystems zustimmt. Auch wollen die Forscher über den Wissensstand der Befragten besser Bescheid wissen und herausfinden, welche Faktoren und Bedingungen die Haltung der Bürgerinnen und Bürger zum Aus- und Umbau des Energiesystems beeinflussen. Zudem hält die Begleitforschung auch die Kommunikationsmaßnahmen des NEW 4.0-Projekts nach und erfragt in Telefoninterviews, wie einzelne Elemente wie beispielsweise die Wanderausstellung vor Ort auf die Menschen wirken.

Jetzt liegt die erste Teilstudie „Einstellungen zur Energiewende in Norddeutschland. Erste Befragung im Rahmen der Akzeptanzforschung für das Projekt NEW 4.0“, die nach Ablauf des ersten Projektjahres erschienen ist, vor. Darin ziehen die Autoren ein erstes Zwischenfazit und schreiben der Energiewende-Kommunikation Nachbesserung ins Pflichtenheft. Denn obgleich die Mehrheit der Befragten die Bedrohung durch den Klimawandel durchaus als groß einschätzt (85 %) und der Energiewende positiv gegenübersteht (73 %), fühlen sich viele über die genauen Zusammenhänge der Energiewende nicht richtig informiert. „Auch wenn Wissensabfragen im Rahmen von Befragungen vermutlich zurückhaltender als im Alltag beantwortet werden, gibt es hier ganz offensichtlich noch Nachholbedarf, um der Bevölkerung nicht nur die Dringlichkeit, sondern auch die Zusammenhänge und konkreten Inhalte der Energiewende zu vermitteln“, heißt es in der Studie.

Hintergründe und Zusammenhänge besser erklären
Ein Großteil der Befragten findet die technischen Details und Zusammenhänge nur schwer verständlich (48 %). Ein kleiner Teil (9 %) gab sogar an, dass sie nicht wüssten, was der Begriff „Energiewende“ bedeutet. „Solche Informationsdefizite gefährden die eigentlich hohe Zustimmung zur Energiewende“, sagt Beba. Die Energiewende-Kommunikation müsse deshalb nachlegen und bei der Sachaufklärung auf Transparenz, Anschaulichkeit und Lebensnähe setzen.

Informiertheit und Beteiligung sind starke Einflussfaktoren auf die persönliche Einstellung zur Energiewende wie auch auf die Verhaltensabsicht, lautet ein Fazit der Studie. Danach gefragt, welche Maßnahmen sich positiv auf die Haltung zum Ausbau erneuerbarer Energien auswirken könnten, nannten die Befragten überwiegend Beteiligungsmaßnahmen wie Informationen, Besichtigungen vor Ort und Beteiligungsformen am Entscheidungsprozess. Nur ein Viertel der Befragten sahen monetäre Anreize als förderlich an. Auch strukturelle Faktoren wie die Abschaltung von Kohle- oder Kernkraftwerken oder die Entstehung neuer Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Region spielten als beeinflussende Faktoren eine geringere Rolle, machen die Umfrageergebnisse deutlich. Als weniger relevant habe sich zudem die eigene Erfahrung – zum Beispiel die Nähe zu Erneuerbare Energieanlagen im Wohnumfeld – erwiesen. Eine weitaus wichtigere Einflussgröße auf die Haltung zur Energiewende sei hingegen das jeweilige soziale Umfeld. So spiele es zum Beispiel eine Rolle, ob erneuerbare Energien und Klimapolitik im persönlichen Umfeld ein Gesprächsthema sind und wie die Bewertungen dazu ausfallen. Meist werde im Freundeskreis, gefolgt von der Familie und dem Kollegenkreis darüber gesprochen.

Die Erkenntnisse sollen auch in der laufenden Kommunikation des NEW 4.0-Projekts selbst aufgegriffen werden. Wie sich die Einstellungen zur Energiewende im weiteren Verlauf des Projekts weiter verändern, wird nun jährlich in zwei weiteren Akzeptanzstudien erhoben werden.

Das Verbundprojekt NEW 4.0 ist wie das größtenteils im Ruhrgebiet angelegte Projekt „Designnetz“ (wir berichteten) eines der fünf ausgewählten Verbundprojekte in bundesweit verteilten Modellregionen im Rahmen des Förderprogramms SINTEG (Schaufenster Intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende). Mit rund 200 Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die fünf SINTEG-Regionen. Im NEW 4.0-Projekt haben sich rund 60 Partner aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zu einer „Innovationsallianz“ für das Jahrhundertprojekt Energiewende zusammengeschlossen. Unterstützt wird das Projekt von den Landesregierungen beider Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein.

Weiterführende Information:
Norddeutsche Energiewende NEW 4.0 (2018): Einstellungen zur Energiewende in Norddeutschland. Erste Befragung im Rahmen der Akzeptanzforschung für das Projekt NEW 4.0