Neue VDI-Studie untersucht Akzeptanzprobleme

23. April 2014 | Kira Crome

Neue Energiewende-Projekte stoßen häufig auf Widerstand der Bürger.

Neue Energiewende-Projekte stoßen häufig auf Widerstand der Bürger.

Wenn sich Bürger gegen den Ausbau erneuerbarer Energieprojekte stellen, ist das Sand im Getriebe der Energiewende. Wie aber lassen sich Bürger besser in Entscheidungen einbinden? Dieser Frage geht eine vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in Auftrag gegebene Studie nach, die den Blick auf die Ursachen für anhaltende Bürgerproteste bei Energie-Infrastrukturprojekten lenkt. Die Ergebnisse machen vor allem weiteren Forschungsbedarf zu standortbezogenen Akzeptanzproblemen aus.

Der Umbau des deutschen Energiesystems hat eine Vielzahl von Infrastrukturprojekten im Gepäck. Doch der Fortschritt der Energiewende hängt vor allem vom Zuspruch vor Ort ab. Wenn Bürger sich von Vorhabenträgern übergangen fühlen, knirscht es im Getriebe. Anhaltender Bürgerprotest stellt die Umsetzung geplanter Projekte in Frage, führt zu erheblichen Verzögerungen und birgt letztlich entscheidende finanziellen Risiken für die beteiligten Akteure und Investoren. Damit Großprojekte wie der Bau von Windparks oder neuen Stromtrassen rund laufen, müssen die Menschen in die Planungen eingebunden werden, sind sich Experten allenthalben einig. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) setzt deshalb auf mehr Bürgerbeteiligung und entwickelt dafür Handlungshilfen, wie die jüngst vorgestellte Richtlinie zur frühen Öffentlichkeitsbeteiligung bei Industrie- und Infrastrukturprojekten. Jetzt hat der VDI den Werkzeugkasten für Ingenieure, Planer, Gutachter, Kommunikationsagenturen und Prozessgestalter um eine Studie ergänzt, die tiefer blickt und den Ursachen für wiederkehrende, hartnäckige Kontroversen um Großvorhaben nachgeht.

Bürgerproteste seien nicht etwa auf Technikfeindlichkeit in der Bevölkerung zurückzuführen, noch seien sie Kennzeichen einer Durchsetzungsschwäche des demokratischen Systems, stellt die Studie fest.

Den Bürgerprotest besser verstehen
Die Studie will in erster Linie das Problemverständnis fördern. „Sie löst sich von immer noch weit verbreiteten Analyse- und Erklärungsansätzen, die Akzeptanzprobleme vornehmlich an den Wahrnehmungen und Haltungen von Bürgern gegenüber bestimmten Technologien festmachen“, sagt Stephan Berends vom VDI. Vielmehr wolle Autor Daniel Barben, Professor für Zukunftsforschung an der RWTH Aachen, erklären, warum tiefgreifende Veränderungsprozesse, die Technologiefortschritt und Industrieentwicklung im Gepäck haben, vor Ort überhaupt zu Widerständen führen. Auf diese Weise soll die Studie dazu beitragen, aktuelle und künftige Akzeptanzprobleme bei der Planung und Umsetzung von Energie-Infrastrukturvorhaben besser zu verstehen.

„NIMBY“ – unzureichende Erklärungsmuster
Bürgerproteste seien nicht etwa auf Technikfeindlichkeit in der Bevölkerung zurückzuführen, noch seien sie Kennzeichen einer Durchsetzungsschwäche des demokratischen Systems, stellt die Studie fest. Doch auch die gängige Beschreibung von Bürgerprotesten als „Not in my backyard (Nimby)“-Beharrungspositionen zeige, dass schwelende Kontroversen derzeit nur begrenzt verstanden würden. Der „Nimby“-Vorwurf stelle Akzeptanzprobleme als Nullsummenspiel dar, bei dem sich eine Seite gegen die andere durchsetzen müsse, um ihre Ziele zu erreichen. Der Ansatz habe deshalb wenig Erklärungsgehalt. Eine so geführte Argumentation verkenne darüber hinaus die Tatsache, dass ablehnende Haltungen zumeist nicht die übergeordneten Ziele eines Vorhabens an sich, sondern vielmehr den Standort selbst in Frage stellen.

Anhand einzelner Fallstudien zur Windenergie an Land wie auf See sowie zum Netzausbau beschreibt die Studie, wie sich das Gefühl des Unverstanden-Seins bei den Betroffenen vor Ort manifestiert. Dabei zeige sich, dass die Ablehnung von Energiewendeprojekten nicht einem einheitlichen Muster folge, sondern von Fall zu Fall unterschiedlich strukturiert sei. Vielmehr müsste die positive Begleitung eines Vorhabens über verschiedene Maßnahmen auf mehreren Ebenen zugleich eingeworben werden – auf der lokalen, regionalen, Landes- und Bundesebene. Sie müsse zudem die wachsende Entfremdung zwischen Entscheidungsträgern und Entscheidungsbetroffenen überwinden. Wie die vielen verschiedenen Akteure stärker in die Vorhabenentwicklung eingebunden werden und Akzeptanzproblemen begegnet werden könne, sei vor allem eine Aufgabe für die Wissenschaft.

Forschungsbedarf für standortbezogene Akzeptanzprobleme
„Standortbezogenen Akzeptanzproblemen wurden bislang in der Forschung viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt“, kritisiert die Studie. Die noch unzureichende wissenschaftliche Aufarbeitung habe dazu geführt, dass entsprechende Deutungs- und Beratungsangebote für Politik und Wirtschaft fehlten. Damit fehle es auch an forschungsbasierten Orientierungen dafür, wie mit solchen lokalen Konflikten in Planungsverfahren und bei der Umsetzung von Großprojekten besser umgegangen werden könnte.

Neue Forschungsinitiative des Bundes gestartet
Die Forderung fällt auf fruchtbaren Boden: Das Bundesforschungsministerium hat dieser Tage eine eigene Forschungsinitiative zum gesellschafts- und umweltverträglichen Umbau des Energiesystems eingerichtet und mit Fördermitteln in Höhe von 30 Millionen Euro ausgestattet. Gefördert werden insgesamt 33 Forschungsprojekte. Etwa zwei Drittel davon befassen sich mit der Frage, wie man die Menschen stärker an den Entscheidungen in der Energiewende beteiligen kann. Da geht es um den Netzausbau, die Verteilung der Kosten sowie um die Frage, wie zentral oder dezentral die künftige Energielandschaft in Deutschland aussehen soll.

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