Neue Buchreihe: Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung

19. März 2018 | Kira Crome

Methodenhandbuch © Oekom Verlag

Methodenhandbuch © Oekom Verlag

Bürgerbeteiligung braucht gute Planung. Was dabei beachtet werden sollte und welche Methoden sich für welche Zielstellungen eignen, beschreibt eine neue Buchreihe „Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung“. Die ersten drei Sammelbände zur Planung und Umsetzung von Partizipationsprozessen sind kürzlich erschienen.

Partizipation beginnt früh und auf Augenhöhe. Soll sie Erfolg haben, muss sie gut durchdacht und geplant sein. Inzwischen findet sich diese Regel in jedem Leitfaden zur Akzeptanzbeschaffung. Doch auf das ‚Wie‘ kommt es an: Wer die Qualität des Prozesses zum Maßstab macht, sollte das Mitsprachebedürfnis der Bürger nicht als Bürde, sondern ihr Wissen und ihre lokalen Kompetenzen als Gewinn verstehen. Der größte Stolperstein auf dem Weg zur kooperativen Demokratie, die Bürgerinnen und Bürgern mehr Mitspracherecht einräumt und Beteiligungsmöglichkeiten bietet, sei das mangelnde Fachwissen bei den Beteiligenden, schreibt Peter Patze-Diordiychuk, Herausgeber des Methodenhandbuchs Bürgerbeteiligung, im Vorwort: „Es fehlt vielerorts – in der Verwaltung, Politik und Bürgerschaft – an guten praktischen Erfahrungen und partizipativem Fachwissen – insbesondere an ausreichend Prozess- und Methodenkompetenz –, um neue Verfahrens- und Lösungsansätze erarbeiten zu können.“ Mit dem mehrbändigen Methodenkompendium wollen Herausgeber und Autoren für alle Phasen entlang des gesamten Beteiligungsprozesses praktische Arbeitshilfen geben und ihre Anwendung erläutern. Entstanden ist es aus der Arbeit der Akademie für Lokale Demokratie (ALD) mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt, verlegt im Oekom Verlag. Die vorgestellten Methoden können ergänzend zur formell vorgeschriebenen Beteiligung angewendet werden, um Bürger darüber hinaus zu beteiligen.

Das Kompendium besteht aus fünf Sammelbänden, von denen die ersten beiden kürzlich erschienen sind. Band 1 widmet sich der Planung von Beteiligungsprozessen und der Auftragsklärung, während sich Band 2 mit einem breiten Set an Methoden zur Organisation und Durchführung von Beteiligungsverfahren beschäftigt. Band 3 stellt internet-basierte Beteiligungsangebote vor. Die beiden Folgebände sollen demnächst erscheinen. Sie befassen sich mit der Ergebnis- und Lerntransfersicherung sowie mit Moderationstechniken, die die Produktivität von Partizipationsprozessen verbessern.

Die Buchreihe adressiert sowohl Kommunalverwaltungen, Kommunalpolitiker und Dienstleister wie auch Akteure aus Bürgerinitiativen, Vereinen und Verbänden. Damit sich die vorgestellten Methoden und Formate leichter vergleichen und für die eigene Anwendung prüfen lassen, folgen alle Beiträge der gleichen Gliederung. Praxisbeispiele und Grafiken veranschaulichen das Theoretische. Zudem gibt es am Ende jeden Bandes eine tabellarische Übersicht, in der die einzelnen Methoden nach Zielen, Teilnehmerzahl, Dauer, Kosten und Durchführungsmerkmalen zusammengefasst sind und sich so für den eiligen Leser auf einen Blick erschließen lassen.

Band 1: Beteiligungsprozesse erfolgreich planen
Sei es die Aufstellung eines kommunalen Klimaschutzplans, die Beteiligung an der Flächennutzungsplanung oder die Entwicklung konkreter Projekte für die lokale Energiewende – kein Beteiligungsverfahren gleicht dem anderen. Nicht nur die Zielstellungen, auch die Erwartungen an den Prozess unterscheiden sich. Weil jedes Beteiligungsvorhaben seine ganz eigenen Merkmale mitbringt, gibt es kein „Schema F“, dem es folgen könnte. Als Faustformel für den Erfolg gelte deshalb: „Eine gut vorbereitete und ausgeführte Auftragsklärung entscheidet zu einem Drittel über den Beteiligungserfolg“, schreibt Herausgeber Patze-Diordiychuk. Der erste Band widmet sich daher ausschließlich der Planungsphase eines Beteiligungsprozesses und der Frage, wie er konzipiert werden kann.

Klassische Leitfragen dafür sind: Welche Zielgruppen sollen erreicht werden? Welche Akteure werden gebraucht, welche Ressourcen stehen zur Verfügung und welche Risiken gibt es? Um sie zu beantworten und den Prozess entsprechend zu gestalten, stellt der Band zehn Erhebungs- und Analysetechniken vor. Erhebungstechniken wie die Dokumentenanalyse und das explorative Interview stammen überwiegend aus der empirischen Sozialforschung. Analysetechniken wie die SWOT-Analyse und Stakeholderanalyse stammen zu einem großen Teil aus dem Management und der Betriebswirtschaft. Einige der Techniken haben inzwischen in die Methodenkoffer zu Öffentlichkeitsbeteiligung bei der Vorhabenplanung zum Ausbau Erneuerbarer Energien Eingang gefunden. Nicht alle vorgestellten Techniken – das sei hier kritisch anzumerken – lassen sich aufgrund des besonderen rechtlichen Rahmens, in den vor allem Windenergievorhaben eingebettet sind, uneingeschränkt auf die Planungspraxis anwenden. So wird der interessierte Leser eine genaue Benennung der denkbaren Anwendungsbereiche jeder vorgestellten Technik vermissen. Dennoch bietet die breite Palette an Techniken sowie die ausführliche und verständlich aufbereitete Darstellung hilfreiche Anregungen für Beteiligungsprozesse zur lokalen Energiewende.

Band 2: Passende Beteiligungsformate wählen
Ist das Konzept gefunden und sind Ziele definiert worden, geht es an die Umsetzung. Auch hier gilt: Eine Blaupause für den einzig richtigen Weg, den Beteiligungsprozess zu gestalten, gibt es nicht. Auch hier rät die Partizipationsforschung, maßgeschneiderte Lösungen zu finden. Welche Methoden und Formate sich dazu am besten eignen, ist wiederum eine Frage des Einzelfalls. Der zweite Band des Methodenhandbuchs Bürgerbeteiligung will eine gut strukturierte Übersicht über die Vielfalt der existierenden Formate bieten: Insgesamt 20 Methoden werden inhaltlich gruppiert und hinsichtlich ihrer Zielsetzung und nötigen Voraussetzungen, Organisation, Kostenrahmen, Ablauf und Zeitbedarf erläutert. Ausgewählt wurden nicht nur die gängigsten Methoden, sondern auch einige weniger bekannte Formate. Die inhaltliche Gliederung folgt systematisch den verschiedenen Phasen des Beteiligungsprozesses, vom Erfassen von Argumenten und Positionen über das Sammeln von Ideen und das Entwickeln von Visionen und Plänen bis hin zur Konfliktlösung.

Die erste Gruppe eignet sich für die Zielstellung: Argumente erkennen und Interessen verstehen. Dazu gehören Formate wie Einwohnerversammlung oder Bürgerpanel. Die zweite Gruppe an Formaten bietet die Möglichkeit, im offenen Raum Ideen zu sammeln und Szenarien zu erarbeiten. Zum Beispiel im Rahmen einer Open Space Conference, die sich anbietet, um mit einer großen Teilnehmerzahl Vorschläge zu erarbeiten oder mithilfe einer Zukunftswerkstatt, die sich eher für kleinere Gruppen eignet, die die in Rede stehenden Fragestellungen intensiver diskutieren können. Die dritte Gruppe bietet sich an, um Visionen zu entwerfen und Aktionspläne zu entwickeln – etwa Zukunftskonferenz oder Planungsworkshop. Die vierte Gruppe steht unter der Überschrift: Interessen integrieren und Konflikte lösen. Neben der klassischen Mediation wird hier unter anderem die vor allem auf kleine Gruppen zugeschnittene Methode Dynamic Facilitation vorgestellt.

Jede Methode wird detailliert von der Zielstellung über die Anwendung bis zur Nachbereitung beschrieben. Eingestreute kleine Grafiken und tabellarische Darstellungen erleichtern dem schnellen Leser den Zugriff auf das Format, fallen insgesamt aber als strukturierendes Element zurückhaltend aus. Hinweise auf weiterführende Literatur und Anwendungshilfen schließen jeden Beitrag ab. Nachteilig mag dem interessierten Leser erscheinen, dass manche der vorgestellten Methoden im Kontext von Planungsvorhaben für lokale Erneuerbare Energie-Projekte aufwändig und teuer sind, während andere sich eher für offene Prozesse wie die Entwicklung von Klimaschutzkonzepten eignen. Der klare und Beitrag für Beitrag identische Aufbau erlaubt es jedoch, Vor- und Nachteile für die individuelle Anwendung schnell zu erfassen. Einige der vorgestellten Methoden sind durch Anwendungsbeispiele aus ganz unterschiedlichen Bürgerbeteiligungsanlässen illustriert.

Band 3: Online-Beteiligung zielgerichtet einsetzen
Online-Partizipation ist für viele Kommunen in der Bürgerarbeit ein inzwischen zentrales Thema, nicht nur, weil neue technische Möglichkeiten andere Zugänge erlauben: Aus der jüngeren Partizipationsforschung ist bekannt, dass einige Zielgruppen sich gezielter über das Internet aktivieren lassen als über Präsenzveranstaltungen. Bestimmte Online-Formate eignen sich, Bürgerinnen und Bürger ortsunabhängig, anonym und weitgehend spontan anzusprechen. Der dritte Band des Methodenhandbuchs Bürgerbeteiligung stellt in der bewährten Darstellungsweise zehn verschiedene Online-Formate oder Websoftware-Lösungen vor: Sie reichen von E-Government-Plattformen auf Basis von demosplan, mit deren Hilfe sich der gesamte Beteiligungsprozess in Planungsverfahren medienbruchfrei online durchführen lassen, über das Informationssystem VISMO, mit dem sich geplante Infrastrukturen wie zum Beispiel Windenergieanlagen wirklichkeitsgetreu im Landschaftsbild visualisieren lassen, bis hin zu Lösungen, die offene oder moderierte, zielgerichtete Dialoge sowie die Anhörung von Trägern öffentlicher Belange erlauben.

 

Weiterführende Informationen:

  1. Patze-Diordiychuk, J. Smettan, P. Renner, T. Föhr (Hrsg.): Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung. Beteiligungsprozesse erfolgreich planen (Band 1). Oekom Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-86581-833-1
  2. Patze-Diordiychuk, J. Smettan, P. Renner, T. Föhr (Hrsg.): Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung. Passende Beteiligungsformate wählen (Band 2). Oekom Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-86581-853-9
  3. Patze-Diordiychuk, P. Renner, T. Föhr (Hrsg.): Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung. Online-Beteiligung zielgerichtet einsetzen (Band 3). Oekom Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-96006-171-7

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