„Made in Wunsiedel“: Pilot-Online-Tool visualisiert lokale Energieflüsse

18. Februar 2016 | EnergieAgentur.NRW

© Screenshot: http://energieflussvisualisierung.s-w-w.com/

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Über ein neues Internettool können die Bewohner der bayerischen Stadt Wunsiedel die Stromerzeugung und den Stromverbrauch ihrer Stadt live verfolgen. Die Idee dahinter: Je stärker die Bürger an der Energiewende teilhaben und ihr Fortschreiten mitverfolgen können, desto eher akzeptieren und unterstützen sie deren Maßnahmen.

„Der Ortsteil Schönbrunn versorgt sich im Moment zu 100 Prozent selbst. Der Stromüberschuss fließt ins Wunsiedler Netz.“ Mit dieser Live-Anzeige im Internet können sich die Bewohner der bayerischen Kleinstadt Wunsiedel jederzeit aktuell über die Produktion und den Verbrauch von Strom aus Erneuerbaren Energien in ihrer Kommune informieren. Mit der grafischen Aufbereitung der Energiedaten erfahren die Wunsiedler Bürger auf einen Klick, wieviel Energie gerade in ihrem Wohnort aus welchen Quellen erzeugt wird und wohin sie fließt. Die Echtzeit-Visualisierung der Energieflüsse vor Ort ist ein Pilotprojekt des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) gemeinsam mit der Stadtwerke SWW Wunsiedel GmbH und der Energiewende GmbH aus Nürnberg. Es ist Teil eines interdisziplinären Forschungsvorhabens, das seit Juli 2013 untersucht, wie sich Akzeptanz und Ablehnung der Bürger bei der Transformation des Energiesystems ausdrücken und beeinflussen lassen. „Ingenieure, Politikwissenschaftler, Psychologen und Praxisakteure wollen die gesellschaftlichen Einflüsse untersuchen, die bei der bisherigen technisch-ökonomischen Optimierung kaum Beachtung finden“, erklärt Projektleiter Sebastian Gölz, Diplom-Psychologe am Fraunhofer ISE, den Forschungsansatz.

Erneuerbare Energien „Made in Wunsiedel“
In Wunsiedel testen die Forscher derzeit eine neue Möglichkeit, die das abstrakte Thema Energiewende unmittelbar praktisch und direkt erfahrbar macht. „Wir versuchen, die lokale Energieerzeugung und den lokalen Energieverbrauch zu visualisieren, damit es für die Bewohner transparent wird, wie ihre Stromverbräuche in Relation zur lokalen Stromerzeugung stehen, wie viel überregionalen Strom sie verwenden müssen und wie hoch der Anteil an ökologischem Strom an ihrem Verbrauch ist“, erklärt Jörg Brinkmann, Geschäftsführer der Energiewende GmbH, den Zweck des Pilot-Internettools.

Um die notwendigen Daten für das Online-Tool zu erhalten, misst das Forschungsteam im Wunsiedler Ortsteil Schönbrunn sowohl Erzeugungseinheiten wie auch den Stromverbrauch in den Haushalten. Die erhobenen Daten fließen in Echtzeit in das Internettool ein, und der Nutzer kann den Energieverbrauch und die Energieerzeugung im Ortsteil über eine interaktive Grafik live im Internet verfolgen. Ein weiterer Klick zeigt die Stromsituation für ganz Wunsiedel an. „Spannend ist dabei, dass angezeigt wird, ob Wunsiedler Strom gerade weiterverkauft wird in andere Versorgungsgebiete, oder ob doch ein Strombezug von außen nötig ist.“

Die Live-Visualisierung soll dafür sensibilisieren, dass erneuerbare Energien nicht immer gleichermaßen verfügbar sind. Sie vermittelt auch, dass der direkte Verbrauch lokal erzeugter Energie eine erhebliche Steigerung der lokalen Wertschöpfung bedeutet. Etwa wenn die Einnahmen für den lokal erzeugten Strom direkt der Brennstoffbereitstellung oder der Anlageninvestitionen für die Stromerzeugung zugutekommen und nicht an überregionale Energieversorger weitergegeben werden.

Verschaffen niederschwellige Teilhabeformen mehr Akzeptanz?
„Wir wollen herausfinden, ob die Leute sich durch die Energieflussvisualisierung tatsächlich an der Energiewende beteiligt sehen“, erläutert Gölz das Forschungsinteresse des Pilotprojekts, „ob sich diese Teilhabe positiv auf die Akzeptanz der Energiewende auswirkt und ob sie die Menschen dazu motiviert, auch andere Teilhabemöglichkeiten wahrzunehmen.“ Eine Nutzerumfrage hat ergeben, dass das Pilot-Instrument in Wunsiedel positiv aufgenommen wurde. „Es trifft einen gewissen Bedarf“, fasst der Projektleiter die vorläufigen Erkenntnisse zusammen. Nur bei älteren Altersgruppen, die generell nicht so Internet-affin sind, hätte das Angebot nicht punkten können. Derzeit werden die Forschungserkenntnisse noch ausgewertet.

Vor allem für Kommunen, die in einem größeren Kontext wie beispielsweise im Rahmen ihrer Klimaschutzstrategie für lokale Energiewende-Projekte werben wollen, sei das Online-Tool hilfreich, glaubt Gölz. „Ein solches niederschwelliges Teilhabeangebot kann eine ideale Kommunikationsplattform sein, um das komplexe Thema Energie fassbar und nachvollziehbar zu machen, wenn sie in eine konzertierte, lebendig gestaltete Kommunikationsstrategie eingebettet wird.“

Mehr Information zur Akzeptanz von Windenergieanlagen bietet auch die Publikation „Windenergievorhaben und Akzeptanz. Bürgerbeteiligung am Planungsverfahren als integratives Projektmanagement“ der EnergieAgentur.NRW.

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