Kompensationsflächen landwirtschaftlich sinnvoll nutzen

7. November 2016 | Kira Crome

Energiehecken als Teile eines Agroforstsystems in der bayerischen ELKE-Modellregion Scheyern  © IfaS / Frank Wagener

Energiehecken als Teile eines Agroforstsystems in der bayerischen ELKE-Modellregion Scheyern
© IfaS / Frank Wagener

Kompensationsmaßnahmen, die den Eingriff einer Windenergieanlage in die Natur ausgleichen sollen, brauchen geeignete Flächen. Häufig gehören sie Landwirten, denen sie als produktives Agrarland zugunsten des Naturschutzes verloren gehen. Wissenschaftler haben ein Konzept entwickelt, um mit dem knappen Gut Fläche sparsam umzugehen. Ihr Praxis-Leitfaden zeigt, wie sich Naturschutz mit der landwirtschaftlichen Nutzung von Ausgleichsflächen vereinbaren lässt.

Wer eine Windenergie-, eine Freiflächen-Photovoltaik- oder Biomasse-Anlage errichtet, versiegelt mit dem Bauwerk Flächen, verändert das Landschaftsbild und greift in den Naturhaushalt ein. Vorhabenträger sind deshalb verpflichtet, diese Eingriffe an anderer Stelle wieder auszugleichen. Die Palette reicht von der Aufforstung von Waldflächen über die Umwandlung eines Ackers in Streuobstwiesen bis zum Anlegen von Baumalleen oder kleiner Teiche. Welche Maßnahmen sich im konkreten Fall eignen, intakte Naturräume zu erhalten oder sie wieder herzustellen, wird im Genehmigungsverfahren festgelegt. Um sie umzusetzen, sind geeignete Flächen nötig. Die gehören jedoch häufig Landwirten. „Intensiv genutztes Ackerland hat ein hohes naturschutzfachliches Aufwertungspotenzial“, erklärt Verena Busse von der EnergieAgentur.NRW. Eine Umnutzung zugunsten des Naturschutzes etwa in Streuobstwiesen oder Gehölzpflanzungen steht nicht nur dem wirtschaftlichen Interesse der Landwirte entgegen. Sie hat einen nachhaltigen Effekt: „Zusammen mit der ohnehin hohen Flächenversiegelung – in Deutschland werden täglich im Schnitt 73 Hektar Boden überbaut – gehen so sehr viele produktive Flächen verloren, die nicht mehr für den Anbau von Nahrung, Futtermitteln oder nachwachsenden Rohstoffen zur Verfügung stehen“, sagt Frank Wagener vom Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) der Hochschule Trier.

Seit 2007 hat er deshalb mit seinem Forschungsteam im Rahmen eines Forschungsprojekts nach alternativen Landnutzungsstrategien gesucht, die die Interessen von Naturschutz und landwirtschaftlicher Nutzung auf dem knappen Gut Fläche in Einklang bringen. Der neue Ansatz wurde in vier Modellregionen in der Praxis erprobt. Das Ergebnis lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Durch Nutzung die biologische Vielfalt erhalten. „Entgegen landläufiger Meinung gilt genau nicht der Satz: Je weniger Nutzung, desto mehr Natur“, fasst Wagener die Erkenntnisse zusammen, die jetzt im Leitfaden Produktionsintegrierter Naturschutz mit nachwachsenden Rohstoffen nachzulesen sind.

Im Zuge der Eingriffsregelung pachten die Vorhabenträger üblicherweise Ausgleichsflächen, um darauf die Kompensationsmaßnahmen umzusetzen. Weil die Windenergienutzung häufig in Regionen mit vorzüglichem Agrarland stattfindet, wird es mit dem Fortschreiten der Energiewende für Vorhabenträger immer schwieriger, geeignete Flächen zu finden, die zudem immer teurer werden. Das Konzept des produktionsintegrierten Naturschutzes sieht nun vor, dass der Landwirt die ökologischen Ersatzmaßnahmen selbst durchführt. „So behält er weiterhin seine Fläche und kann sie zugleich extensiv nutzen, indem er beispielsweise Energiehecken anbaut“, erklärt Wagener. Solche Pflanzungen bestehen aus einer Mischung schnellwachsender und standortgerechter Gehölze, die stofflich genutzt werden können. Die Mindereinnahmen des Landwirts werden über ein Öko-Konto oder einen Fonds ausgeglichen, in den der Vorhabenträger als Verursacher einzahlt.
„In der heutigen Ausgleichspraxis werden diese Mittel überwiegend noch für den Ankauf der Flächen verwendet. Unser Ansatz bietet stattdessen nicht nur ökonomische Vorteile für die Landwirte, sondern mittelfristig auch ökologische Vorteile für den Naturschutz“, erklärt Wagener. Zum einen lassen sich auf diese Weise größere und vernetzte Flächen anlegen. Denn in der bisherigen Praxis liegen Maßnahmen, die einen Eingriff in die Natur ausgleichen sollen, oftmals kleinteilig verstreut im Raum. Werden sie aber zusammenhängend angelegt, verbinden sich die Kompensationsmaßnahmen sinnvoll mit den anderen Schutzzielen und können somit eine höhere naturschutzfachliche Wirksamkeit entfalten. Diese multifunktionale Wirkung ermöglicht einen sparsameren Umgang mit dem knapper werdenden Gut Fläche.

Daneben löst der neue Ansatz ein weiteres Problem: Auch Streuobstwiesen und Wiesen müssen gepflegt werden, soll ihre naturschutzfachliche Funktion Bestand haben. „Werden Hecken nicht geschnitten, dünnen sie im unteren Bereich aus und bieten damit weniger Schutz für Wildtiere. Ungeschnittene Obstbäume vergreisen frühzeitig und sind dadurch anfälliger für Windbruch. Die erwünschten Baumhöhlen, die in Folge des Obstbaumschnittes durch Insekten und Vögel erst angelegt werden, entwickeln sich in den Altbäumen nicht“, beschreibt Wagener den ökologischen Wertverlust, der eintritt, wenn die Pflege nach der Etablierung aus Kostengründen aufgegeben wird. Der produktionsintegrierte Ansatz bietet den Landwirten einen betrieblichen Anreiz, den Aufwuchs der Energiehecken zu pflegen. Damit wird die Ausgleichsmaßnahme langfristig gesichert und der ökologische Wert der Fläche dauerhaft erhalten.
In vier Modellregionen wurde der Ansatz praktisch erprobt. In Hessen, Bayern und Niedersachsen haben Landwirte und eine Gemeinde auf Agrarland Energiehecken angelegt. Die daraus gewonnenen Hackschnitzel werden im Stammwerk der Firma Viessmann und im Kloster Scheyern zur Wärmeerzeugung verwertet. Im Saarland erprobte eine Stiftung den Anbau von Wildkraut- und Energiepflanzen für eine Biogasanlage. Mit der Rohstofferzeugung und -verwertung werden die reinen Naturschutzkosten gemindert und zugleich ein Deckungsbeitrag im landwirtschaftlichen Betrieb erwirtschaftet.
Die Chancen und Potenziale, die der produktionsintegrierte Ansatz für die Kompensation von Eingriffen in Natur und Landschaft bietet, werden im Praxisleitfaden näher erläutert. Er richtet sich an Landwirte, Planer, Fachbehörden und Verbände mit dem Ziel, Grundlagen zu vermitteln und einen Handlungsrahmen abzustecken, der den beteiligten Akteuren als roter Faden für die eigene Entwicklung vor Ort dienen soll.

Weitere Informationen

Fotonachweis: IfaS / Frank Wagener

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