Köln: Energiewende selbst gemacht

Immer mehr unternehmungslustige Bürger wollen die Energiewende aktiv selbst mitgestalten. Zum Beispiel mit Bürgersolaranlagen. Der EnergieDialog.NRW stellt hier eine von ihnen vor – die Kölner „Energiegewinner eG“.

© Kölner Bank eG, Foto: Steffen Hauser
Ramon Kempt (vorne) und Kay
Voßhenrich, Vorstände der
Bürgersolargenossenschaft
Energiegewinner eG
© Kölner Bank eG,
Foto: Steffen Hauser

Die schwarzen Panele auf dem Dach der städtischen Albert-Schweitzer-Schule in Köln-Weiß heben sich schwarz glänzend gegen den blauen Himmel ab. Jedes einzelne hat die Größe eines Schultisches und ist so dünn wie eine Schreibtischplatte. 163 Stück hat Anlagenbauer Kay Voßhenrich auf dem Schuldach aufgestellt und zu einem kleinen Kraftwerk zusammengeschlossen. An sonnigen Tagen, produzieren die Panele hier oben Strom – Öko-Strom. Die Anlage gehört der Bürgersolargenossenschaft „Energiegewinner“. Ihr Name ist Programm: Wer sich hier finanziell beteiligt, wird ein Kraftwerkbetreiber. Für den Sonnen-Strom, der hier erzeugt und ins allgemeine Netz gespeist wird, erhält jedes Mitglied eine Vergütung. Und das ohne besondere Voraussetzungen oder gar ein eigenes Dach. Und die Sonne scheint sowieso.

© Kölner Bank eG, Foto: Steffen Hauser
Ramon Kempt (vorne) und Kay
Voßhenrich, Vorstände der
Bürgersolargenossenschaft
Energiegewinner eG
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Foto: Steffen Hauser

Im letzten Jahr produzierten die Solaranlagen auf Deutschlands Dächern nach Angaben des Bundesverbandes Solarwirtschaft mehr als 18 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das waren 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine Menge, die in etwa dem Stromverbrauch von ganz Thüringen entspricht. Oder anders gerechnet: 5,1 Millionen Haushalte könnten ein Jahr lang ihren Energiebedarf mit Sonnenstrom decken. „Solarenergie ist zum unentbehrlichen Bestandteil für eine erfolgreiche Energiewende geworden“, erklärt Carsten König, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft.

Den Solar-Boom der letzten beiden Jahre haben vor allem kleine und mittlere Anlagen mit einer Größe von 10 bis 100 Kilowatt getragen. Sie stehen auf Wohnhäusern, Schuldächern, Bauernhöfen und kleinen Betrieben. Nach Verbandsschätzungen sind dies rund 50 Prozent des gesamten Solarmarktes. Viele davon sind Bürgerprojekte: gemeinschaftlich betriebene Anlagen, die auf kommunalen Dächern stehen – wie die der Energiegewinner.

Die Genossenschaft wurde im Oktober 2010 von zehn jungen Menschen in Köln gegründet. Drei Bürgersolaranlagen sind seitdem in Köln bereits entstanden, zwei weitere in Niedersachsen und in Hessen. Das ist Teil der Geschäftsidee: Mit einer schlanken Verwaltung und gebündelten Kompetenzen realisiert die Genossenschaft Projekte in verschiedenen Regionen. Lange hat Ramon Kempt, ehrenamtlicher Vorstand, gemeinsam mit Anlagenbauer Kay Voßhenrich an dem Geschäftsmodell gefeilt. „Uns war wichtig, dass den Beteiligten nicht nur verbriefte Anteile, sondern die Solarmodule selbst gehören.“ Diese Konstruktion unterscheidet die Energiegewinner von anderen Bürgersolarinitiativen in Deutschland. „Wir sprechen mit unserem Konzept zwei verschiedene Zielgruppen an“, erklärt Kempt. „Die einen wollen persönlich zum Umbau des Energiesystems beitragen – mit lokalem Bezug in direkter Nachbarschaft. Die anderen suchen einfach eine nachhaltige Geldanlage – umweltfreundlich und mit überschaubarem Risiko.“

Die Idee trifft auf einen Nerv – nicht erst seit der Atomkatastrophe in Japan: Schon bevor letztes Jahr die Reaktoren in Fukushima explodierten, dachte man in Deutschland früh darüber nach, wie eine Stromversorgung aussehen könnte, die sich gänzlich aus erneuerbaren Energiequellen speist. Der Wechsel zu Ökostrom aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind oder Sonne ist für viele Menschen ein erster Schritt zu mehr Nachhaltigkeit. Sven Johannsen hat sich zwei Module in Weiß gekauft und wollte damit noch einen Schritt weiter gehen: „Ich beziehe bereits Öko-Strom und heize zu Hause mit klimaneutralem Gas. Doch ich wollte auch etwas für die Zukunft tun und zur Sicherung der erneuerbaren Energien beitragen“, erklärt der IT-Freiberufler.

Global denken und lokal handeln, mit einem dezentralen Netz kleiner Stromproduzenten, die im ganzen Land ihre lokale Umgebung mit Sonnenstrom versorgen und damit fossile Energieträger überflüssig machen – dieses Motto der Energiegewinner fasziniert nicht nur Johannsen.

Schon jetzt trägt der Anteil aus allen erneuerbaren Energiequellen mehr zu unserer Stromversorgung bei als die verbliebenen Atomkraftwerke. Zwar ist der Anteil des Sonnenstroms mit 4 Prozent verhältnismäßig klein. Dank der regionalen Verteilung aber doch ausschlaggebend, um Lastspitzen in den Mittagsstunden abzufedern und die Stromnetze zu entlasten.

Auch für Genossenschaftsmitglied Dieter Weber sind erneuerbare Energien eine „vernünftige“ Alternative für sauberen Strom. „Sonne und Wind sind die Energieformen der Zukunft, auf die wir angewiesen sind“, findet der pensionierte Bauingenieur. Ihm gehören vier Module in Weiß. „Mich hat aber vor allem die Gesellschaftsform und das geringe Anlage-Risiko überzeugt“, begründet er seinen Kaufentschluss.

Ein ökonomischer Pluspunkt des Modells: Die Erträge fließen über das Genossenschaftskonzept wieder an die privaten Eigentümer zurück. Wer in Weiß ein Modul besitzt, kann damit rechnen, dass jährlich mindestens sieben Prozent seiner Investitionssumme aus den Stromerträgen ausgezahlt werden. Zusätzlich zur Genossenschaftsdividende. Möglich macht das die staatliche Einspeisevergütung. In Zeiten, in denen Anleger nach alternativen Investitionsmöglichkeiten zu geschlossenen Fonds und großen Kapitalgesellschaften suchen, ist das Genossenschaftsmodell eine interessante Alternative. „Unser Modell ist nicht so stark Rendite getragen“, erklärt Kempt. „Wir rechnen konservativ und profitieren zudem von den sinkenden Kosten im Anlagenbau.“

Wer Öko-Strom ins Netz einspeist, erhält dafür eine feste Vergütung über 20 Jahre. Lukrative Margen werden die Anlagen nur in dem Maße abwerfen, wie zugleich die technologischen Kosten sinken. „Wir müssen dann genau überlegen, wie wir unsere Konzepte so optimieren, dass wir Solaranlagen wirtschaftlich betreiben können.“ Ein größeres Problem für die Bürgersolargemeinschaften ist die von der Politik geplante Vorgabe, einen Teil des Sonnenstroms selbst zu verbrauchen. Was für einen Hausbesitzer mit eigener Anlage aus Sicht der Verbraucherzentralen künftig ein rentabler Anreiz sein könnte, wirft in dem komplexen Geflecht von Eigentümern, Produzenten, Netzbetreibern und Endnutzern einer Gemeinschaftsanlage gleich eine ganze Reihe ungelöster verwaltungspraktischer Fragen auf. „Wir müssten den Strom, den wir auf dem Dach der Schule gewinnen, der Kommune, die uns das Dach verpachtet, in Rechnung stellen – ohne die technischen Voraussetzungen dafür zu haben“, fürchtet Kempt. Branchenkenner setzen vor allem auf die innovative Weiterentwicklung von Speicheranlagen, um den Sonnenstrom für regnerische Tage und Nächte aufbewahren und verkaufen zu können.

Schon jetzt ist Deutschland dank des Öko-Stroms Nettoexporteur – vor allem nach Frankreich, wo die Atomkraftwerke im Winter die Stromversorgung nicht schaffen und im Sommer vom Netz gehen, weil die Flüsse sie nicht genug kühlen. In Weiß sind nur noch wenige Module zu haben. Nur eines steht ausreichend zur Verfügung: Sonnenschein.

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