Klimaschutz in Deutschland: Internationale Abkommen und ihre Umsetzung

5. Juni 2018 | Kira Andre

© SD-Pictures/pixabay

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Die Diskussion um das Vorgehen Deutschlands in Fragen des Klimawandels ist spätestens seit den letzten Sondierungs- und Koalitionsgesprächen 2017/2018 wieder neu entflammt. Doch zu welchen Zielen hat sich Deutschland in den internationalen Klimaschutzabkommen eigentlich verpflichtet und welche Vorgaben können erreicht werden?

Fachbeitrag von Kira Andre, EnergieAgentur.NRW

Mit Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens hat sich Deutschland so wie 194 andere Staaten dazu verpflichtet, die Erderwärmung auf unter 2 °C zu begrenzen. Dafür hat die Bundesregierung einen langfristigen Plan aufgestellt und in vier Schritten Klimaziele formuliert, die bis 2050 umgesetzt werden sollen. Die europäischen und globalen Klimaschutzaktivitäten begannen jedoch früher: Schon in den 90er Jahren verpflichteten sich die damaligen EU- und viele weitere Staaten im Rahmen des Kyoto-Protokolls zur Reduzierung klimaschädlicher Emissionen.

Entgegen dieser Bemühungen wurde in den letzten Jahren immer wieder vorhergesagt, dass die Anstrengungen Deutschlands nicht genügen würden, die Ziele zu erreichen. Anfang des Jahres 2018 verkündete die zum damaligen Zeitpunkt geschäftsführende Bundesregierung, die Ziele für das Jahr 2020 fallen lassen zu wollen. Und das vor dem Hintergrund einer jährlich ansteigenden Zahl Erneuerbarer-Energien-Anlagen in Deutschland. Wie passt das zusammen?

Kyoto-Protokoll 1997
Als erstes völkerrechtlich verbindliches Abkommen zum Zweck des Klimaschutzes wurde 1992 die Klimarahmenkonvention von den Vereinten Nationen beschlossen. Mit dem Kyoto-Protokoll wurde sie 1997 um Pflichten für 38 Industrieländer ergänzt (unter anderem die 15 damaligen EU-Mitglieder, Russland und die USA). Das Kyoto-Protokoll trat 2005 in Kraft und schrieb die Reduzierung bzw. Begrenzung des Ausstoßes der sechs klimaschädlichsten Gase vor. Bei diesen handelt es sich um Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O – besser bekannt als Lachgas), teilhalogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (H-FKW), perfluorierte Kohlenwasserstoffe (FKW/PFC) und Schwefelhexafluorid (SF6).

Ziel des Abkommens war es, den Ausstoß der Klimagase bis 2012 bezogen auf das Referenzjahr 1990 im Durchschnitt um 5,2 Prozent zu senken. Dabei wurden für einzelne Länder individuelle Minderungsziele vereinbart, die von ihrer nationalen Wirtschaft und ihrem Potential zur Reduktion abhängig waren. In der Europäischen Union betrug die Soll-Reduktion 8 Prozent: Deutschland hatte sich zu einer Treibhausgas (THG)-Reduktion von 21 Prozent verpflichtet, dafür durften beispielsweise Portugal und Griechenland ihre Emissionen über die Jahre bis 2012 noch erhöhen, mussten sich aber auf verbindliche Werte festlegen. Diese Werte lagen unter den prognostizierten Zahlen für die Länder ohne Klimaschutzmaßnahmen. Die Erhöhung von Emissionen wurde einigen Ländern gestattet, um ihnen weiterhin Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.

Da die erste Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls, also der Zeitraum, für den die Zielfestlegungen und ihr Erreichen gilt, nur zwischen 2008 und 2012 andauerte, wurde 2012 eine Verlängerung bis 2020 beschlossen, die als Kyoto II bekannt ist. An Kyoto II haben sich jedoch einige Industrieländer, für die die Emissionsminderungen von Kyoto I galten, nicht mehr beteiligt. Das Ziel von Kyoto II ist es, den THG-Ausstoß der Teilnehmerländer bis 2020 bezogen auf das Referenzjahr 1990 um 18 Prozent zu reduzieren. Bis 2018 wurde die zweite Phase des Abkommens jedoch nicht von genügend Staaten ratifiziert, wodurch es offiziell nicht verbindlich ist – wie die Auflistung der UN zeigt.

Übereinkommen von Paris 2015
Als Nachfolger des Kyoto-Protokolls und ebenfalls im Rahmen der Klimarahmenkonvention haben auf der UN-Klimakonferenz von Paris im November 2015 195 Staaten ein neues Klimaschutzabkommen unterzeichnet, das im November 2016 mit der Ratifizierung durch mehr als 55 Staaten in Kraft trat. Bis heute haben das Abkommen insgesamt 175 Staaten ratifiziert. Die Ratifizierung ist nötig, damit das Abkommen verbindlich wird. Das Abkommen soll sicherstellen, dass die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau unter 2 °C gehalten bzw. möglichst auf 1,5 °C begrenzt wird. Anders als beim Kyoto-Protokoll beteiligen sich am Klimaschutzabkommen von Paris auch große Industriestaaten wie USA, China, Indien und Brasilien. Zusätzlich haben auch Entwicklungsländer wie beispielsweise Afghanistan, Kambodscha und viele afrikanische Staaten Zusagen gemacht. Für sie war der Beitritt interessant, da sie Unterstützung von den Industriestaaten zur Klimaanpassung erhalten können. Außerdem sind diese Staaten häufig besonders stark vom Klimawandel betroffen (z. B. Republik Fidschi, Seychellen etc.).

Das Übereinkommen von Paris basiert stark auf der Erreichung nationaler Klimaschutzziele, die in „intended nationally determined contributions“ (INDC – zu Deutsch etwa: national beabsichtigter Beitrag) dargelegt und alle fünf Jahre vom jeweiligen Land erneuert werden müssen. Im Rahmen der Erneuerungen sollen auch weitere länderspezifische Daten angegeben werden, beispielsweise mit welchen (Rechts‑)Instrumenten die Ziele erreicht werden sollen. Die stark nationale Ausrichtung ist ein Grund, warum das Abkommen immer wieder kritisiert wird. Experten nehmen an, dass dadurch THG-Einsparmaßnahmen nicht zwangsläufig dort durchgeführt würden, wo sie am kostengünstigsten zu erreichen wären.

195 Staaten haben bereits einen Klimaschutzplan im Rahmen der INDCs vorgelegt, mit denen die Erderwärmung jedoch lediglich auf schätzungsweise 2,7 °C begrenzt würde. Erst durch Evaluationen und Anpassungen der zugesagten Beiträge alle fünf Jahre im Rahmen des sogenannten „Hebemechanismus“ soll das Ziel von unter 2 °C laut Text des Abkommens realistisch werden. Im Jahr 2018 wird ein erster Dialog zur Überprüfung der Klimaziele der einzelnen Staaten stattfinden. 2023 wird ein eigens bereits eingerichtetes Komitee die Ziele überprüfen.

Klimaziele in Deutschland
Mit dem 2010 von den Bundesministerien für Wirtschaft und Technologie (BMWi) und Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) veröffentlichten Energiekonzept wurden erstmals die heute geltenden Klimaziele formuliert und von der Bundesregierung im folgenden Koalitionsvertrag 2013 bestätigt. Für die Einreichung der deutschen INDCs für Paris sind die Ziele im Klimaschutzplan 2050 für die Sektoren Energiewirtschaft, Gebäude, Mobilität, Industrie und Wirtschaft, Landwirtschaft, Landnutzung und Forstwirtschaft konkretisiert worden. Die Pläne sehen, unabhängig vom sogenannten „Hebemechanismus“, alle zehn Jahre eine Verschärfung der Zielwerte vor, siehe Tabelle 1.

Deutsche Energie- und Klimaziele bis 2050 2020 2030 2040 2050
THG-Emissionen (Referenzjahr 1990) -40 % -55 % -70 % Zielkorridor

‑80 bis -95 %

Strom
Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch 35 % 50 % 65 % 80 %
Verkehr
Endenergieverbrauch des Verkehrs (Referenzjahr 2005) -10 % -15 bis -20 % -40 %
Wärme
Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch für Wärme und Kälte 14 %
Gebäude-Heizwärmebedarf (Referenzjahr 2008) -20 %
Energie gesamt
Primärenergieverbrauch (Referenzjahr 2008) -20 % -50 %
Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoendenergieverbrauch 18 % 30 % 45 % 60 %

Tabelle 1: Ausgewählte deutsche Klimaziele bis 2050 nach einer Veröffentlichung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

Ein durch die Berichterstattung bekanntes Ziel ist die Reduktion der THG-Emissionen bis in einen Zielkorridor zwischen 80 und 95 Prozent des Wertes von 1990 im Jahr 2050. Es wurden jedoch weitere Ziele für die Sektoren Strom, Verkehr, Wärme und Energie formuliert.

Strom
Der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch soll im Jahr 2020 35 Prozent betragen und danach stetig weiter ansteigen. Der deutsche Bruttostromverbrauch setzt sich aus den folgenden drei Anteilen zusammen: Stromerzeugung aller deutscher Kraftwerke plus Stromzuflüsse aus dem Ausland minus Stromabflüsse ins Ausland. Er umfasst auch Verluste, die sich durch den Transport und die Transformation des Stroms ergeben. [1]

Verkehr
Der Endenergieverbrauch im Verkehrsbereich soll bis 2050 im Vergleich zum Jahr 2005 um 40 Prozent gesenkt werden. Bei Endenergie handelt es sich um die Energie, die Verbrauchern vor der letzten Umwandlung für ihre Zwecke zur Verfügung steht. Endenergie im Verkehr kann beispielsweise Benzin an der Tankstelle sein oder Strom, der für die Ladung eines Elektroautos aus dem Netz bezogen wird. [1]

Wärme
Der Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch für Wärme und Kälte soll bis 2020 auf 14 Prozent steigen, während vorgesehen ist, dass der Heizwärmebedarf für Gebäude im Vergleich zum Jahr 2008 um 20 Prozent sinken soll. Die Senkung des Heizwärmebedarfs soll über eine Erhöhung der energetischen Sanierungsrate von Gebäuden sichergestellt werden.

Energie gesamt
Während der Primärenergieverbrauch über die nächsten Jahrzehnte stetig sinken soll, um im Jahr 2050 maximal die Hälfte des Wertes von 2008 zu betragen, ist vorgesehen, dass der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttoendenergieverbrauch 60 Prozent bis 2050 betragen soll. Primärenergie beschreibt den Energiegehalt eines Energieträgers bevor er einer (Energie‑)Umwandlung (z. B. in thermische Energie) unterworfen wird. Bruttoendenergie umfasst – anders als Endenergie – auch Verluste vom Kraftwerk bis zum Verbraucher und den Eigenverbrauch der Kraftwerke, zum Beispiel für Pumpen.

Die konkrete Umsetzung der Klimaziele wird durch das Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 aus dem Jahr 2014 und dem nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) beschrieben, die die Grundlagen für die umzusetzenden Rechtsvorschriften gelegt haben, wie das Erneuerbare-Energien Gesetz (EEG), die Energieeinsparverordnung (EnEV), das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) und die Förderungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Schon im Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit wird jedoch festgehalten, dass auf Basis der beschlossenen Maßnahmen das 2020er-Ziel der THG-Reduktion verfehlt wird (um 5-8 Prozentpunkte).

Situation heute
Tabelle 2 gibt einen Überblick über den Stand der deutschen Klimaziele im Jahr 2017 im Vergleich zu den erreichten Zielen im Jahr 2016. Zusätzlich wird der anvisierte Wert für 2020 gegenübergestellt, wie er sich aus den europäischen Verpflichtungen bzw. dem Abkommen von Paris ergibt.

Deutsche Klimaziele 2020 2017 2016
THG-Emissionen (Referenzjahr 1990) -40 % -27,7 % -27,6 %
Strom  
Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch 35 % 36,2 % 31,6 %
Verkehr  
Endenergieverbrauch des Verkehrs (Referenzjahr 2005) -10 % +1,3 % (2015)
Wärme    
Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch für Wärme und Kälte 14 % 12,9 % 13,2 %
Gebäude-Heizwärmebedarf (Referenzjahr 2008) -20 % -11,1 % (2015)
Energie gesamt  
Einsparung Primärenergieverbrauch im Vergleich zum Referenzjahr 2008 -20 % -5,9 % -6,5 %
Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoendenergieverbrauch 18 % 14,8 %

Tabelle 2: Deutsche Klimaziele für das Jahr 2020 neben den erreichten Werten in den Jahren 2016 und 2017.

Laut einer Veröffentlichung des Umweltbundesamtes (UBA) decken die erneuerbaren Energien im Jahr 2017 36,2 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs ab und damit 4,6 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2016 (2016: 31,6 Prozent). Das Ziel von 35 Prozent erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch im Jahr 2020 wird also bereits heute erfüllt. Die meisten anderen Ziele werden jedoch absehbar verfehlt, allen voran die Minderung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Die Erfüllung des einen und die Nicht-Erfüllung des anderen Ziels stellt für viele Kritiker der Energiewende, aber auch für Befürworter einen Widerspruch dar – so soll mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien doch explizit der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen reduziert werden. Häufig wird vermutet, dass die erneuerbaren Energien vor diesem Hintergrund keine gute CO2-Bilanz vorweisen können. Jedoch ist der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang komplexer.

Die Emissionen des Verkehrssektors stagnieren seit vielen Jahren, von 2016 zu 2017 sind sie aufgrund einer Vergrößerung der deutschen PKW- und LKW-Bestände sogar um 2,3 Prozent gestiegen. Der Endenergieverbrauch des Verkehrs ist von 1990 bis 2016 von 661 auf 749 Terawattstunden (TWh) gestiegen. Das gesetzte Ziel einer Reduktion des Endenergieverbrauchs von 10 Prozent im Zeitraum von 2005 bis 2020 wird schwer zu erreichen sein, da der Endenergieverbrauch bis zum Jahr 2016 sogar um 1,3 Prozent anstieg, vgl. Tabelle 2. Nur ein marginaler Anteil des Endenergieverbrauchs stammt aus erneuerbaren Quellen. [2]Der Verbrauch von Mineralöl ist im Verkehrssektor von 2016 zu 2017 erneut angestiegen, [3] der Endenergieverbrauch stagniert seit über 10 Jahren, siehe Tabelle 2.

Der Heizwärmebedarf für Gebäude ist zwischen 2008 und 2015 um etwa 11 Prozent gesunken, vgl. Tabelle 2. Jedoch wurde im Jahr 2017 weniger Wärme erneuerbar erzeugt als im Jahr 2016 (Senkung um 0,3 Prozent). Laut einer Studie des Thinktank Agora Energiewende wurde 2017 mehr Erdgas zu Heizzwecken verfeuert als 2016.

Im industriellen Sektor sind die THG-Emissionen im Jahr 2017 angestiegen: Die gute Konjunktur führte zu einem Zuwachs von 2,5 Prozent.[4]

Nur in der Energiewirtschaft sind THG-Einsparungen zu sehen: Die THG-Emissionen der Stromerzeugung konnten im Jahr 2017 um 4,1 Prozent gesenkt werden. [4] Diese Einsparung wird durch die Bereiche Verkehr, Wärme und Industrie jedoch zu einem großen Teil kompensiert. Der Stromsektor könnte noch mehr THG einsparen. Das Stromsystem befindet sich momentan jedoch im Wandel von einem System mit wenigen großen Erzeugern hin zu vielen kleinen Erzeugern, siehe dazu auch den Artikel Herausforderungen für die Energiewende: Digitalisierung und Volatilität.

Auf Zeiten hoher Einspeisung durch erneuerbare Energien kann das Stromsystem noch nicht optimal reagieren. Manchmal kann der erzeugte Strom aufgrund von Netzengpässen nicht vollständig in die Regionen geleitet werden, wo er benötigt wird. Im Rahmen von Redispatch-Maßnahmen müssen dann Erneuerbare-Energien-Anlagen abgeregelt und fossile Reservekraftwerke hochgefahren werden.

Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme kann es außerdem dazu kommen, dass Erzeuger der Grundlast – so wie Kohlekraftwerke – nur unflexibel auf schwankende Einspeisemengen reagieren, wodurch ein Überangebot auf dem Strommarkt entsteht. Nicht zuletzt erbringen konventionelle Kraftwerke zurzeit noch wichtige Systemdienstleistungen wie die Spannungs- und Frequenzhaltung, weswegen sogenannte Must-Run-Kapazitäten vorgehalten werden – auch wenn zeitweise beträchtliche Mengen Strom von Erneuerbaren-Energien-Anlagen zeitgleich ins Netz eingespeist werden.

Im Jahr 2017 hat Deutschland unter anderem aus diesen Gründen etwa 97 TWh Strom exportiert, etwa 9 TWh mehr als noch im Jahr zuvor.[3] Die hohen ins Ausland transportierten Strommengen sind ein Grund dafür, dass die THG-Emissionen stagnieren, obwohl sich die Leistung der erneuerbaren Energien stetig vergrößert. [3] Die gesamtdeutschen Emissionen befinden sich seit vier Jahren auf Werten zwischen 902 und 906 Millionen Tonnen – gemessen in CO2-Äquivalent. [1] CO2-Äquivalent bedeutet, dass allen klimaschädlichen Gasen eine Zahl zugewiesen wird, die beschreibt, welches Treibhausgaspotential sie im Vergleich zu Kohlenstoffdioxid besitzen.

Das Umweltbundesamt (UBA) sieht in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2017 besonders bei der Verstromung von Kohle und den hohen Stromexporten ins Ausland zwei der Probleme im Stromsektor. Zusätzlich stiegen 2017 die Primärenergie- und Bruttostromverbräuche jeweils um 0,8 Prozent. Als Grund führt der Thinktank Agora Energiewende das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum Deutschlands sowie die kalten Temperaturen an. Auch dieser Anstieg ist eine Ursache für die stagnierenden THG-Emissionen.

Die konventionell erzeugte Strommenge ist von 460,7 TWh im Jahr 2016 auf 437,5 TWh im Jahr 2017 gesunken, was einer Minderung von etwa 5 Prozent entspricht. Besonders Steinkohle- und Kernkraftwerke haben im Jahr 2017 weniger Energie ins Netz eingespeist. Die Gründe für den Rückgang von Strom aus Steinkohle sind Stilllegungen und die Verdrängung durch erneuerbare Energien sowie Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen (KWK) aus der Merit Order. Die Merit Order gibt an, für welche Kraftwerke auf Basis des momentanen Börsenstrompreises ein Einspeisen von elektrischer Energie ins Netz grenzkostendeckend ist. In den noch bestehenden Kernkraftwerken gab es 2017 Produktionsunterbrechungen und Revisionen. Auch die Braunkohlestrommenge nahm um ein Prozent ab, was an der Sicherheitsbereitschaft des Kraftwerks Frimmersdorf lag. Die Verbräuche von Erdgas und Mineralöl sind währenddessen gestiegen. [3]

Nicht zuletzt gilt, dass nur etwa 13 Prozent des Primärenergieverbrauchs Deutschlands aus erneuerbaren Quellen stammen.[3] Dementsprechend stammen etwa 87 Prozent aller für die deutsche Volkswirtschaft umgewandelten Energiemengen aus fossilen Quellen wie Öl und Kohle. Der Primärenergieverbrauch zeigt, dass obwohl sich in Deutschland schon große Veränderungen vollzogen haben, die erneuerbaren Energien noch wesentlich weiter ausgebaut werden müssen, um in Zukunft eine weitgehend treibhausgasneutrale Gesellschaft zu erreichen.

Situation in der Zukunft
Da sich fast alle im Bundestag vertretenen Parteien zum Abkommen von Paris bekannt haben, ist das zunächst angekündigte Fallenlassen der Klimaziele für das Jahr 2020 durch die deutsche Bundesregierung unwahrscheinlich. In den Koalitionsverhandlungen im Frühjahr 2018 wurde diese Tatsache bestärkt. Es soll ein Sofortmaßnahmenpaket verabschiedet werden, mit dessen Hilfe den Zielen für 2020 möglichst nahgekommen werden soll, um die Ziele für 2030 sicher zu erreichen.

Auch wenn der Koalitionsvertrag nicht näher auf die Reduktion der Kohleverstromung eingeht, halten der Thinktank Agora Energiewende ebenso wie das Umweltbundesamt (UBA) diesen Punkt für entscheidend bei der Minderung von THG. In einer Veröffentlichung des UBA werden mehrere Handlungsempfehlungen vorgeschlagen, die zu einer „stark überproportionale[n] Treibhausgasminderung der Energiewirtschaft“ führten bzw. zu einem sicheren Erreichen der THG Minderung in der Energiewirtschaft bis 2030 führen: Die Stromeinspeisung von Stein- und Braunkohlekraftwerken, die älter als 20 Jahre sind, müsse auf 4.000 Volllaststunden im Jahr begrenzt werden. Zusätzlich sei es notwendig, 5 Gigawatt Leistung des Kraftwerksparks der ältesten und ineffizientesten Braunkohlekraftwerke stillzulegen (entspricht etwa zwei großen Kohlekraftwerken) bzw. zur Erreichung der 2030er Ziele die verbleibende Gesamtleistung der Kohlekraftwerke auf 19 Gigawatt zu reduzieren. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme beziffert die derzeitige installierte Kohlekraftwerksleistung auf 46,34 Gigawatt.

Fazit
Die Klimaziele Deutschlands sind im Rahmen internationaler Abkommen wie der Klimarahmenkonvention gewachsen. Die zentralen Ziele sehen eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen, einen geringeren Primärenergieverbrauch und eine Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien am deutschen Energiemix vor. Die Ziele liegen in Zehn-Jahres-Staffelungen vor – 2020 wird das erste Mal Bilanz gezogen. Es ist absehbar, dass viele Ziele verfehlt werden. Die Ursachen dafür sind vielfältig und lassen sich in allen Sektoren finden. Im Stromsektor muss der Kohleausstieg beschleunigt werden, um das System von trägen und CO2-starken Erzeugern zu lösen. Darüber hinaus verbessern sich die Bilanzen für den Treibhausgas-Ausstoß und den Primärenergieverbrauch der Sektoren Wärme und Verkehr noch nicht. Die technologischen Lösungen existieren bereits, jedoch muss weiter an sozialen und politisch durchführbaren Lösungen geforscht werden. Die seit März 2018 amtierende Bundesregierung hat die Abweichung von den Zielwerten erkannt und in ihrem Koalitionsvertrag erste Maßnahmen angekündigt.

Literatur und weiterführende Informationen

[1] Umweltbundesamt (2018): Erneuerbare Energien in Deutschland Daten zur Entwicklung im Jahr 2017.
Erneuerbare Energien in Deutschland. Daten zur Entwicklung im Jahr 2017.

[2] Vgl. Umweltbundesamt (2018): Energieverbrauch nach Energieträgern, Sektoren und Anwendungen.

[3] Agora Energiewende (2018): Die Energiewende im Stromsektor: Stand der Dinge 2017. Rückblick auf die wesentlichen Entwicklungen sowie Ausblick auf 2018.

[4] Umweltbundesamt (2018): Klimabilanz 2017: Emissionen gehen leicht zurück.

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (2017): Klimaschutz in Zahlen. Fakten, Trends und Impulse deutscher Klimapolitik.

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (2014): Aktionsprogramm Klimaschutz 2020.

Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (2018): Installierte Netto-Leistung zur Stromerzeugung in Deutschland.

Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (2013): Kohleverstromung zu Zeiten niedriger Börsenstrompreise. Kurzstudie. Freiburg.

Statistisches Bundesamt DESTATIS (2017): Primärenergieverbrauch steigt seit 2014 wieder leicht an.

Umweltbundesamt (2013): Kyoto-Protokoll.

Umweltbundesamt (2017): Kohleverstromung und Klimaschutz bis 2030. Diskussionsbeitrag des Umweltbundesamts zur Erreichung der Klimaziele in Deutschland.

Umweltbundesamt (2017): Indikator: Energieverbrauch des Verkehrs.

Umweltbundesamt (2018): Indikator: Erneuerbare Energien

Umweltbundesamt (2018): Klimabilanz 2017: Emissionen gehen leicht zurück.

United Nations – Treaty Collection (09.04.2018): Chapter XXVII ENVIRONMENT. 7. c Doha Amendment to the Kyoto Protocol.

Weimann, Joachim et al. (2016): Anspruch und Wirklichkeit: Kann das Pariser Klimaabkommen funktionieren?, ifo Schnelldienst, ISSN 0018-974X, Vol. 69, Iss. 03, pp. 3-29.