Kleinwindenergieanlagen im Aufwind: Märkte, Potenziale, Perspektiven

22. November 2013 | Kira Crome

Immer mehr Menschen wollen ihren eigenen Strom aus erneuerbaren Energien gewinnen. Sie beteiligen sich an Bürgerwindparks, setzen auf Solarenergie oder installieren eine Kleinwindanlage auf dem eigenen Dach. Welche Potenziale das nordrhein-westfälische Kleinwindgeschäft bietet und welchen Hürden die Branche gegenübersteht, schildert der erste Werkstattbericht Kleinwind der EnergieAgentur.NRW.

Kleine Windenergieanlagen dienen im Unterschied zu ihren großen Schwestern der Multi-Megawatt-Klasse primär dem Eigenverbrauch. Ob als Mikroanlage auf dem Schuppendach mit einer Nennleistung von wenigen Hundert Watt oder als leistungsstarkes Modell, das einen bäuerlichen Betrieb mit Eigenstrom versorgen kann – Kleinwindanlagen rücken zunehmend in den Fokus von privaten Endverbrauchern. 10.000 Kleinwindanlagen sind bundesweit errichtet wurden, bilanziert der diesjährige internationale Marktreport der World Wide Energy Association (WWEA). Weltweit wurden 11 Prozent mehr Anlagen im Vergleich zum Vorjahr installiert. Die Branche wächst, bestätigt auch der Bundesverband Windenergie. Interessante Absatzmärkte liegen vor allem in Ländern mit schlecht entwickelter Stromversorgung: Allein in Indien haben 400 Millionen Menschen auf dem Land keinen Zugang zum Stromnetz. Mit knapp 30 Kleinwindunternehmen rangiert Deutschland auf Platz drei im internationalen Marktranking hinter China und den USA.

Allerdings haben es interessierte Verbraucher auf dem heimischen Markt nach wie vor schwer, weil Qualität und Marktreife der vielen verschiedenen Anlagenmodelle und Bauformen für den Laien schwer zu bewerten sind, konstatiert der soeben veröffentlichte Werkstattbericht Kleinwind. Derzeit verzeichnet die deutsche Kleinwindbranche vor allem im Bereich der Anlagentechnik viel Bewegung: Während sich Hersteller mit vermeintlichen Produktinnovationen nicht durchsetzen konnten, haben andere Unternehmen in kostspielige Qualitätsprüfung investiert und entwickeln bewährte Technologie weiter. Außerdem unterscheiden sich in Deutschland die rechtlichen und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten für die Stromerzeugung mit Hilfe von kleinen Windenergieanlagen von denen großer Windenergieanlagen oder Photovoltaikanlagen, so dass eine Abschätzung, ob eine im Schnitt 40.000 Euro teure Kleinanlage sich wirklich rechnet, in vielen Fällen schwer fällt.

Will die deutsche Kleinwindbranche den heimischen Absatzmarkt erweitern und für die Öffnung internationaler Märkte nutzen, bedarf es effizienter Regelungen, um Qualität zu sichern. So lautet das Fazit des ersten Werkstattberichts Kleinwind der EnergieAgentur.NRW. Der Bericht ist eine Dokumentation eines Expertentreffens, das im Juli 2013 in Wuppertal stattgefunden hatte. Knapp 50 Vertreter aus Unternehmen, Verbänden, Verwaltung und Forschung hatten diskutiert, welche Anreize sind nötig sind, um Qualität zu sichern, nationale Genehmigungspraxis zu vereinheitlichen und internationale Exportchancen auszuschöpfen. Die Vortragsimpulse, Wortbeiträge und Stellungnahmen wurden im Nachgang thematisch sortiert. Die abgesteckten Handlungsbereiche reichen vom Verbraucherschutz über Qualitätssicherung, Standards und Wirtschaftlichkeit bis zur Vereinheitlichung der Genehmigungspraxis.

Zu den zentralen Handlungsempfehlungen gehört unter anderem die Erstellung einer Positivliste. Damit könne nicht nur die herstellerunabhängige Beratung ausgebaut werden. Ein solches Instrument würde im Sinne einer Selbstverpflichtung Standards setzen und somit das Image der Branche sichern. Um eine belastbare Wirtschaftlichkeitsprüfung aufstellen zu können, sei zudem eine Vereinheitlichung der Herstellerangaben im Hinblick auf die örtlichen Windverhältnisse dringend erforderlich. Dafür müssten die Nennleistung sowie der Jahresenergieertrag kleiner Windenergieanlagen den tatsächlichen Standortbedingungen entsprechend ermittelt und benannt werden. Nur so werde die Angebotslage transparent.

Außerdem müsste die Zertifizierung kleiner Windenergieanlagen dem internationalen IEC-Standard angepasst werden. Um ein breites Angebot an zertifizierten Anlagen zu schaffen, bedürfe es einer schlanken, nationalen Lösung, die den Möglichkeiten der mehrheitlich klein- und mittelständischen Hersteller entspricht. Dafür müssten unter anderem Anreize für die Investition in die Testfeldforschung geschaffen werden.

Mit Blick auf das internationale Marktumfeld müsse zudem der heimische Markt gezielter gefördert werden. Beispielsweise macht der deutsche Gesetzgeber keine Unterschiede bei der Höhe der Einspeisevergütung. Eine Differenzierung nach Anlagenleistung wie das bei Solarenergieanlagen bereits der Fall ist, würde die technologische Weiterentwicklung fördern und zugleich Kaufanreize für den Eigenverbrauch steigern. Auch die technischen Leistungsbeiwerte der kleinen Windturbinen sind ausbaufähig: Während große Multi-Megawatt-Anlagen eine Leistungsausbeute von bis zu 50 Prozent erreichen, liegen Kleinwindanlagen bei 20 Prozent. Bislang fehle es jedoch an einem operationalisierbaren Konzept, das bestehende Anreize berücksichtig und Maßnahmen zur Umsetzung adressiert. Denkbar wäre ein sogenannter „Top Runner“-Ansatz, nach dem das beste Gerät einer Produktklasse auf dem Markt als Vorbild für Konkurrenzprodukte dient.

Einen Erfolg konnte das Expertentreffen bereits verzeichnen: Die größten Hürden sehen Kleinwindexperten in der bundesweit unterschiedlich ausgestalteten Genehmigungspraxis und fordern ein einheitlicheres Verwaltungshandeln bei der Genehmigung – etwa beim Genehmigungsweg einer Kleinwindenergieanlage als eine sich der Hauptbetrieb unterordnende Nebenanlage. Das ist zum Beispiel für Landwirte interessant, die neben ihrem bäuerlichen Betrieb Strom zur eigenen Versorgung produzieren wollen. In der Vergangenheit seien aber viele Anträge von den Genehmigungsbehörden mit dem Argument abgelehnt worden, die Anlagen seien nicht wirtschaftlich, berichteten Experten beim Werkstattgespräch. Im Nachgang konnte diese Begründung im Dialog mit der zuständigen Landwirtschaftskammer entkräftet werden: Danach muss lediglich geprüft werden, ob die geplante Kleinwindenergieanlage das Kriterium einer dem Hofbetrieb untergeordneten Nebenanlage tatsächlich entspricht und nicht ob die rentabel ist.

Der Werkstattbericht Kleinwind enthält neben der Übersicht über relevante Handlungsfelder ergänzend einen aktuellen Überblick über die nationalen Rahmen- und Förderbedingungen der Kleinwindmärkte in den USA, Großbritannien, China und Dänemark. Weiterführende Informationen hält das Themenportal Kleinwind der EnergieAgentur.NRW bereit.

Werkstattbericht Kleinwind 2013. Veranstaltungsdokumentation des Werkstattgesprächs Kleinwind der EnergieAgentur.NRW vom 9. Juli 2013 in Wuppertal

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