IZES-Studie Bürgerenergie: Das Gemeinwesen gewinnt

25. November 2015 | Kira Crome

BBE Konvent 2015. Foto: Bündnis Bürgerenergie e. V.

BBE Konvent 2015. Foto: Bündnis Bürgerenergie e. V.

Was bringen Bürgerenergie-Projekte? Welchen Nutzen Erneuerbare Energien in Bürgerhand haben, hat das Institut für Zukunftsenergiesysteme (IZES) in einer Studie untersucht. Das Ergebnis: Sie lösen Milliarden-Investitionen aus, die vor allem der regionalen Wirtschaft zugutekommen. Während die Kommunen von steigenden Steuereinnahmen profitieren, wächst die gesellschaftliche Akzeptanz für die Energiewende. Im Detail haben die Forscher zehn Nutzeneffekte ausgemacht.

Knapp 4.000 Windenergieanlagen und mehr als 1,2 Millionen Solaranlagen sind bundesweit durch bürgerschaftliches Engagement entstanden. Was gemeinhin als „Bürgerenergie“ bezeichnet wird, ist bei näherem Blick durchaus vielfältig: Die Akteure sind Privatleute, Landwirte und juristische Personen unterschiedlicher Rechtsformen – wie Vereine, Gesellschaften bürgerlichen Rechts, Energiegenossenschaften oder GmbH & Co. KGs. Bürger identifizieren und initiieren Projekte, bringen sie zur Umsetzung, finanzieren oder betreiben diese. Die Projekte haben meist einen regionalen Bezug, werden vor Ort zusammen mit lokalen Partnern aus den Gemeinden, Städten und Kreisen umgesetzt. Eine weitere Facette sind solche Projekte, bei denen sich Bürger gemeinsam oder einzeln an einem Investitionsprojekt beteiligen und es mithilfe ihres Stimm- und Kontrollrechts mitsteuern. Dabei sind bürgerschaftliche Akteure nicht nur im Stromsektor, sondern auch in anderen Bereichen wie Wärme oder Energieeffizienz aktiv.

Was sie eint, ist der Wunsch nach Teilhabe und Demokratisierung, nach einer ökologischen und klimafreundlichen Daseinsvorsorge und nach dem Ansatz nachhaltigen Wirtschaftens. So breit die Akteure und ihre Motive gefächert sind, so unklar ist auch, was Bürgerenergie-Projekte tatsächlich einbringen? Welche ökonomischen Effekte haben sie und wie wirken sie sich gesellschaftlich aus? Forscher des Instituts für Zukunftsenergiesysteme (IZS) haben sich im gemeinsamen Auftrag von Bündnis Bürgerenergie und Greenpeace Energie mit der Quantifizierung der Nutzeneffekte der Bürgerenergie beschäftigt. Die Autoren haben anhand von Interviews mit Akteuren aus Bürgerenergie-Projekten sowie Experten aus Wissenschaften und Forschung, einer Studien- und Literaturauswertung sowie anhand einer Analyse von Daten aus bestehenden Bürgerenergie-Projekten insgesamt zehn Nutzeneffekte ausgemacht. Sie gliedern sich in energie- und volkswirtschaftliche sowie gesellschaftliche Auswirkungen auf.

„Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wirkungen der Bürgerenergie sind vor allem für ländliche und strukturschwache Regionen enorm wichtig.“

Das Geld der Bürger arbeitet vor Ort

So konnten Photovoltaik-, Windenergie- oder Biomasse-Projekte in Bürgerhand oder mit Bürgerbeteiligung laut IZES bundesweit bis zu 113.600 Vollzeitarbeitsplätze erhalten oder neu schaffen. Die Wertschöpfung dieser Projekte summierte sich allein im untersuchten Jahr 2012 auf bis zu 5,3 Milliarden Euro. Über steigende Steuereinnahmen profitierten davon auch die kommunalen Haushalte. Das eingesetzte Geld bleibe, so die Studie, zu großen Teilen im lokalen Wirtschaftskreislauf, statt in globale Finanzströme abzufließen.

Mit lokalem Know-how Kosten sparen

Ein weiteres Plus: Die Potenziale der Energiewende liegen im Lokalen. Das Know-how, wie sie sich realisieren lassen, haben zu allererst die Akteure vor Ort. Wenn sie sich für entsprechende Bürgerenergie-Projekte vor Ort engagieren, spare das zudem Kosten ein, urteilen die Autoren. Dabei geht es um die sogenannten Transaktionskosten, die für die Projektierung oder den Betrieb einer Erneuerbare-Energie-Anlage anfallen. Weil sie gerade bei kleinen Anlagen im Vergleich zur gesamten Investitionsleitung relativ hoch ausfallen können, würden entsprechende Vorhaben für große Investoren oder kommerzielle Projektierer schnell uninteressant. Indem sie einen Teil der Dienstleistungen selbst übernimmt, könne Bürgerenergie einen Teil dieser Kosten einsparen.

Die Energiewende professionalisieren

Fast die Hälfte der gesamten in Deutschland installierten Ökostrom-Leistung von 73 Gigawatt befinde sich auch deshalb in Bürgerhand. In Zukunft dürften die Transaktionskosten sogar noch wichtiger werden. Denn die Technologien zum Ausgleich von Schwankungen bei Sonnen- und Windenergie sind kleinteilig und regional verankert. Das bürgerschaftliche Engagement trage auch dazu bei, Innovationszyklen zu beschleunigen, alternative Geschäftsmodelle zu erproben oder neue Speichertechnologien zu erproben. Eine Entwicklung, die auch zur Qualitätssteigerung beitrage. Denn Bürgerenergie sorge auch dafür, dass erworbenes Wissen weiterverbreitet und geteilt wird.

Grafik: Studie Nutzeffekte von Buergerenergie

Bürgerenergieprojekte spielen häufig mehrfache Rollen und führen zu Anschlussprojekten in anderen Bereichen. Quelle: BBE/IZES 2015

Das Gemeinwesen stärken

Neben den wirtschaftlichen Nutzeneffekten, haben die Studienautoren auch mehrere gesellschaftliche Auswirkungen der Bürgerenergie identifiziert: Weil sich in Bürgerenergie-Projekten viele Menschen aktiv beteiligen, wächst die gesellschaftliche Akzeptanz für die Energiewende, Kapital und Einfluss auf dem Energiemarkt werden breiter gestreut. Nach dem Motto „Mittendrin statt nicht dabei“, schaffen die Akteure der Bürgerenergie Identität. Weil sie mehr Transparenz und mehr Mitbestimmung bei Planung und Realisierung der Projekte zulassen, werden Konflikte beim Ausbau der Energieinfrastruktur abgemildert. Auch positive Folgeeffekte über das eigentliche Projekt hinaus haben die Autoren ausgemacht: Oft münde ein Vorhaben in bürgerschaftliche Anschlussprojekte: Nahwärmegenossenschaften werden gegründet, umwelt- und klimafreundliche Angebote wie Carsharing oder Elektromobilität entstehen.

Motor Bürgerenergie

Mit Blick auf die geplante Ausschreibungspflicht für neue Erneuerbare-Energie-Anlagen warnen die Autoren: Würden Bürgerenergie-Projekte aufgrund der neuen politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen nicht zustande kommen, so würden ihre vielfältigen positiven Effekte verlorengehen. „Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wirkungen der Bürgerenergie sind aber vor allem für ländliche und strukturschwache Regionen enorm wichtig“, sagt Studienleiterin Eva Hauser. Dies betont auch Robert Spanheimer, Vorstandsvorsitzender der Energiegenossenschaft Regionalstrom Franken. „Die vielen positiven Effekte durch die Erneuerbaren-Anlagen unserer Mitglieder sind vor Ort direkt spürbar. Mit der Bündelung von Bürgerenergie-Anlagen wollen wir eine neue wirtschaftliche Dynamik vor Ort anstoßen und den Zusammenhalt einer ganzen Region stärken. Die Menschen wollen Strom aus der Region für die Region. Davon haben alle etwas: Erzeuger sowie Endabnehmer.“

Die IZES-Untersuchung ist die erste umfassende Grundlagenstudie zum Thema. Um Bürgerenergie künftig genauer evaluieren zu können, empfehlen die Forscher nun eine wissenschaftliche Langzeitbetrachtung von ausgewählten Kommunen, in denen Bürgerinnen und Bürger Erneuerbare-Energien-Projekte umsetzen.

Zusammenfassung der Studie: Bündnis Bürgerenergie e. V. (2015): Das bringt Bürgerenergie. 10 gute Gründe für eine breite Akteursvielfalt
Langfassung der Studie: Institut für Zukunftsenergiesysteme (2015): Nutzeneffekte von Bürgerenergie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.