Interview: Wie ein Surfer auf der Welle

Interview mit dem Landrat des Kreises Steinfurt und Präsidenten des NRW-Landkreistages Thomas Kubendorff über „seinen“ Zukunftskreis und praktischen kommunalen Klimaschutz.

Thomas Kubendorff, Landrat des Kreises Steinfurt und Präsidenten des NRW-Landkreistages

Thomas Kubendorff, Landrat des Kreises Steinfurt und Präsidenten des NRW-Landkreistages

Herr Kubendorff, warum eigentlich „Zukunftskreis“ Steinfurt?

Kubendorff: Wir waren in NRW die ersten – und auch bundesweit eine der ersten -, die einen Agenda-Prozess auf Kreisebene angestoßen haben. In den vergangenen zehn Jahren sind wir in diesem Prozess auch schon sehr weit gekommen. Wir waren, glaube ich, der erste Landkreis, der sich das Ziel gesetzt hat, energieautark zu werden. Deswegen nennen wir uns „Zukunftskreis“, denn die Energieautarkie, die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Energiequellen und die Energieeffizienz, sind Zukunftsthemen. Deshalb haben wir im Rahmen des Agenda 21-Prozesses vor wenigen Jahren das Projekt „Zukunftskreis Steinfurt – engergieautark 2050“ ins Leben gerufen.

Wie trägt sich so eine Idee, „energieautark“ zu werden?

Kubendorff: Man muss viele mitnehmen und natürlich auch das Glück haben, dass man Zuschüsse und Fördergeld bekommt – ohne diese ist der Prozess nicht zu stemmen. Wir haben mittlerweile Millionenbeträge vom Land, vom Bund und von der EU bekommen, und wir müssen immer wieder dafür werben.Wenn das gesellschaftliche Umdenken im Laufe der ganzen Jahre nicht da gewesen wäre, hätten wir das so nicht hinbekommen. Dieser Bewusstseinswandel kam uns sehr entgegen. Und wie ein Surfer, der schon im Wasser schwimmt, um die Welle mitzunehmen, während die anderen am Strand erst einmal zugucken, waren wir aufgrund der langjährigen Arbeitserfahrungen bereit für diesen Bewusstseinswandel. Das ist unser Vorteil.

Wie kommt es, dass es in Ihrem Landkreis zwar starke Bürgerinitiativen gegen das Fracking gibt, aber keine gegen Wind- und Biogasanlagen?

Kubendorff: Fracking macht den Menschen – mir übrigens auch – Angst, weil keiner weiß, was dabei tatsächlich passiert. Wir haben Sorge, dass unsere Landschaft erheblich belastet wird. Bei dieser Art der Erdgasförderung werden Bohrtürme aufgestellt, der LKW-Verkehr nimmt zu, es ist unklar, was mit dem Grundwasser passiert. Wir als Region wollen das nicht.

Warum ist das bei Wind- und Bioenergie anders?

Kubendorff: Bei der Wind- und Bioenergie wissen wir, was auf uns zukommt, und das wird von der heimischen Landwirtschaft getragen. Die Landwirtschaft ist bei uns ein starker Partner. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung wird von der Landwirtschaft beeinflusst bzw. ist emotional daran gebunden, auch über die eigentlichen Arbeitsstellen auf den 3.500 Betrieben hinaus. Dies spielt beim Ausbau von Wind- und Bioenergie ebenfalls eine Rolle. Allerdings müssen wir jetzt aufpassen, dass wir beim weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien nicht in die Situation kommen, dass es Gegenbewegungen gibt.

Wie machen Sie das?

Kubendorff: Wir setzen zum Beispiel auf Bürgerwindparks. Bei allen Neuausweisungen werden die Bürger in den Städten und Gemeinden mit einbezogen, wobei die Schwelle der Beteiligung mit 1.000 bis 5.000 Euro niedrig sein wird. Und wir setzen auf Mediationsverfahren, wenn es Widerstände in der Bevölkerung gibt. Da müssen auch Kompromisse eingegangen werden: Eventuell muss man die eine oder andere geplante Windenergieanlage herausnehmen, gleichzeitig aber auch der Bevölkerung klar machen, dass wir mit Beeinträchtigungen leben müssen. So könnte es gehen. Um das zu steuern, haben wir für das ganze Kreisgebiet einen Windmasterplan erstellen lassen.

Und im Bereich Bioenergie? Stichwort „Vermaisung“?

Kubendorff: Bei der Bioenergie hat es schon Gegenbewegungen gegeben. Da ist Aufklärungsarbeit angesagt und das Nehmen von Ängsten. Es hat sich hier im Kreis mittlerweile herumgesprochen, wie eine Biogasanlage funktioniert. Noch vor rund sechs Jahren führte ich vor einer geplanten Biogasanlage Gespräche mit aufgebrachten Bürgern, die Angst hatten, dass in der Anlage demnächst Schlachtabfälle verheizt würden. Da wurden im Vorfeld falsche Gerüchte in die Welt gesetzt. Aber trotzdem müssen wir nun bei der Planung beachten, wie es mit den Zufahrtswegen aussieht und mit der Geruchsbelästigung. Hier setze ich im Übrigen auch auf den technischen Fortschritt, dass auch Biogasanlagen effizienter werden. Es ist uns allerdings bereits gelungen, dass wir viele Biogasanlagen mit einem Wärmenutzungskonzept – wie es ab dem 1. Januar 2012 durch das EEG 2012 gefördert wird – im Kreis haben. Ein Beispiel sind unser Kreishaus, das Freibad in Steinfurt, die Technischen Schulen Steinfurt und andere umliegende Gebäude, die mittels einer Biogasleitung und einem BHKW von der Biogasanlage in der nahen Bauernschaft Hollich beheizt werden. Das Thema „Vermaisung“ sehe ich nicht mehr so kritisch, das wird aufgrund des EEG 2012 zurückgehen.

Frage: Werden Sie als Präsident des NRW-Landkreistages auch als „Klimaschutz-Landrat“ wahrgenommen?

Kubendorff: Ja. Als Landkreistag haben wir in den letzten Jahren zahlreiche Veranstaltungen zu diesem Thema durchgeführt, und ich habe das Thema dort gepusht. Wir, der Leiter unseres Agenda 21-Büros, Herr Ahlke, und ich, erhalten zahlreiche Anfragen für Vorträge, bei entsprechenden Symposien.

Frage: Wie bekommt man in der Kreisverwaltung das Thema gesetzt?

Kubendorff: Klimaschutz ist ein ämterübergreifendes Thema – und „ämterübergreifendes“ Denken ist ein langjähriger Prozess. Ich habe das Agenda 21-Büro deshalb als Stabstelle eng an mich gebunden, genau wie die Wirtschaftsförderung und die Kreisentwicklung, damit im Organigramm schon deutlich wird: Das ist eine Querschnittsaufgabe, und der Chef steht dahinter. Man muss als Verwaltungsleiter schon einmal eingreifen, um den Prozess in der richtigen Bahn zu halten. Hilfreich ist hier auch der European Energy Award: Da guckt von außen jemand in die Verwaltung und zeigt einem die Potenziale, Einsparpotenziale und die Möglichkeiten der Umsetzung auf.

Frage: Wie sieht für Sie die Energielandschaft der Zukunft aus?

Kubendorff: Wir werden in energetisch sanierten Gebäuden wohnen, mit einer breiten Palette an Heizungen, von Pellets über Holzhackschnitzel und Geothermie, ergänzt durch Solaranlagen. Teilweise wird es Siedlungen geben, die mit Biogas ferngeheizt werden. Bei den Firmen werden wir ein ähnliches Bild haben. Wir werden uns an leistungsfähige und hohe Windenergieanlagen gewöhnen. Wir werden uns überwiegend mit Elektroautos fortbewegen. Und ich glaube, dass das Thema „Suffizienz“ eine große Rolle spielen wird. Weil die Mittel, die für den einzelnen Bürger zur Verfügung stehen – auch aufgrund der Energiewende und der hohen Energiepreise – immer knapper werden. Das ist so der „Zwangspunkt“. Hier überlegt jeder: Wo kann ich sparen? Kann ich auch mal die Bahn nehmen und auf eine Autofahrt verzichten? Da werden wir Genügsamkeit, „Suffizienz“, lernen müssen. Eine Reihe von Menschen haben das schon verinnerlicht. Wir erleben im Kreis Steinfurt den Trend zu regionalen Produkten, auch auf den Wochenmärkten. Mit diesem Thema werden wir im Jahre 2012 auf Veranstaltungen gehen. Im Rahmen unseres Kreisentwicklungsprogramms, in dem natürlich die Energieautarkie eine ganz wichtige Rolle spielt, machen wir Kreisbegegnungen, in denen wir Zukunftsthemen behandeln. Da wäre dann das Thema „Suffizienz“ zu nennen, wie vor ein paar Jahren zum Beispiel das Thema „Flächenverbrauch.“ Das sind spannende und wichtige Themen, und ich glaube, die Menschen merken, dass es nicht mehr so weiter gehen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Martina Stienemann, Redakteurin des Magazins „CHANC/GE – 100% Klimaschutz kommunal“. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

Das komplette Interview können Sie in der Print-Ausgabe des Magazins „CHANC/GE – 100% Klimaschutz kommunal“ lesen.