Interview: Artenschutz und Windenergie

16. Juni 2015 | Kira Crome

Artenschutz und Windkraft: Rotmilane im Kreis Paderborn

Die Bestandskartierung hat bislang keinen Beleg für einen Rückgang der Rotmilan-Population ergeben. © Christian Venne

Der streng geschützte Rotmilan ist auf der Paderborner Hochfläche stark vertreten. Doch für den Greifvogel sind die zahlreichen Windkraftanlagen in der Region ein Risiko. Gefährdet die Windenergienutzung den Bestand der Vogelart? Ein Interview mit Karsten Schnell, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biologischen Station Paderborn, über die Erfassung der Rotmilan-Reviere im Landkreis.

Auf der Paderborner Hochfläche kommt der Rotmilan in Nordrhein-Westfalen besonders häufig vor. Zugleich stehen hier sehr viele Windenergieanlagen. Für den Greifvogel sind sie ein Risiko. Seit 2010 kartiert deshalb die Biologische Station Kreis Paderborn-Senne die Reviere der Rotmilan-Bestände, erfasst Standorte von Horsten und führt Bruterfolgskontrollen durch. „Wir können keine Rückgänge feststellen“, sagt Karsten Schnell, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biologischen Station und Koordinator des Rotmilan-Projekts. Ein Gespräch mit dem Rotmilan-Experten und stellvertretenden Vorsitzenden des Trägervereins über die Widersprüchlichkeiten von Artenschutz und Windenergie.

Herr Schnell, über die Hälfte des weltweiten Rotmilan-Bestands brütet in Deutschland. Deshalb ist der Schutz dieser gefährdeten Vogelart hierzulande besonders wichtig. Steht der Ausbau der Windenergienutzung nicht dem Artenschutz entgegen?
Es gibt durchaus Konflikte, ganz klar. Es gibt störungsempfindliche Vogelarten wie Rastvögel, die an der Nordseeküste wie auch bei uns im Binnenland in großen Feuchtgebieten auftreten, die auf große Windenergieanlagen sensibel reagieren und solche Gebiete meiden. Sie werden von ihren Rastgebieten vertrieben, das ist nicht von der Hand zu weisen. Der Rotmilan dagegen lässt sich nicht durch Windenergieanlagen in seinem Revier stören. Sie bedeuten aber ein hohes Kollisionsrisiko. Das zeigen auch die Schlagopferzahlen der staatlichen Vogelschutzwarte in Brandenburg, die alle Kollisionsfälle von Vögeln und Fledermäusen an Windenergieanlagen in ganz Deutschland zusammenträgt. Das sind schon beträchtliche Zahlen bei einigen Vogelarten.

Der Rotmilan liegt aktuell auf Platz 2 der am häufigsten getroffenen Arten hinter dem Mäusebussard.
Richtig. Dazu muss man aber wissen, dass der Rotmilan insgesamt deutlich seltener vorkommt als der Mäusebussard…

…dessen Bestand in Deutschland neunmal so hoch ist.
Auch wenn das Kollisionsrisiko des Rotmilans nach dieser Statistik ziemlich hoch ist, lautet die eigentliche Frage aber: Welchen Einfluss haben diese Verluste auf den Gesamtbestand? Kann die Rotmilan-Population die Schlagopfer an Windenergieanlagen, die zu illegaler Verfolgung, Verkehrsunfällen oder Kollisionen mit Stromleitungen hinzukommen, verkraften oder nicht? Das muss immer wieder überprüft werden und letztlich gibt es noch keine eindeutigen Ergebnisse.

Rotmilane sind geschickte Flieger. Warum kommt es trotzdem zu Unfällen?
Rotmilane können Windenergieanlagen als Hindernisse wahrnehmen und umfliegen. Aber wenn sie auf Nahrungssuche sind und eine attraktive Beute wie Mäuse oder Jungvögel jagen, sind sie so auf den Boden fixiert, dass sie nicht immer auf ihre Umgebung in der Luft achten. Dabei können sie in den Rotor einer Windenergieanlage geraten.

Unsere mehrjährige Bestandskartierung hat bisher keinen Beleg für einen Rückgang der Population bei uns ergeben.

Sie erfassen nun schon im sechsten Jahr in Folge den Bestand des Rotmilans im Kreis Paderborn-Senne, einem Verbreitungsschwerpunkt in Nordrhein-Westfalen, der zugleich eine hohe Dichte von Windenergieanlagen aufweist. Werden die Rotmilane weniger?
Wir hatten im Rahmen unserer Untersuchungen bislang keine Schlagopfer an Windrädern. Erst letzte Woche aber wurde uns ein verletzter Rotmilan gemeldet, der 600 Meter entfernt von einem Windrad mit einem halb abgetrennten Flügel gefunden wurde. Die Art der Verletzung lässt stark vermuten, dass ihn ein Rotorblatt getroffen hat. Unsere mehrjährige Bestandskartierung hat bisher keinen Beleg für einen Rückgang der Population bei uns ergeben. Natürlich gibt es die ganz normalen Schwankungen, die von der Witterung oder vom Nahrungsangebot abhängen. Gibt es in einem Jahr weniger Mäuse, passt sich der Greifvogelbestand entsprechend an. Das geht mal rauf und mal runter. Aber in der Gesamtbetrachtung hat der Rotmilan-Bestand bei gleichzeitigem Ausbau der Windenergienutzung nicht gelitten.

Sind Ihre Erkenntnisse auf andere Regionen übertragbar?
Das ist deshalb schwierig, weil sich die örtlichen landschaftlichen Strukturen wesentlich auf die Raumnutzung des Rotmilans auswirken. Rotmilane bevorzugen offenes Grünland, um zu jagen. Aber sie halten sich nicht an ein starres Schema. Aus Besenderungsprojekten, bei denen die Aktionsräume von Rotmilanen mithilfe von Telemetriedaten aufgezeichnet werden, wissen wir neuerdings, dass die Vögel schwerpunktmäßig einen Radius von 1.500 Metern um ihre Horste herum nutzen. Genauso können sie sich aber auch mal mehrere Kilometer weit weg fliegen, wenn sich dort interessante Nahrungsquellen auftun. Dabei sind dann wieder die lokalen Landschaftsstrukturen entscheidend.

Karsten Schnell, Biologische Station Paderborn

Karsten Schnell ist stellvertretender Vorsitzender des Trägervereins der Biologischen Station Paderborn-Senne und leitet das Rotmilan-Kartierungsprojekt. Die rund 40 Biologischen Stationen in NRW arbeiten eigenständig, sind durch ein langjähriges Engagement ehrenamtlicher Mitglieder geprägt und finanzieren sich aus Landesmitteln, Projektförderungen und Spenden. © Karsten Schnell

Die neuen Erkenntnisse aus den Besenderungsprojekten sind in die Artenschutz-Empfehlungen, die auf Basis des „Helgoländer Papiers“ der Landesarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten in Deutschland gerade überarbeitet wurden, eingeflossen. Um der Kollisionsgefahr vorzubeugen, sind die Abstände von 1.000 auf 1.500 Meter vergrößert worden. Hilft das dem Artenschutz weiter?
Pauschale Radien sind per se nicht schlecht. Es braucht schließlich Empfehlungen, um Bereiche für den Vogelschutz freizuhalten. Allerdings bezieht man sich dabei auf einzelne Horste und das ist nicht immer ganz sachgerecht. Nicht immer kehren Rotmilane nach der Rückkehr aus den Winterquartieren Anfang März in ihre angestammten Horste zurück, sondern bauen sich woanders neue. Dabei halten sie sich nicht immer an die Abstände. Wir wissen von einem Windpark, wo sich ein Rotmilan nach dem Bau der Anlagen in 300 Metern Entfernung angesiedelt hat und dort seit Jahren erfolgreich brütet. Und auch wenn sich Rotmilane während der Brutzeit relativ nah am Horst aufhalten, können sie, sobald die Jungvögel da sind und mehr Nahrung gebraucht wird, weit wegfliegen, um zu jagen. Je nach Landschaftsstruktur können sich die Flüge des Rotmilans dabei in bestimmten Fällen auf begrenzte Flugkorridore konzentrieren.

Das macht die Windenergieplanung nicht leichter, oder?
Man müsste eigentlich die konkrete Landschaftsstruktur und die dazu passende Raumnutzung des Rotmilans vor Ort untersuchen und in jedem Einzelfall entscheiden, wo eine Windenergieanlage hinpassen könnte. Das hat es vereinzelt auch schon gegeben, ist aber eher die Ausnahme. Für die Ausweisung von Windvorranggebieten in der kommunalen Flächennutzungsplanung braucht es einfach einen Standard, an dem man sich orientiert. Eine Raumnutzungsanalyse für ein gesamtes Gemeindegebiet, in dem 20 oder 25 Rotmilan-Brutpaare leben, ist schlicht nicht bezahlbar.

Häufig wird in der Diskussion um die Vereinbarkeit von Artenschutz und Windenergienutzung mit Hochrechnungen argumentiert. Wie kann die Debatte versachlicht werden?
Hochrechnungen dienen dazu, sich ein Bild zu machen. Und wir müssen tatsächlich davon ausgehen, dass mehr Tiere erschlagen werden, als bei Reviergängen gerade in dieser Jahreszeit, wenn das Getreide hochsteht, aufgefunden werden. Letztlich aber helfen nur verlässliche Zahlen und exakte Kartierungsdaten weiter, um dem gesetzlich geforderten Artenschutz bei der Windenergieplanung gerecht zu werden. Deshalb dokumentieren wir in der Biologischen Station langfristig die Bestandsentwicklungen. Anders als im Fall von geschützten Fledermausarten, deren windradnahe Aktivitäten man inzwischen mithilfe von an den Windenergieanlagen installierten Detektoren aufzeichnen kann, ist das bei Vögeln sehr zeitaufwändig. Eine genaue Entwicklungs- und Ursachenanalyse setzt aber solide und langfristige Datenaufzeichnungen voraus.

Mit welchen Maßnahmen können Windenergieanlagenbetreiber dazu beitragen, die Kollisionsrisiken für den Rotmilan zu verringern?
Abschaltalgorithmen, wie man sie vom Fledermausschutz kennt, können zum Schutz des Rotmilans beitragen, vor allem zur Erntezeit, wenn sie gezielt geschehen. Das ist nicht immer ganz einfach, weil Rotmilane nach der Brutzeit gesellig sind. Ein lokaler Bestand nutzt die Landschaft vom Spätsommer bis zum Abflug ins Winterquartier im Oktober opportunistisch und sehr dynamisch. Gerade hier im Paderborner Kreis haben wir im Herbst einen relativ hohen Rastbestand mit Tieren auch aus anderen Regionen Deutschlands, die sich in der Landschaft täglich verlagern können. Das lässt sich dann schlecht nachhalten und muss durch Geländeerfassungen kontrolliert werden. Andere Vermeidungsmaßnahmen betreffen die Mastfußbereiche von Windenergieanlagen, die für Rotmilane durch Flächenminimierung und höhere Vegetation möglichst unattraktiv gestaltet werden sollten. Hilfreich sind außerdem sogenannte Ablenkflächen abseits der Windparks mit jagdfreundlichem, kurzgehaltenem Grünland, um den Rotmilan von den Windenergieanlagen wegzulocken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weiterführende Informationen:
Zum Projekt: Rotmilan-Kartierung der Biologischen Station im Kreis Paderborn-Senne
Zur Untersuchung: Ergebnisbericht zur Erfassung des Rotmilans im Kreis Paderborn 2014
Fachbeitrag: Artenschutz bei der Planung und Genehmigung von Windenergieanlagen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.