Innovative Kombination: Solarstrom aus der Lärmschutzwand

2. Januar 2018 | Kira Crome

Innovative Lösung in Neuötting: Schallschutz mit Durchblick und integrierter PV-Anlage an der Landesstraße entlang eines Wohngebiets
© Medienzentrum Altötting

In der bayerischen Gemeinde Neuötting schützt eine Lärmschutzwand entlang einer viel befahrenen Straße nicht nur Anwohner vor Verkehrslärm: Eine integrierte PV-Anlage produziert zugleich Strom aus Sonnenenergie. Das Projekt, das mit dem erstmals im Jahr 2017 ausgelobten „Bürgerenergieprojekt des Jahres“-Preis des Netzwerks Bündnis Bürgerenergie ausgezeichnet worden ist, zeigt, dass sich der Planungsaufwand lohnt.

Unsere Gesellschaft wird immer mobiler, der Verkehr auf Straßen und Schienen nimmt zu und damit auch die Belastung durch Lärm. Schallschutzbauten schaffen Abhilfe. Sie bedeuten allerdings auch einen erheblichen Eingriff in die Umgebung. Die Idee, sie durch die Kombination mit Photovoltaikanlagen aufzuwerten und ihnen einen zusätzlichen Nutzen zu verleihen, scheint daher naheliegend. So hat beispielsweise die Deutsche Bahn beim Ausbau der ICE-Bahnstrecke zwischen Nürnberg und Regensburg einen Lärmschutzwall mit einer 1,2 Megawatt-Solaranlage ausgerüstet. An der Autobahn A92 bei Freising nahe des Münchener Flughafens betreiben die Freisinger Stadtwerke einen 1,2 Kilometer langen Photovoltaik-Schallschutzwall. Bislang aber sind derlei Projekte, die Lärmschutz mit Solarenergienutzung verbinden, rar. Knappe Flächen insbesondere im verdichteten urbanen Raum machen Platz sparende Lösungen erforderlich. Inzwischen bietet die Technologieentwicklung in der Photovoltaik zwar innovative Möglichkeiten, Solarmodule in schlanke Schallschutzwände zu verbauen. „Schallschutzintegrierte Photovoltaik ist prima Sache“, sagt Reinhard Kohlhauer, Spezialist für innovative Lärmschutzlösungen, „trotzdem trauen sich viele Entscheider nicht an das Thema ran.“ Denn die Umsetzung ist im derzeitigen Marktumfeld ein ehrgeiziges Vorhaben; Planung und Finanzierung erweisen sich als durchaus komplex.

„Zweckmäßiges mit Sinnvollem verbinden“
Dass sich der Aufwand lohnt, hat die bayerische Gemeinde Neuötting gezeigt. Sie musste an einer viel befahrenen Landesstraße entlang eines neuen Wohnbaugebiets samt Schule für Schallschutz sorgen. „Die günstigste Lösung wäre eine blickdichte, graue Lärmschutzwand aus Beton gewesen“, erzählt Bauamtsleiter Alois Schötz rückblickend. Die aber hätte niemand haben wollen. Vielmehr sollte der benötigte Schallschutz sowohl optisch attraktiv sein, als auch funktional bei knappem Raum die bestmögliche Lösung bieten. Schnell habe man an der Idee Gefallen gefunden, Zweckmäßiges mit Sinnvollem zu verbinden und Lärmschutz mit Solarstromerzeugung in einem Objekt zu vereinen.

Die Lösung ist eine fünf Meter hohe und 234 Meter lange Wand, die modular aufgebaut ist. Jedes Segment setzt sich aus drei Elementen zusammen: aus einem akustisch wirksamen Gitterdämmsystem im unteren Teil, aus Acrylglas-Fenstern in der Mitte, die freie Sicht bieten und der Wand das Massive nehmen, sowie aus jeweils vier PV-Modulen im oberen Teil. Das Konstruktionsdesign erlaubt es, einzelne Wandelemente auszutauschen, sollten Reparaturen anfallen. Auf diese Weise würden Wartungskosten gesenkt. Um die PV-Module ideal zur Sonne auszurichten, ist die Wand um fünf Grad Richtung Norden leicht geneigt. „Dadurch steigert sich die Jahresleistung der 64,4 Kilowatt-Peak-Anlage um rund fünf Prozent gegenüber einer senkrechten Ausrichtung“, erklärt Konstrukteur Reinhard Kohlhauer. Dank der Neigung kann die Anlage auch im Winter die flach einfallenden Sonnenstrahlen einfangen. Zudem bleibt kein Schnee auf den Modulen liegen.

Konzept der Teilfinanzierung ebnet den Weg
Mit dem Planungsfortschritt mussten die städtischen Vorhabenträger feststellen, dass die Solarstromerzeugungsvariante für sie zu teuer geworden wäre. Auch fehlte das nötige Fachwissen für Betrieb und Stromvermarktung. „Es war sehr schnell klar, dass die Stadt selbst nicht in die Photovoltaikanlage investieren wollte“, so Schötz. Als Entwicklungspartner und Betreiber des Anlagenteils der Lärmschutzwand wurde die örtliche Energiegenossenschaft EGIS gewonnen. Sie hat die notwendigen Firmen für die Entwicklung dieser innovativen Kombilösung gesucht. Knapp 76.000 Euro hat die Energiegenossenschaft in die Photovoltaikanlage investiert und hat auch anteilig die Bau- und Planungskosten für den oberen Teil der Lärmschutzwand übernommen. Für die Stadt reduzierten sich damit die Gesamtkosten um etwa 30 Prozent. Im Gegenzug muss die Energiegenossenschaft per Gestattungsvertrag keine Entgelte für die Nutzung der Anlage zahlen.

Damit sich die Solarstromerzeugung in der Lärmschutzwand rechnet, setzt die Energiegenossenschaft auf ortsnahen Eigenverbrauch: Abnehmer eines guten Teils des regenerativen Stroms ist die benachbarte Montessori-Schule, die hinter der Lärmschutzwand liegt. Der Überschuss wird ins Netz eingespeist. Da die Schule, die seit einem Jahr den Neubau nutzt, von einem Trägerverein geführt wird, ist sie nicht wie andere städtische Einrichtungen an kommunale Bündelausschreibungen für den Strombezug gebunden und konnte das Eigenverbrauchskonzept frei umsetzen. „Allein der bloße Tagesbetrieb während der Unterrichtszeiten benötigt rund  50 Prozent der vor Ort erzeugten Energie“, erklärt Pascal Lang, Vorstandsvorsitzender der EGIS eG. Der restliche Strombedarf der Schule werde von dem eigenen Ökostrom-Tarif der Genossenschaft, der unter anderem aus dem Wasserkraftwerk Töging am Inn gespeist wird, gedeckt. Von dem Konzept profitieren beide Parteien: Die Schule erhält einen attraktiven Stromtarif, während die Genossenschaft Anlagenteile wie den Wechselrichter auf dem Gelände der Schule installieren konnte.

Ausgezeichnetes Bürgerenergie-Projekt
Seit September 2016 schützt die Schallschutzwand die Anwohner im angrenzenden Neubaugebiet vor dem Verkehrslärm und liefert regenerativen Strom. Zweieinhalb Jahre Planungsarbeit mit den verschiedenen Umsetzungsbeteiligten waren dem Bau vorausgegangen. „Die Abstimmungsarbeit mit so vielen Beteiligten war eine Herausforderung, aber die Arbeit hat sich gelohnt“, resümiert Schötz. Alle hätten mit dem Konzept der Teilfinanzierung und der Realisierung einer Lärmschutzwand mit einer Genossenschaft einen neuen Weg beschritten. Als Ergebnis der Mehrarbeit habe die Stadtverwaltung einen hochwertigen, neuartigen Lärmschutz bei reduzierten Baukosten realisieren können. Der Bau werde von der Bevölkerung positiv angenommen und vermittle ein nachhaltiges Image, das nicht zuletzt der Stadt zu Gute komme.

Ausgezeichnet wurde das Projekt jüngst mit dem erstmals im Jahr 2017 ausgelobten „Bürgerenergieprojekt des Jahres“-Preis des Netzwerks Bündnis Bürgerenergie. Das Projekt könne Schule machen, ist die Jury überzeugt. Schon jetzt seien viele Nachfragen von anderen Genossenschaften über die Umsetzungswege des Projekts bei der EGIS-Energiegenossenschaft eingegangen. „Das zeigt uns, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden“, findet Pascal Lang, Vorstandsvorsitzender der EGIS eG.

Im derzeitigen Marktumfeld sind Solarstromerzeugung integrierende Lärmschutzkonzepte, die auf ortsnahen Eigenverbrauch setzen, die interessanteste Option. Die ab 2017 im EEG geregelte Ausschreibungspflicht für größere Photovoltaikanlagen mit mehr als 750 Kilowatt Leistung beschränken den Spielraum. Investorenmodelle haben nur dann Chancen, wenn sich die Anlage letzten Endes bei möglichst niedrigen Kosten wirtschaftlich betreiben lässt. Zuletzt hat das Land Brandenburg die Pläne für ein mit viel Planungsaufwand betriebenes Modellprojekt einer mit Solarstromerzeugung ausgestatteten Lärmschutzwand entlang der Autobahn A 10 beim Ausbau des Berliner Rings fallen gelassen. Entstanden wäre die mit zehn Megawatt Nennleistung bundesweit größte PV-Lärmschutz-Kombilösung entlang eines Verkehrsweges. Das Finanzierungsmodell hatte vorgesehen, die höheren Kosten für den Lärmschutz mit zweifachem Nutzen über die Einnahmen aus der Solarstromvermarktung „quer zu finanzieren“. Trotz zweier Ausschreibungsverfahren hatte sich kein Investor gefunden. Jetzt erhält der achtstreifige Autobahnausbau einen regulären Lärmschutz.

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