Grüner Schatz für die Bioenergie

16. Juli 2018 | Kira Crome

Wildpflanzen-Ernte zur Biomassegewinnung als Substrat für Biogasanlagen im Grünschatzprojekt © Patrick Günner

Heimische Wildpflanzen verwandeln Felder in blühende Landschaften, bieten Wildtieren Schutz und helfen Insekten. Das Forschungsprojekt „Grünschatz“ untersucht auf Testflächen im Münsterland, ob sie sich auch zur Energiegewinnung eignen und eine rentable Alternative zu herkömmlichen Energiepflanzen wären.

Sie blühen gelb, weiß, blau, rosa oder violett. Sie heißen Beifuß, Steinklee, Kornblume, Malve oder Luzerne und sie zaubern im Sommer eine bunte Blütenpracht auf die Felder. Derzeit erblüht eine Mischung aus 22 verschiedenen heimischen Wildpflanzenarten auf mehreren Testflächen im westlichen Münsterland. Darunter sind alte Kulturpflanzen, einfache Ackerbegleitkräuter und bekanntere Gewächse, wie man sie in Bauerngärten sieht.

Angebaut wurden sie für das Forschungsprojekt „Grünschatz“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Über vier Jahre hinweg wollen die Wissenschaftler des Instituts für Landschaftsökologie hier zeigen, wie die konventionelle Landwirtschaft schonend mit der Umwelt umgehen kann. Nach Einschätzung des Umweltbundesamtes (UBA), das kürzlich die Datensammlung „Umwelt und Landwirtschaft 2018“ vorgelegt hat, geschieht das noch zu selten. Demnach gebe es beim Einsatz von Pestiziden und der Zerstörung von Lebensräumen aus Sicht des Natur- und Artenschutzes sogar Rückschritte. Als problematisch bezeichnet die Behörde vor allem die Konzentration auf wenige Fruchtarten und den hohen Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln auf den Feldern. Das belaste die biologische Vielfalt sowie Böden und Gewässer immer noch mehr als nötig.

Bunt, vielfältig und ertragreich
Wildpflanzen könnten nach Ansicht von Agrarexperten vor allem für die Energiegewinnung eine ökologische Alternative sein, die die Artenvielfalt in der Kulturlandschaft wieder aufleben lässt. Denn sie lassen sich nach der Blüte als Substrat in Biogasanlagen vergären. Im Projekt Grünschatz wird in Zusammenarbeit mit der Stadt Dorsten und der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen und anderen Partnern erprobt, ob sich Wildpflanzenmischungen für die Gewinnung von Biogas in Biogasanlagen eignen und statt Maissilage genutzt werden könnten. „Heimische Wildpflanzen bieten viele ökologische Vorteile“, erklärt Forschungsleiter Professor Tillmann Buttschardt. „Im Gegensatz zu Mais können Wildpflanzenmischungen mehrjährig genutzt und bewirtschaftet werden. Sie bieten im Sommer wie im Winter Nahrung und Deckung für Wildtiere. Weil sie länger blühen als Nutzpflanzen, vergrößern sie das Nahrungsangebot für Insekten. Die blühenden Felder werten das Landschaftsbild auf und erhöhen so den Erholungswert einer Region.“

Auch der Landwirt profitiert vom Anbau von Wildpflanzenmischungen auf dem Feld: Viele Arten eignen sich als Dauerkultur und erfordern so keine jährliche Bodenbearbeitung, Pflege und Aussaat. Im Vergleich zu klassischen Energiepflanzen wie Mais brauchen sie keine Pestizide. Sie wirken vor allem in Hanglagen der Bodenerosion entgegen und verbessern die Humusbilanz. Wildpflanzen, insbesondere starkwüchsige Arten, könnten das in der konventionellen Landwirtschaft auf wenige Energiepflanzen beschränkte Artenspektrum im Biomasseanbau erweitern. Um als Alternative zu überzeugen, müssen aber auch die ökonomischen Gesichtspunkte stimmen. „Für den Landwirt, der seine Biogasanlage betreibt, ist neben den ökologischen Aspekten aber auch wichtig, dass auch die Wirtschaftlichkeit im Vergleich zu anderen Feldfrüchten gut ist“, sagt Buttschardt.

Auf die Mischung kommt es an
Erste Erkenntnisse aus ähnlichen Forschungsprojekten in Süddeutschland sind vielversprechend. Das belegen Versuche der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) im Rahmen des Forschungsprojekts „Energie aus Wildpflanzen“ (Laufzeit 2008 bis 2010) an drei verschiedenen Standorten in Deutschland mit acht unterschiedlichen zusammengesetzten Saatgutmischungen. Eine abschließende ökonomische Aussage kann nach derzeitigem Forschungsstand jedoch erst in der Langzeitbetrachtung über mehrere Standjahre hinweg erfolgen. Auch fehlen noch wissenschaftlich abgesicherte Langzeitstudien zu den Auswirkungen des Wildpflanzenanbaus auf die regionale Fauna. „Im Vordergrund unseres Grünschatz-Projektes steht deshalb die ökologische Wirksamkeit und die Frage, wie sich Wildpflanzenflächen auf die örtliche Tier- und Insektenwelt auswirken“, erklärt Buttschardt.

Derzeit werden mehr als 70 Prozent der agrarisch genutzten Flächen in Nordrhein-Westfalen von der konventionellen Landwirtschaft intensiv genutzt. Der zunehmende Anbau von Mais-Monokulturen ist nicht nur kommunalen Tourismusmanagern ein Dorn im Auge. Sie tragen auch zum Verlust der Biodiversität bei. Nicht zuletzt seit dem Wegfall der Flächenstilllegungspflicht im Jahr 2007 habe sich der Rückgang typischer Arten in der Agrarlandschaft noch einmal deutlich beschleunigt, so das Netzwerk Lebensraum Feldflur.

Für ihr Langzeitprojekt nutzen die Grünschatz-Wissenschaftler eine eigens für das Münsterland zusammengestellte Saatgutmischung aus starkwüchsigen sowie regional typischen Wildpflanzen. Auf 25 Testflächen, insgesamt 16 Hektar Land, wird sie angebaut. Seit 2015 untersuchen die Wissenschaftler nun – neben den ackerbaulichen Aspekten für den Landwirt – die Auswirkungen der Anpflanzungen auf die Entwicklung der Flora und Fauna. Dafür wurden Wildpflanzenfelder in breiten Streifen sowohl in freier Feldflur als auch nahe von Siedlungen angelegt. Sie erstrecken sich weiträumig verteilt von den münsterländischen Gemeinden Billerbeck und Coesfeld bis nach Dorsten und Schermbeck. Die Flächen wurden so ausgewählt, dass sie unterschiedliche landschaftliche Situationen und ein breites Artenpotenzial abbilden. Neben einer Bewertung des Landschaftsbildes und der Analyse des Nährstoffgehalts der Böden, erfassen und kartieren die Wissenschaftler die Pflanzenarten und verfolgen die Entwicklung der Tierwelt auf den Versuchs- sowie den konventionell bewirtschafteten Vergleichsflächen.

Artenfreundlicher Energiepflanzenanbau zeigt deutliche Effekte
Erste Zwischenergebnisse der mehrjährigen Forschungsarbeiten sind nach Ansicht der Wissenschaftler vielversprechend. „Wir haben in den angelegten Wildpflanzenflächen höhere Individuen- und Artenzahlen bei Käfern, Spinnen, Asseln, Schmetterlingen und Vögeln angetroffen als auf den Vergleichsflächen“, so Buttschardt. Die nachgewiesenen Effekte auf die Tier- und Pflanzenwelt seien deutlich. Die Daten deuteten darauf hin, dass die Wildpflanzenfelder sowohl auf Grund ihres erhöhten Nahrungsangebotes als auch hinsichtlich der abwechslungsreicheren Struktur punkten. In diesem Jahr werde die Entwicklung der angetroffenen Tierpopulationen auf den Wildpflanzenflächen weitergehend untersucht und dokumentiert, wie auch die der botanischen Artenvielfalt. Betrachtet werden auch die Auswirkungen auf die Wasser- und Bodenbedingungen der Testflächen.

Energie von blühenden Äckern
Zudem nehmen die Wissenschaftler die ökonomische Seite des Wildpflanzenanbaus für die Energiegewinnung und die Akzeptanz der ökologischen Alternative genauer in den Blick. Umfragen unter Landwirten und anderen Akteursgruppen im Rahmen des Forschungsprojekts hatten ergeben, dass die ökologische Sinnhaftigkeit und der landschaftsästhetische Vorteil von Wildpflanzenflächen gegenüber Maiskulturen klar erkannt werden. Wildpflanzenkulturen seien nach Meinung der meisten Befragten auch dazu geeignet, das Image des Berufsstandes „Landwirt“ zu verbessern. Um zu testen, ob sich Wildpflanzen als Substitute für den klassischen Maisanbau auch aus ackerbaulicher Perspektive rentieren, werden im Grünschatz-Projekt Betreibermodelle entwickelt. Sie sollen exemplarisch aufzeigen, wie sich auf Betriebsebene ein ökonomisch tragfähiger Anbau langfristig realisieren lässt.

Unterdessen erproben die Stadtwerke Nürtingen in Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Biosphärengebiet Schwäbische Alb gerade ein anderes Modell: Sie bieten einen neuen Ökostromtarif an: „Bienenstrom“. Wer den Ökostromtarif bucht, erhält Strom aus erneuerbaren Energien, vornehmlich Wasserkraft, und zahlt pro Kilowattstunde einen Cent, der in den Anbau von mehrjährigen, ertragreichen Wildpflanzenmischungen und die Pflege der Felder fließt. Dieser Blühhilfebeitrag kommt den beteiligten Landwirten zu, die somit einen Anreiz erhalten, den Artenschutz zu fördern und Maismonokulturen zu ersetzen. Die Stromkunden werden damit zu Blühhelfern und schaffen so mehr Lebensraum für Bienen und Insekten, so das Konzept, das im Mai gestartet ist.