„Geteiltes Wissen ist doppelt Wert“

28. März 2014 | Kira Crome

Es war als praktische Arbeitshilfe für Genehmigungsbehörden gedacht. Mittlerweile zählt das Windenergie-Handbuch von Monika Agatz zur Standardliteratur der Fachinformation zur Windenergie. Jetzt liegt die zehnte, aktualisierte Ausgabe vor. Das Handbuch, das die Umweltingenieurin jährlich nach dem neuesten Stand der Praxis in ihrer Freizeit überarbeitet, steht kostenlos im Internet zur Verfügung. „Es ist die Leidenschaft für die Sache, die mich antreibt“, sagt die Fachberaterin des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) über ihr ehrenamtliches Engagement. Ein Interview mit der Autorin über ihr Online-Projekt und die Entwicklungslinien in der Windenergie.

Frau Agatz, Sie schreiben seit mehr als zehn Jahren das Windenergie-Handbuch fort. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Entstanden ist das Handbuch im Zuge der ersten Ausbauwelle der Windenergie in Nordrhein-Westfalen. Da war ich noch beim Staatlichen Umweltamt Herten tätig. Damals sind sehr viele neue Fragen auf uns als Genehmigungsbehörde zugekommen. Es galt, das nötige Wissen zu erarbeiten. Leider gingen einmal gefundene Lösungen mitunter wieder verloren. Deshalb kam ich auf die Idee, die Informationen, die wir einmal zusammengestellt hatten, systematisch aufzuschreiben. Als Arbeitshilfe für uns und für die Kollegen in anderen Behörden.

… die mittlerweile zur Standardliteratur zählt.
Ja, es ist eigentlich ein ganz trockenes Verwaltungsfachbuch, aber es hat inzwischen eine breit gestreute Leserschaft gefunden. Gutachter, Anlagenplaner und Projektierer, aber auch Anwälte und Studenten nutzen es. Besonders freut mich aber, dass das Handbuch auch interessierte Bürger erreicht hat, die nach sachlichen und neutralen Informationen zu dem Thema suchen. Einige Bürgerinitiativen haben auf ihren Internetseiten auf das Handbuch verlinkt.

Obwohl Bürgerbeteiligung und Konsensfindung viel intensiver betrieben werden, ist die Erwartungshaltung an die umweltfachlichen, sozialen und finanziellen Aspekte der Windenergienutzung enorm gestiegen.

Das Handbuch ist mit 90 Seiten gestartet. Die zehnte Auflage hat mehr als den doppelten Umfang. Ist das Thema so viel komplexer geworden?
Definitiv. Einmal hat ein Kollege für mich eine alte Genehmigungsakte von Anfang der 1990er-Jahre aus einem Mikrofiche gezogen. Er kam dann ganz ungläubig mit 20 Seiten zu mir. Heute füllen die Antragsunterlagen für eine einzelne Windenergieanlage zwei dicke Aktenordner. Das liegt unter anderem daran, dass bei der Genehmigung einer Windenergieanlage viele Spezialthemen abzuarbeiten sind – wie zum Beispiel Anforderungen des Luftverkehrsrechts.

Was hat sich denn darüber hinaus verändert?
Die Windenergie steht im öffentlichen Fokus, die Konfliktpotenziale haben sich verschärft und jedes nur erdenkliche Detail wird intensiv diskutiert. Damit steigen die Anforderungen an die Genehmigungsbehörden. Wir müssen wirklich sehr genau arbeiten und das mit wenig Personal. Zum Teil sind infolge der Kommunalisierung in den einzelnen Verwaltungen nur zwei, drei oder vier Sachbearbeiter übrig geblieben, die viele komplexe Sachgebiete betreuen müssen. Dadurch ist viel Wissen weggebrochen. Häufig bleibt im Arbeitsalltag aber kaum Zeit, eigenes Wissen zu generieren. Da ist eine Arbeitshilfe wie das Windenergie-Handbuch immer wichtiger geworden.

Trotzdem stellen Sie Ihre Arbeit kostenlos zur Verfügung …
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist, in allen erforderlichen Bereichen auf dem neuesten Stand zu sein. Über die Rückmeldungen, die ich von ganz verschiedenen Seiten zum Handbuch erhalte, entsteht viel fachlicher Austausch, der wiederum in das Handbuch einfließt. Geteiltes Wissen ist doppelt Wert: Das gesammelte Material ist dadurch gewachsen, immer tiefer und detaillierter geworden.

Welche Entwicklungen haben Sie in der Windenergie-Genehmigungspraxis über die Jahre Ihrer Arbeit beobachtet?
Es sind zwei Tendenzen, die auf den ersten Blick gegenläufig sind. Viele Gemeinden und Bürger, die während der ersten Ausbauphase sehr früh Erfahrungen mit Windenergie sammeln konnten, stehen heute neuen Projekten kompetent und unaufgeregt gegenüber. Man geht mit Dingen, die man kennt, anders um als mit Unbekanntem. Akzeptanz wächst durch Auseinandersetzung, eigene Erfahrung und Wissen. Der Anblick von Windrädern ist zur Normalität geworden. Aber an vielen Orten, wo man sich heute erstmals mit Windenergie beschäftigt, muss dieser Auseinandersetzungsprozess erst noch stattfinden. Gleichzeitig verschärfen sich dort, wo neue Projekte geplant werden, die Konflikte. Der Widerstand ist heute viel höher und dass, obwohl die Standards sehr viel strenger sind als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Obwohl Bürgerbeteiligung und Konsensfindung viel intensiver betrieben werden, ist die Erwartungshaltung an die umweltfachlichen, sozialen und finanziellen Aspekte der Windenergienutzung enorm gestiegen.

Was glauben Sie, woran das liegt?
Das ist schwer zu sagen. Wir müssen uns heute mit den Folgen unseres Energiekonsums auseinandersetzen. Damit gehen die Leute sehr unterschiedlich um. Die einen halten den Ausbau der erneuerbaren Energien für eine echte Chance. Die anderen sehen nur die negativen Auswirkungen der Energieerzeugung, die sie vorher gar nicht wahrgenommen haben, weil die wenigen Großkraftwerke weit von ihnen entfernt waren. Wichtig ist aber auch, dass wir dem Grundanliegen des Umweltschutzes treu bleiben und die Umweltfolgen unseres Verhaltens sichtbar machen. Denn nur so sind wir angespornt, möglichst gute Lösungen zu finden. Eine „Reduzierung auf Null-Umweltauswirkung“ ist aber auch bei den erneuerbaren Energien nicht möglich, weil jede menschliche Aktivität Auswirkungen auf die Umwelt hat – das wäre also eine falsche Erwartungshaltung.

Häufig bleibt im Arbeitsalltag aber kaum Zeit, eigenes Wissen zu generieren. Da ist eine Arbeitshilfe wie das Windenergie-Handbuch immer wichtiger geworden.

Nordrhein-Westfalen blickt auf eine lange Industriegeschichte und viel Erfahrung im Umgang mit Konflikten zurück. Kann man daraus heute für die Windenergie schöpfen?
Ich denke schon. Wir haben in Nordrhein-Westfalen gelernt, dass industrielle Produktion und Wohnraum nah beieinanderliegen können – mit einem hohen Maß an Lebensqualität. Wichtig ist die Konsensfindung. Wenn heute auf Industriebrachen Windenergieanlagen gebaut werden, sehen die Leute das sehr viel gelassener, weil sie eine gewisse Beeinträchtigung des Wohnumfeldes gewöhnt sind und als normale Konzession an unsere Daseinsvorsorge akzeptieren.

Sie arbeiten heute im Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz. Welche Hürden kommen mittelfristig auf Sie in der Fachberatung zu?
Ein Thema, das seit Jahren schon ein großes ist und immer noch viele offene Fragen aufwirft, ist der Artenschutz. Das wird uns sicherlich noch eine ganze Zeit lang beschäftigen, weil da die Standardsetzung noch nicht so weit fortgeschritten ist. Auch das Ziel, den Wald für die Windenergie zu öffnen, stellt die Flächenausweisung in vielen Gemeinden vor große Herausforderungen. Das wird nicht einfach werden.

Findet eine Kommune dafür in Ihrem Handbuch konkreten Rat?
Ja, ich habe in den letzten zwei Jahren, obwohl das Buch aus der Genehmigungspraxis kommt, den Teil zur planungsrechtlichen Ausweisung von Windkonzentrationszonen zu einem eigenständigen Kapitel ausgebaut. Die Anforderungen aus der Rechtsprechung heraus sind sehr viel komplexer geworden. Ich hoffe, damit ein bisschen Orientierung bieten zu können, denn ich glaube, dass eine praxisnahe umfassende Arbeitshilfe für die planungsrechtliche Ausweisung von Windenergiekonzentrationszonen bisher leider fehlt.

Was haben Sie sich als nächstes vorgenommen?
Im Moment arbeite ich an einem Biogas-Handbuch. Aber auch die Internet-Plattform für das Windenergie-Handbuch bietet natürlich noch viele Möglichkeiten. Ich habe da eine ganze Reihe von Ideen, aber häufig fehlt mir die Zeit und andere Ressourcen. Aber ich bin selbst ganz gespannt, was da in Zukunft noch entstehen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr unter www.windenergie-handbuch.de

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