Gemeinsam Wind ernten: Starthilfe für Bürgerwindprojekte

17. Februar 2014 | Kira Crome

Energiegenossenschaften, die ein Windenergieprojekt entwickeln und erfolgreich betreiben wollen, brauchen vor allem eines: Fachwissen. Wer heute auf Wind setzt, muss organisatorische Konzepte, finanzielle Risiken und rechtliche Hürden des Geschäftsfeldes gut kennen. Ein breitangelegtes, dreitägiges Aufbauseminar will helfen, Windenergieprojekte in Bürgerhand professionell anzugehen.

„Was dem einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Das Konzept des kooperativen Wirtschaftens, das auf den Sozialreformer und Gründervater der Genossenschaftsbewegung Friedrich Wilhelm Raiffeisen zurückgeht, ist heute aktueller denn je. Vielerorts tun sich Bürger zusammen und bündeln ihre Kräfte, um die Energiewende selbst in die Hand zu nehmen. Allein im Jahr 2012 wurden über fünf Milliarden Euro in erneuerbare Bürgerenergie-Projekte angelegt. Fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom stammt aus Anlagen, die Bürgern gehören, bilanziert das jüngst in Berlin gegründete Bündnis Bürgerenergie.

„Energiegenossenschaften sind zu einem wichtigen Akteur der Energiewirtschaft geworden“, sagt Eckart Ott, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands. 800 an der Zahl zählt der Verband aktuell bundesweit. Von den mehr als 150.000 Mitgliedern sind die meisten Privatleute, die wie die institutionellen Investoren mit ihren Einlagen an den Energiegenossenschaften beteiligt sind. Viele versprechen sich von ihren Anteilen nicht nur finanzielle Vorteile. Es geht ihnen vor allem um Gemeinsinn, gesellschaftliche Teilhabe und vor allem darum, den Umbau der Energieversorgung aktiv mit zu gestalten.

Energie in Eigenregie

„Genossenschaften sind dafür ideale Konstrukte, denn als Selbsthilfeorganisationen beruhen sie auf Beteiligung und Engagement“, erklärt Burghard Flieger vom Netzwerk „Energiewende jetzt“. Für den Vorstand der innova-Genossenschaft, einer Entwicklungspartnerschaft, die bundesweit bei der Gründung von Selbsthilfegenossenschaften berät und Weiterbildungsseminare anbietet, sind die Potenziale der Unternehmensform für die „Energiewende von unten“ offenkundig: Sie schafft Zuspruch und Vertrauen durch Partizipation und Identifikation. Noch macht die Windenergie in der Vielfalt des energiegenossenschaftlichen Engagements den kleineren Teil der Vorhaben aus. „Dabei bieten Genossenschaftsmodelle alle Voraussetzungen, um das gesamte unternehmerische Spektrum entlang der Wertschöpfungskette in Eigenregie zu übernehmen“, sagt der Fachmann. Bei der Windenergie reicht das von der Projektplanung und Finanzierung über die Stromproduktion und den Anlagenbetrieb bis zum Vertrieb und Beteiligungsmöglichkeiten. Doch wer in die Bürgerenergie einsteigen will, braucht nicht nur einen langen Atem und eine gute lokale Vernetzung. Gefordert sind vor allem Fachwissen und eine gute Kenntnis der organisatorischen Modelle mit den jeweiligen finanziellen Risiken und der rechtlichen Hürden des Geschäftsfeldes.

Erfolgsfaktoren: Fachwissen und Sachkompetenz
In der Praxis haben sich drei verschiedene Organisationsansätze entwickelt. Das derzeit häufigste Modell im Bereich der Windenergie ist das der Finanzierungs- oder Beteiligungsgenossenschaft, erklärt Flieger. Sie wird von einem Vorhabenträger, beispielweise einem kommunalen Stadtwerk, initiiert, um auf diese Weise Bürgerbeteiligungen zu organisieren. „Aus der Sicht von Organisatoren von Windprojekten sind Beteiligungsgenossenschaften eine brillante Lösung um in erneuerbare Energien zu investieren und zugleich bürgernah zu handeln“, sagt Flieger. „Sie können so eine breite finanzielle Bürgerbeteiligung organisieren, ohne dass sie in die Prospektpflicht geraten.“ Allerdings bergen diese Formen viele Schwierigkeiten – von steuerlicher Benachteiligung der genossenschaftlichen Anleger über eine reduzierte Gewinnausschüttung bis zur Unzulässigkeit eines Gewinnversprechens, da die Genossenschaft der Förderung der Mitglieder und nicht der Dividendenausschüttung dient. „Im ungünstigsten Fall scheitert das Projekt“, warnt der Genossenschaftsexperte.

Ein derzeit noch eher rares Modell ist das der Betreibergenossenschaft. „Hier entwickelt oder kauft eine Energiegenossenschaft eine einzelne fertige Windenergieanlage oder einen kleinen Windpark und betreibt diese in eigener Verantwortung“, erläutert Flieger. Der entscheidende Unterschied zum Beteiligungsmodell: Die Mitglieder übernehmen durch ihren gewählten Vertreter die Geschäftsführung selbst und haben damit über die finanzielle Teilhabe hinaus direkte Mitsprache- und Kontrollrechte. Ein anspruchsvolles Modell, findet der Fachmann. Denn es fordere nicht nur hohe Fachkenntnisse und Sachkompetenz von den Mitgliedern, sondern auch eine Bereitschaft der Projektierer, als Dienstleister volle Transparenz zu zeigen. Eine weitere Herausforderung sei das Risiko, das bis zur endgültigen Genehmigung der Windenergieanlage eingesetzte Bürgerkapital zu verlieren.
Eine dritte Möglichkeit ist der Zusammenschluss mehrerer Genossenschaften zu einer gemeinsamen Regionalentwicklungsgenossenschaft. „Solche Kooperationsmodelle sind eine innovative Kombination aus Beteiligungs- und Betreibergenossenschaft, die besonders kapitalintensive Windenergieprojekte stemmen und die risikoreiche Entwicklungsphase bis zur vorläufigen Genehmigung sichern können“, so Flieger. Ihre Aufgabe: Akquise und Verhandlungen mit Projektpartnern, Unterstützung bei der Flächenakquise, Vorfinanzierung der Projektentwicklung aus eigenen Mitteln, Optimierung der regionalen Wertschöpfung sowie auf Wunsch Betrieb oder Teilbetrieb der Anlage. Der Vorteil: Sie entlasten vor allem die Einzelgenossenschaften von den Risiken der Projektentwicklung.

Ein Boom mit Delle
Energiegenossenschaften sind vor allem kleine und mittlere Marktteilnehmer, die vom persönlichen Engagement der Mitglieder abhängen. Viele fühlen sich den sich verändernden Marktbedingungen nicht gewachsen. Zudem erweise sich das Geschäftsfeld der Windstromerzeugung häufig als ambitioniert, meint Branchenkenner Flieger: „Investoren sichern sich mit unredlichen Versprechen ausgewiesene Flächen für die Nutzung von Windenergie. Projektierer geben möglichst wenig Know-how preis, das für die Planung, Entwicklung und das Betreiben von Windkraftanlagen erforderlich ist.“ Gezielte Qualifizierung tue Not.

Dreitägiges Fachseminar im März
Will eine Bürgergenossenschaft ein Windenergieprojekt entwickeln und erfolgreich betreiben, braucht es eine Reihe von Kenntnissen über innovative Windenergiekonzepte, über Risiko und Hürden, über verschiedene Wege der regionalen Wertschöpfung sowie über organisatorische und rechtliche Lösungen, die der Genossenschafts- und Bürgerbeteiligungsidee entsprechen. „Deshalb bieten wir eine gezielte Weiterbildung an, um Energie in Bürgerhand auch im Windsektor konsequent zu verwirklichen“, erklärt Flieger mit Hinweis auf ein dreitägiges Weiterbildungsangebot im März. Das (http://www.energiegenossenschaften-gruenden.de/fileadmin/user_upload/downloads/Fachtagungen_Veranstaltungen/WindseminarEnergieGenos_NRW_final.pdf) wendet sich an Projektentwickler für Energiegenossenschaften, Vorstände, Aufsichtsräte und ambitionierte Mitglieder von Energiegenossenschaften, Projektierer und Planer, die Bürgerbeteiligung umsetzen wollen, Vertreter von Stadtwerken und Kommunen, die mit Windenergiegenossenschaften kooperieren wollen, Interessierte und Engagierte im Bereich Energiegenossenschaften.
Veranstalter sind das Netzwerk Energiewende jetzt und die innova eG. Unterstützt wird die Weiterbildung durch die EnergieAgentur.NRW im Auftrag des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur und Verbraucherschutz NRW.
Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es beim Netzwerk Energiewende Jetzt.

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