Forschung in NRW: Bürger entwickeln einen Energiewendeindex

25. Juni 2018 | Kira Crome

Reallabor Münster © Virtuelles Institut/IDPF 2016

Reallabor Münster © Virtuelles Institut/IDPF 2016

Immer mehr Menschen in Nordrhein-Westfalen zieht es in die Städte. Welche Folgen hat die Urbanisierung für die Energiewende in Städten und ländlichen Regionen? Diesen Fragen widmet sich ein neues Forschungsprojekt des Instituts für Demokratie- und Partizipationsforschung der Bergischen Universität Wuppertal. Gemeinsam mit Bürgern aus verschiedenen Teilen Nordrhein-Westfalens wollen die Wissenschaftler einen sogenannten Energiewende-Index entwickeln.

Die zunehmende Verstädterung ist einer der Megatrends unserer Zeit. Die Urbanisierung rückt die verschiedenen Lebensbereiche wie Wohnen, Arbeiten und Einkaufen näher zusammen. Das führt die Infrastruktur überall an ihre Kapazitätsgrenzen. Schon 2012 lebten bereits knapp 75 Prozent der Deutschen in Städten. Die Folge ist ein enormes Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land. Für Stadt- und Kommunalverwaltungen erwächst daraus vielfältiger Handlungsbedarf in der öffentlichen Daseinsvorsorge: Nicht nur im Wohnungsbau und im Verkehrsbereich, sondern auch in der Energieversorgung fordert der Wandel neue Lösungen. Wie aber müssen die genau aussehen? Ein neues Forschungsprojekt des Instituts für Demokratie- und Partizipationsforschung (IDPF) der Bergischen Universität Wuppertal will die Folgen der Urbanisierung für die Energiewende näher beleuchten.

Städte als Inkubator für gesellschaftlichen und technischen Fortschritt
Städte sind Entwicklungszentren und Testlabore, machen Megatrends sichtbar und zeigen Trends auf, sagen Zukunftsforscher. Hier setzt das Wuppertaler Forschungsvorhaben „EnerUrb – Urbanisierung: Energiewende in NRW im Spannungsfeld von Stadt und Land“ im Verbundprojekt „Virtuelles Institut-Transformation der Energiewende NRW“ an: „Wir wollen herausfinden, wie die Urbanisierung die Energiewende beeinflusst“, erklärt Projektleiterin Nora Freier. „Die Entwicklung zu “Smart Cities“, also die Vernetzung und energetische Optimierung städtischer Infrastrukturen, ist beispielsweise ein positiver Einfluss, der die Energiewende vorantreibt.“ Zur Kehrseite des Verstädterungstrends gehört zum Beispiel die Ausdünnung ländlicher Regionen. „Diese Entwicklung zieht beispielsweise eine geringere Dichte des Energiebedarfs nach sich. Für die Umsetzung der Energiewende ist das ein Hemmnis.“

Ein genaueres Verständnis davon, wie sich die wachsende Urbanisierung auf die Umsetzung der Energiewende auswirkt, ist gerade für Nordrhein-Westfalen besonders wichtig. Denn mit über 17 Millionen Einwohnern ist das Land nicht nur das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands, sondern zugleich das mit der höchsten Einwohnerdichte. Das stellt nicht nur Fragen an die nachhaltige Gestaltung von Mobilität und Logistik. Reagieren muss städtische Energiepolitik beispielsweise auch auf das sich verändernde Verhältnis von Energie-Produzenten und -Konsumenten oder auf neue Ansprüche an Landnutzung. Um die vielfältigen Zusammenhänge besser zu verstehen, will das Forschungsprojekt nicht nur die räumlichen, technischen und ökonomischen Veränderungen in den Blick nehmen. „Wir betrachten insbesondere politische, soziale und kulturelle Faktoren und erfassen damit die Wechselwirkungen mit den nicht-technischen Aspekten der Energiewende“, so Freier.

Bürgerinnen und Bürger betreiben Forschung
Um die verschiedenen Dynamiken erheben zu können, wenden sich die Wissenschaftler in einem zweiteiligen partizipativen Vorgehen direkt an die Bürgerinnen und Bürger. Ziel ist dabei nicht die Erforschung von Bürgerinteressen oder Akzeptanz-Fragen. Vielmehr kommt den beteiligten Bürgern eine aktive Rolle als Akteur der Energiewende zu. „Wir wissen aus unserem Vorprojekt, dass die Bürgerinnen und Bürger sich aktiv auf ganz unterschiedliche Weise an der Umsetzung der Energiewende beteiligen. Der Beitrag, den die Menschen zur Transformation des Energiesystems leisten, ist dabei nicht unwesentlich, wie viele Projekte und Aktivitäten in Nordrhein-Westfalen zeigen. Derzeit existieren jedoch kaum Strategien zur systematischen Einbindung dieser neuen Alltagspraktiken der Bürgerinnen und Bürger, die einen Beitrag zur Lösung von Problemen und Herausforderungen im Umgang mit der Energiewende ermöglichen“, erklärt Freier. So bleibe ein wesentliches Element der ganzheitlichen und gemeinschaftlichen Ausgestaltung einer nachhaltigen Energiewende bislang in der wissenschaftlichen Betrachtung ausgeblendet. Das wollen die Wuppertaler Wissenschaftler gemeinsam mit ihren Forschungspartnern, dem Wuppertal Institut, dem Forschungszentrum Jülich und der Hochschule Bochum, ändern.

Index für die lokale Energiewende
Ziel des partizipativ angelegten Forschungsprojektes ist es, diese Leerstelle zu füllen. In einem ersten Schritt wollen die Forschungsnehmer Interviews und Online-Befragungen mit repräsentativ ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern durchführen, um die Themen im Spannungsfeld von Urbanisierung und Energiewende zu bestimmen. Im zweiten Schritt werden sogenannte „Reallabore“ in vier verschiedenen Orten in Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Daran werden jeweils 100 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus der Region teilnehmen. Während einer Woche diskutieren sie in einem moderierten Verfahren Erwartungen und Ansprüche an die lokale Energiewende, erörtern Zielkonflikte, die sich daraus ergeben, und erarbeiten auf diese Weise einen Energiewende-Index für ihre Stadt oder Region. „Der Index soll Transparenz schaffen und als bürgerschaftliche Leitlinie für eine nachhaltige Gestaltung der Energiewende dienen“, erklärt Freier. Zudem solle er auch der Evaluation dienen und auf andere Städte und ländliche Regionen übertragbar sein, um dort eine sozial-integrative, gesellschaftlich tragfähige Energiewende vor Ort zu befördern.

Mit dem Forschungsprojekt des Wuppertaler IDPF, in das auch Klimaforscher des Wuppertal Instituts und des Forschungszentrums Jülich sowie Umweltpsychologen der Hochschule Bochum als Projektpartner eingebunden sind, startet das Verbundprojekt „Virtuelles Institut Transformation Energiewende NRW“ seine zweite Forschungsperiode. Eine öffentliche Auftaktveranstaltung findet am 28. Juni 2018 in Essen statt. Mehr über das Virtuelle Institut und wie es arbeitet, erfahren Sie in einem Erklärfilm der EnergieAgentur.NRW, den Sie hier finden.