Energiewende von unten: Energie fürs Quartier

17. April 2018 | Kira Crome

Solarstrom zum Mitnehmen: das Sonne2Go-Team bei EnergiefürsQuartier Ruhr © Ravi Sejk

Solarstrom zum Mitnehmen: das Sonne2Go-Team bei EnergiefürsQuartier Ruhr © Ravi Sejk

Im Ruhrgebiet macht das Förderprojekt „Energie fürs Quartier“ acht Stadtteile zum Reallabor für die lokale Energiewende in der Stadt. Acht Teams, die im Rahmen eines offenen Wettbewerbs ausgewählt worden sind, entwickeln in den nächsten anderthalb Jahren ganz unterschiedliche Ansätze, um in ihrem Quartier mehr Menschen mit Klimaschutz- und Energiethemen in Berührung zu bringen.

Auf dem Land hat die Energiewende schon eher ein Gesicht: Biogasanlagen neben Bauernhöfen, Solaranlagen auf Hausdächern, Windenergieanlagen in der offenen Landschaft. In der Dichte der Stadt ist sie dagegen weniger sichtbar. Das macht es auch schwieriger, dort für die Anliegen und Umsetzungsmöglichkeiten der Energiewende zu werben. „Vor allem wissen wir so gut wie nichts über die Menschen und über den sozialen Kontext, in dem er oder sie sich mehr oder weniger „energiewendefreundlich“ verhält“, sagt Stephan Muschick, Geschäftsführer der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft. Das will das Förderprojekt „Energie fürs Quartier“ (EfQ) ändern, das das von der Stiftung mitgetragene Kooperationsnetzwerk Dynamis gerade im Ruhrgebiet ins Rollen gebracht hat. „Gute Ideen entstehen oft vor Ort, direkt in der Praxis. Doch allzu oft gibt es nicht die Möglichkeit, sie zu entwickeln und umzusetzen“, sagt EfQ-Projektleiterin Svenja Feuster. Dafür will das Projekt die notwendigen Voraussetzungen schaffen.

Neue Energie im Quartier
Die Energiewende werde häufig als rein technisches Konzept gesehen, um das Klima zu schützen und Ressourcen zu schonen, sagen die Projektmacher. Doch das sei zu kurz gedacht, denn schließlich sind es die Menschen, die den Wandel in ihrem Lebensalltag mitgestalten und damit mehr Nachhaltigkeit herbeiführen. Sie finden ihre ganz eigenen Antworten auf die Frage, wie eine erfolgreiche Energiewende vor Ort aussehen kann. „Wir müssen neue Dinge ausprobieren“, sagt Feuster. „Dafür braucht es entsprechende Räume.“ „Energie fürs Quartier“ will den Nährboden bereiten, auf dem gute Ideen über das „Man müsste mal“-Denken hinaus tatsächlich in die Tat umgesetzt werden.

Mit einem Bewerbungsaufruf ist das Projekt im letzten Sommer gestartet. „Jeder, der die Veränderungen im Quartier selbst in die Hand nehmen will, konnte sich bewerben – von Schülern über Ehrenamtler bis zu Fachleuten“, sagt Feuster. 36 Bewerbungen aus dem ganzen Ruhrgebiet sind eingegangen, acht Projektteams wurden von einer Jury ausgewählt. Sie erhalten künftig professionelle Unterstützung in Form eines Mentoring-Programms, um in den kommenden Monaten ihre Projektidee auszugestalten und weitere Mitstreiter aus der Nachbarschaft zu gewinnen. Ein Startkapital von 20.000 Euro pro Team soll die Umsetzung ins Rollen bringen.

Von Up-Cycling-Werkstätten über ein Fachgeschäft für Stadtwandel bis zum Klimaquartier
Lernen von anderen – darauf setzt „Energie im Quartier“. Die Palette der lokalen Ansätze ist dabei so breit wie vielfältig. Im Dortmunder Unionsviertel soll in der Urbanisten-Manufaktur ein Upcycling-Labor entstehen. In dem Werkraum will sich das EfQ-Projektteam mit kreativen Müllverwertungs- und Vermeidungsstrategien beschäftigten. Daraus sollen Workshop- und Bildungsformate entstehen, die über Energieverbräuche und ökologische Fußabdrücke im Konsumalltag informieren. In Mülheim soll eine Lastenrad-Flotte aufgebaut werden, am Leibniz-Gymnasium in Altenessen will eine Fahrrad-AG Angebote rund ums Radfahren für das Viertel entwerfen. In Wesel geht es um die Quartiersentwicklung im Stadtteil Blumenkamp, der seit Jahren von dem Aussterben des lokalen Handels, einem niedrigen durchschnittlichen Energiestandard und hohen Altersdurchschnitt geprägt ist. Einen sozial-ökologischen Wandel im Quartier will auch das EfQ-Team in Essen-Holsterhausen vorantreiben. Dort soll in einem leerstehenden Ladenlokal ein Fachgeschäft für Nahmobilität und Up-Cycling entstehen.

Auf den Dialog vor Ort setzt auch das EfQ-Team im Mülheimer Stadtteil Broich. Hier hat die EfQ-Arbeit schon erste Formen angenommen. „Die Energiewende betrifft jedermann“, findet Hans-Peter Winkelmann. Mit seinem Projektteam will Winkelmann, der sich beruflich lange Jahre mit Klimaschutzthemen beschäftigt hat, lokale Geschäftsleute und Unternehmer in Broich, vom Bäcker um die Ecke über den Friseurladen bis zur Autowerkstatt und zur Schreinerei, in Sachen Energieeffizienz informieren und „klimafit“ machen. 320 kleine Geschäfte und Firmen sind in Broich ansässig. Sie könnten im lokalen Klimaschutzengagement eine wichtige Vorreiterrolle übernehmen, so Winkelmann. Wie das ortsansässige Baumarkt- und Baustoffzentrum, das eine große PV-Anlage auf dem Dach des Geschäfts installiert hat: Der selbst erzeugte Strom vom Dach decke 20 Prozent des Energiebedarfs des Unternehmens ab, sagt Geschäftsführer Hartmut Buhren, den Winkelmann bereits als Mitstreiter für das Projekt gewonnen hat. Das Beispiel könnte Schule machen: 7.700 Quadratmeter potenziell für die Solarstromerzeugung nutzbare Dachflächen in Broich könnten dazu beitragen, jährlich über 370 Tonnen Treibhausgasemissionen einzusparen, hat das Projektteam ausgerechnet. Nun sollen gemeinsam mit der Broicher Interessengemeinschaft mehr Unternehmer im Stadtteil mit Infoabenden, Beratungsangeboten und Checklisten für den Klimaschutz gewonnen werden.

Sonne2Go und geschenkte Energie
Um die Energiewende von unten zu betreiben, braucht es kollaborative Strukturen. Darauf setzen  auch Judith Pawlitta, Matthias Rheinlaender und Maximilian Czelinski. Sie wollen zeigen, dass Produktentwicklung heute nicht allein eine Domäne von Herstellern und Unternehmen ist. Immer öfter greifen Laien zu Skizzenblock und Bleistift, Schraubendreher und Lötkolben um neue innovative Lösungen für den Alltag zu entwickeln. In einem offenen Design-Prozess, an dem sich jedermann beteiligen kann, will das Bochumer EfQ-Team ein Produkt entwickeln, dass die Nutzung erneuerbarer Energien im Alltag erleichtert. „Sonne2Go“ nennen die drei ihre Idee: eine Solarinsel-Ladestation für die Fensterbank. Das Gerät soll in verschiedenen Workshops gemeinsam mit Gleichgesinnten entworfen und gebaut werden. Solchen Innovationsprozessen, die mit der tradierten Auffassung von Designentwicklung brechen, schreiben Experten durchaus Potenzial zu. „Sie sind oft ein ungehobener Schatz“, sagt Hendrik Send. Der Professor am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft hat untersucht, wie der technische Erfindungsgeist von Laien die Energiewende voranbringen kann. Oft seien solche Ansätze effektiver als Unternehmen, die mit der Innovation Geld verdienen müssen, hat er herausgefunden.

Alle Infos zu Entwicklung und Umsetzung will das Sonne2Go-Team auf öffentlich zugänglichen Plattformen im Internet zur Verfügung stellen, nach dem Motto: Nachbauen sehr erwünscht. Ein echtes Anschauungsobjekt für die Energiewende will auch das Gelsenkirchener EfQ-Team schaffen und dafür viele kreative Köpfe zusammenbringen. Im Stadtteil Ückendorf soll das Thema Energie und die Frage, wie wir damit umgehen, zum verbindenden Element werden, das die Menschen im Viertel zusammenbringt. Die Idee: Eine Skulptur im öffentlichen Raum zu errichten, die aus sich selbst heraus – beispielsweise mithilfe von Solarzellen – Strom erzeugt, der allen zu Gute kommen und niemanden etwas kosten soll: „Geschenkte Energie für das Quartier“, heißt das Vorhaben, das in den kommenden Monaten, wie die anderen EfQ-Vorhaben konkrete Gestalt annehmen soll.

Das Projekt „Energie fürs Quartier“ wird von dem Kooperationsnetzwerk Dynamis, das von der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft, der 100 Prozent Erneuerbar Stiftung und dem Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) getragen wird, durchgeführt. Partner ist die Mercator Stiftung in Essen