Energiewende per Dialog: Energieplan für die Städteregion Aachen ist fertig

19. November 2018 | Kira Crome

© Markus Bienwald/EWV

Projektleiter Jens Schneider (v. l.), Staatsekretär Thomas Rachel und der „Render“-Beiratsvorsitzende Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick (rechts) übergeben den Regionalen Energieplan Aachen 2030 an Städteregionsrat Helmut Etschenberg (Mitte) und den Beigeordneten der Stadt Aachen, Dr. Markus Kremer. © Markus Bienwald/EWV

In der Städteregion Aachen ist in einem breit angelegten Dialogprojekt über vier Jahre hinweg ein Fahrplan für die Energiewende vor Ort erarbeitet worden. Anfang Oktober wurde der „Regionale Energieplan Aachen 2030“ führenden Vertretern der Städteregion und der Stadt Aachen übergeben. Damit ist die Arbeit jedoch noch nicht beendet. Nun geht es an die Umsetzung.

Bis zum Jahr 2030 will die Städteregion Aachen den Anteil Erneuerbarer Energien – gemessen am Endenergieverbrauch – auf 75 Prozent erhöhen. Bis 2050 sollen 80 Prozent der Treibhausgasemissionen gegenüber dem Basisjahr 1990 reduziert werden. Das sind die politischen Klimaschutzziele, die der Kommunalverband am Dreiländereck für die Region abgesteckt hat. Der Weg dahin erscheint noch weit: Aktuell decken Erneuerbare Energien rund 17 Prozent des Gesamtstromverbrauchs in den zehn Kommunen der Städteregion ab. Lassen sich die angestrebten Ziele bis 2030 überhaupt erreichen? Diese Frage hat die Städteregion Aachen im „Regionalen Dialog Energiewende Aachen“ (kurz: Render) zur Diskussion gestellt. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt hat 2014 unter Federführung des Forschungsinstituts für Wasser- und Abfallwirtschaft (FiW) an der RWTH Aachen mit zahlreichen Partnern aus der Region einen breiten gesellschaftlichen Dialogprozess (wir berichteten) initiiert. „Die Umsetzung der Energiewende ist aus unserer Sicht keine Frage des ob. Die Art und Weise der Umsetzung ist vielmehr die Kür“, sagt FiW-Projektleiter Jens Schneider. Wie die aussehen könnte, um in den nächsten zwölf Jahren die Energiezukunft der Städteregion nachhaltig umzuschreiben, ist im Render-Dialogprozess über vier Jahre hinweg unter Beteiligung der regionalen Fachöffentlichkeit und gesellschaftlichen Akteuren erörtert worden. Das Ergebnis ist der „Regionale Energieplan Aachen 2030“ (kurz: Repac), der Anfang Oktober Vertretern der Städteregion und der Stadt Aachen feierlich übergeben worden ist.

Fahrplan für die regionale Energiewende der Städteregion erarbeitet
Im Fokus des Render-Dialogs stand die Frage, wie die regionale Energiewende vorangebracht werden kann und sich dabei ökonomische Chancen sinnvoll nutzen, aber auch konkurrierende Interessen vereinbaren lassen. Dafür wurde der gegenwärtige Status Quo der Energieerzeugung analysiert, Ausbauoptionen für die regionale Energiewende entworfen, Innovationskompetenzen und vorhandene Ansätze für eine energieeffiziente Entwicklung der Städteregion zusammengeführt und ein Handlungsprogramm für Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft entwickelt. Zwischenergebnisse wurden fortlaufend in öffentlichen Workshops sowie mit Fachämtern, Verwaltungen und Ausschüssen erörtert. Eingebunden waren auch die Bürgerinnen und Bürger, die im Zuge des Projekts zu ihren Anliegen befragt worden sind. Ihre Sichtweise spiegelt sich ebenfalls im Energieplan wieder.

Drei Szenarien für die regionale Energiewende
„Der Regionale Energieplan Aachen 2030 zeigt einen konkreten Weg auf, große Zusammenhänge lokal anzugehen“, sagte Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, bei der Übergabe und lobte den integrativen Ansatz des Render-Dialogprojekts: „Wissenschaft und Praxis aus Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft haben gemeinsame Lösungsansätze erarbeitet.“ Positiv sei auch die hohe Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, die im Laufe des Prozesses ein großes Interesse und auch eine hohe Akzeptanz gegenüber dem Ausbau der Erneuerbaren Energien gezeigt hätten, betonte Rachel.

Der Energieplan zeigt auf, wie sich die regionalen Kapazitäten regenerativer Energien in der Region ausbauen und dabei wichtige Effizienzpotenziale erschließen lassen. Schwerpunkte sind Windenergie, Dachflächen- und Freiflächen-Photovoltaik. Drei Entwicklungsszenarien hat die Render-Projektgruppe erarbeitet, auf die verschiedenen technischen, räumlichen, ökonomischen und rechtlichen Implikationen geprüft und von den Dialogbeteiligten bewerten lassen. Dabei wurde klar: Das Ziel, 75 Prozent des Stromverbrauchs in der Städteregion bis 2030 aus Erneuerbaren Energien zu decken, bleibt ambitioniert. „Einen Königsweg gibt es dafür nicht“, heißt es im Energieplan.

Die erste Ausbauoption lautet „Weiter wie bisher“ und würde – ausgehend vom Ausbautrend in den vergangenen drei Jahren über alle Technologien hinweg – bis zum Jahr 2030 den politischen Klimaschutzzielen der Städteregion nicht nennenswert näher kommen. Auch hinter dem von der Bundesregierung ausgegebenen Ziel zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen bliebe die Region weit zurück. Selbst mit der offensivsten, dritten Ausbauoption „Wir erreichen das Ziel“ kann das theoretisch mögliche Gesamtpotenzial der Erneuerbaren Energien in der Region nicht erschlossen werden. Denn sowohl die regionale Fachöffentlichkeit als auch die Bevölkerung hatten im Dialogprozess konkrete Ausbaugrenzen an solchen Standorten eingefordert, an denen sich konkurrierende Belange beispielsweise der Erholung und des Artenschutzes festmachen.

Herausforderung Energieregion 2030
Als ambitioniert bezeichnet der Energieplan auch die zweite Ausbauoption, deren Überschrift „Wir strengen uns an“ zugleich das Motto für die weitere Arbeit vorgibt. Basierend auf einer moderaten Dynamisierung des Windenergie-, Dachflächen- und Freiflächenphotovoltaik-Ausbaus in der Region, könnte der Anteil aus Erneuerbaren Energien am Gesamtstromverbrauch in den nächsten zwölf Jahren auf 37 Prozent gesteigert werden.

Der Weg dorthin birgt einige Herausforderungen. So konkurrieren beim Ausbau großer PV-Freiflächenanlagen ohnehin knappe Flächen mit anderen infrastrukturellen Bedarfen wie der Entwicklung von Gewerbegebieten. Bessere Möglichkeiten schreibt der Energieplan der Dachflächennutzung für den Solarenergieausbau zu. Bliebe der derzeitige Ausbautrend perspektivisch bis 2030 unverändert, rechnet der Energieplan im Falle der Windenergie mit einer leichten Steigerung der Stromerzeugung: Würden die aktuell 93 betriebenen Windenergieanlagen durch Repowering, Zu- oder Abbau bis zum Jahr 2030 auf 54 Anlagen reduziert, ließe sich die derzeit erzielte Leistung von 372 Gigawattstunden (GWh) um fünf GWh steigern.

Umsetzungsphase beginnt
Städteregionsrat Helmut Etschenberg sieht vor allem die Kommunen in der Pflicht, jetzt Lösungen zu ermöglichen. „Die Handlungsempfehlungen des Energieplans tragen zu einem nachhaltigeren Energiebewusstsein bei“, ist Etschenberg überzeugt. Was im Energieplan noch visionär formuliert ist, soll nun praktisch werden. Wie das in der Städteregion mit den zahlreichen Partnern gemeinsam gelingen kann, soll nun im kommenden Jahr erarbeitet werden. Möglich wird das, weil das Bundesforschungsministerium der Förderung einer einjährigen Umsetzungsphase aus den Restmitteln des Render-Projekts, die in den vier Jahren nicht ganz ausgeschöpft worden sind, zugestimmt hat. Auftakt bildet eine Fachveranstaltung im November. Zentrale Frage wird sein, wie die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Regionalen Energieplan größtmöglichen Einfluss auf die Entwicklung in der Region nehmen und auch politische Ebenen erreichen können. Thematisch wird es in erster Linie um die Windenergie, Dachflächen- und Freiflächen-Photovoltaik, aber auch die Zukunft der Kraft-Wärme-Kopplung und die koordinierte Zusammenarbeit aller Akteure gehen.