Energiegenossenschaften organisieren die Nahwärmeversorgung

18. September 2014 | Gastbeitrag von Burghard Flieger

Nahwärmeleitung Grosselfingen

Nahwärmeleitung in Grosselfingen (Foto von Solarcomplex, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 4.0)

Die Energiewende kann nur erfolgreich sein, wenn es auch eine „Wärmewende“ gibt. Doch da tut sich auf dem Wärmemarkt noch viel zu wenig, weder bei der dezentralen Versorgung noch bei der Beteiligung der BewohnerInnen. Eine mögliche Variante zur Umsetzung dieser Wärmewende sind Energiegenossenschaften, die eine funktionierende Nahwärmeversorgung organisieren. Ein Gastbeitrag von Burghard Flieger.

Nahwärme bedeutet, dass Wärme zwischen Gebäuden über verhältnismäßig kurze Strecken, meist unter einen Kilometer, übertragen wird. Dafür wird in der Regel heißes Wasser mit fester oder auch variabler Temperatur durch unterirdische Rohrleitungen gepumpt. Bei jedem Gebäude befindet sich dann eine Übergabestation. Deren zentrales Bauelement ist ein Wärmetauscher, der die Wärme auf den hausinternen Wasserkreislauf überträgt. Für die Abrechnungen wird die entnommene Wärmemenge gemessen. Jeder angeschlossene Haushalt zahlt pro bezogener Kilowattstunde und zusätzlich einen monatlichen Grundpreis. Über diesen werden möglichst die verbrauchsunabhängigen Kosten gedeckt.

Nahwärmenetze können mehrere Gebäude bedienen, ein Wohn- oder Gewerbegebiet, manchmal sogar eine gesamte Gemeinde. Der für die Versorgung von Nahwärmenetzen benötigte Leistungsbereich entspricht der Größenordnung dezentraler Energieerzeugungsanlagen. Dafür eignen sich insbesondere Biogas- oder Holzhackschnitzel-Anlagen; zukünftig dürften zudem Abwärme aus Industrieanlagen sowie solarthermische Anlagen an Bedeutung gewinnen. Wenn diese dezentral erzeugte Wärmeenergie zum nahgelegenen Nutzer transportiert wird, entsteht ein Energieerzeugungssystem mit ausgeprägter Energieeffizienz bei hoher regionaler Wertschöpfung. So können Nahwärmenetze ein Baustein für die (hoffentlich) politisch gewünschte Ausweitung der Nutzung Erneuerbarer Energien sein.

Nahwärme nutzt der Energiewende

Gegenüber der Wärmeerzeugung mit Heizanlagen in jedem Haus oder sogar jedem Haushalt weist ein Nahwärmenetz erhebliche Vorteile auf:

  • Grundsätzlich ist es einfacher, einen Wärmeerzeuger zu verbessern oder zu erneuern als viele kleine Heizkessel. Das macht die Nutzung erneuerbarer Energien wie Holzpellets oder Hackschnitzel unkomplizierter. Zudem ist die Abgasqualität eines großen Holzkessels besser und der Betriebsaufwand für Brennstoffbeschaffung und Wartung geringer.
  • Nahwärmenetze produzieren Nutzwärme mit hoher Energieeffizienz – vor allem Blockheizkraftwerke (BHKW), die gleichzeitig Strom und Wärme produzieren. Dem ist der Wärmeverlust durch die Übertragung gegenzurechnen – je weiter die Wege, desto größer sind naheliegenderweise die Wärmverluste. Grundsätzlich sollte die Wärmebelegung, d. h. der Abstand zwischen den Anschlussnehmern, im Schnitt unter 50 m pro Anschlussnehmer liegen. Zur Berechnung wird die gesamte Trassenlänge durch die Anzahl der Abnehmer geteilt. Die Wärmedichte sollte über 500 kWh/(m*a) liegen. Je höher die Wärmedichte ist, desto weniger Wärmeverluste treten auf.
Warum soll’s eine Nahwärme-Genossenschaft sein?

90 % der Energiegenossenschaften produzieren Photovoltaikstrom – was im Winter nur begrenzt möglich ist. Gibt es zusätzlich ein ans Nahwärmenetz angeschlossenes BHKW, wäre dies eine ideale Ergänzung des bisherigen Geschäftskonzepts dieser Genossenschaften. Betreibt eine Genossenschaft ein Nahwärmenetz, sind ihre Mitglieder Eigentümer (Träger) und Nutzer (Wärmebezieher) zugleich. Sie bestimmen als Investoren über die Bedingungen der Produktion und damit auch über die Nutzungskosten. Daher kommen viele Nahwärmeprojekte nur als genossenschaftliche Projekte zustande. Denn im Falle externer Investoren als Energieerzeuger und Betreiber des Nahwärmnetzes bedürfte es schon eines erheblichen Vertrauensvorschusses, um auf eine individuelle Heizungsanlage zugunsten einer Gemeinschaftsanlage zu verzichten.

Unterschiedliche Geschäftskonzepte

Was sind die Leistungen einer solchen Genossenschaft? Wie rechnet sich das? Für Energiegenossenschaften lassen sich mindestens fünf verschieden Ansätze im Geschäftsfeld Nahwärme unterscheiden:

  1. Die Mitfinanzierung eines Nahwärmenetzes, ohne selbst Betreiber zu sein. Diese Option bieten oftmals Stadtwerke oder Kommunen an. Bei diesem Ansatz ist darauf zu achten, dass er mit den neuen Richtlinien des Kapitalanlagegesetzbuches vom Sommer 2013 vereinbar ist. Ohne ins Detail zu gehen, ist das meistens der Fall, wenn die Genossenschaft mehrere Projekte wie etwa zusätzliche Solaranlagen betreibt. Dieses Modell verfolgte ursprünglich die Fernwärmegenossenschaft Marktoberdorf eG.
  2. Die Errichtung und das Betreiben eines Nahwärmenetzes ohne eigene Erzeugungsanlage als Einprojektgenossenschaft. Ausgangspunkt sind meist eine Biogasanlage oder eine Industrieanlage, bei der die anfallende Wärme bisher ohne Nutzung in der Umwelt „verpuffte“. Die Abhängigkeit von dem Erzeuger birgt potenzielle Risiken, die durch das geringere Investitionsvolumen und die niedrigeren Planungsrisiken relativiert werden. Beispiele hierfür sind die Nahwärme Heede eG und die Nahwärme Erksdorf eG. In den meisten Fällen wird eine Nahwärmegenossenschaft für ein Netz gegründet. Zwecks Wirtschaftlichkeit sollten, dies ist nur eine erste grobe Daumenregel, etwa 80 anschließende Hauseigentümer (i.d.R. Einfamilienhäuser) mitmachen. Sind große Abnehmer wie öffentliche Einrichtungen oder Gewerbebetriebe dabei, ändert sich dies bzw. verbessert sich die Wirtschaftlichkeit erheblich.
  3. Das Betreiben einer oder mehrere Erzeugungsanlagen und eines Nahwärmenetzes, ebenfalls durch eine Einprojektgenossenschaft. Diese Ansätze werden überwiegend als Bioenergiedorf konzipiert. Durch die investive Verknüpfung mit einer Holzhackschnitzelheizung oder einer Biogasanlage ist hiermit ein höherer Planungs- und Investitionsaufwand verbunden, der die Millionengrenze überschreitet. Diese Genossenschaften entsprechen dem Ideal einer größtmöglichen Identität von Mitgliedschaft, verbunden mit Personenübereinstimmung bei Erzeugung und Verbrauch. Besonders bekannt für diese Ausrichtung sind das Bioenergiedorf Jühnde eG und das Bioenergiedorf Oberrosphe eG.
  4. Das Engagement als Mehrprojektgenossenschaft, die auch BHKW im Bereich der Nahwärmeversorgung von Bestandswohnungen betreibt. Bei solchen Mehrprojektgenossenschaften geht es besonderes im städtischen Raum um die Versorgung einzelner Hausblöcke, oft nur mit zehn oder 20 Wohneinheiten. Dafür ist eine Genossenschaft aufgrund der Organisationskosten nicht geeignet, wenn es nur um ein Projekt geht. Insofern sollte eine Genossenschaft, die solche Projekte angeht, entweder bereits wirtschaftlich sein aufgrund mehrerer schon umgesetzter anderer Energieprojekte (beispielsweise Solaranlagen) oder auf Dauer je nach Größe der Versorgungseinheiten mindestens drei oder vier solcher Kleinprojekte realisieren. Sie sollte also mindestens vier oder fünf Mehrfamilienhäusern BHKW-Projekte verwirklichen. Auch dann müssen solche Projekte noch eine Mindestzahl an Haushalten versorgen, damit sich auch jede einzelne Anlage, unabhängig von der Trägerschaft durch die Genossenschaft, rechnet. Bei jeder Anlage ist die Wirtschaftlichkeit abhängig von den spezifischen Bedingungen. Im Idealfall wird das einzelne Projekt umgesetzt durch die Versorgung mehrere nebeneinander liegender Gebäude, die durch kleine Nahwärmenetze miteinander verbunden sind, oder in einem großen Mehrfamilienhaus. Zukünftig dürfte das immer häufiger der Fall sein verbunden mit der parallelen Teilversorgung der Nutzer auch mit Strom. Hier gilt es immer wieder rechtliche Details im Zusammenhang mit der EEG-Umlage und der Stromsteuer zu klären. In Umsetzung befindet sich dies gegenwärtig im Haus der Energie bei der Energiegenossenschaft Odenwald und bei der Solar-Bürger-Genossenschaft eG.
  5. Die Realisierung innovativer Versorgungskonzepte für Neubauprojekte, die faktisch den Charakter von Kleinsiedlungen oder kleinen Gewerbegebieten aufweisen. Aufgrund ihrer geringen Größe wären solche Nahwärmekonzepte als Einprojektgenossenschaften nicht rentierlich, da der umgesetzte Niedrigenergiestandard den damit erzielbaren Umsatz begrenzt. Diese Ansätze sind zurzeit noch Zukunftsmusik, werden aber ebenso wie BHKW-Projekte im Altbaubestand ein wichtiger Wachstumsmarkt für Energiegenossenschaften in den nächsten fünf Jahren sein. Umsetzungen gibt es bisher vor allem in Österreich, aber nicht von genossenschaftlichen Akteuren.

Ohne die Kommunen gibt es in der Regel kein Nahwärmenetz, da das Verlegen der Rohre auf jeden Fall genehmigt werden muss.

Das können die Kommunen beitragen

Ohne die Kommunen gibt es in der Regel kein Nahwärmenetz, da das Verlegen der Rohre auf jeden Fall genehmigt werden muss. Von den Eigentümern – egal, ob privat oder kommunal – sind Genehmigungen bzw. „Wegerechte“ einzuholen. Außerdem sind größere Wärmeerzeugungsanlagen nach der 4. BImSchV genehmigungsbedürftig. Unterstützen können Kommunen das Ganze auf vielfältige Weise, indem sie zunächst die Genehmigungsverfahren möglichst zügig und kostengünstig durchführen. Sie können zudem bei der Erschließung von Neubaugebieten einen Anschlusszwang erlassen, so dass sich alle an ein Nahwärmenetz anschließen müssen. Hiergegen spricht, dass freiwillige Lösungen eher den Zusammenhalt stärken und mehr Offenheit für weitergehende Konzepte (Ökosiedlung oder Bioenergiedorf) erwarten lassen.

Schließlich können sie bei Bedarf für die Finanzierung eine Bürgschaft erteilen. Bei diesem Punkt gibt es immer wieder Auseinandersetzungen, ob dies mit dem Kommunalrecht vereinbar ist, wenn die Kommune keinen entscheidenden Einfluss auf die Energiegenossenschaft hat. Da Klimaschutz und Energieversorgung zu den Aufgaben der Daseinsvorsorge gehören, lässt sich dies aber argumentativ vertreten. Last but not least sind Wohnungsunternehmen – egal, ob kommunal, genossenschaftlich oder privat – wichtige Partner für genossenschaftliche Wärmenetze. Nur wenn sie zustimmen und als Partner mitmachen, wird eine Wärmewende möglich.

Seminarhinweis

„Sich gemeinschaftlich mit Wärme versorgen“ vom 16. bis 18. Oktober 2014 in Münster: Ein Seminar des Institutes für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen sowie der innova eG informiert über Konzepte und Projektentwicklung von Nahwärmegenossenschaften.

Weitere Informationen: genossenschaft@t-online.de oder direkt zum Programm und zur Anmeldung.

Burghard Flieger, promovierter Volkswirt und Soziologe, ist seit über 30 Jahren wissenschaftlich, beratend und qualifizierend im Bereich neuer Genossenschaften tätig. Er ist Vorstand der Solar-Bürger-Genossenschaft eG mit Sitz in Freiburg, die aktuell ihr zweites BHKW-Projekt im Altbaubestand für ein Mehrfamilienhaus realisiert.

Ein Gedanke zu “Energiegenossenschaften organisieren die Nahwärmeversorgung

  1. Wohl wahr, solche Ideen gibt es. Auch schon lange.

    Genau so wichtig wie die Energie-Bereitstellung ist allerdings auch deren Verteilung in den Gebäuden. Es ist erschreckend, wie wenig selbst in Neubau-Quartieren über „ganzheitliche“ Ansätze nachgedacht wird.
    Übergreifende Energie-Konzepte interessieren „keine Sau“, selbst den Immobilenentwickler nicht.
    Da werden in innerstädtischen Rekultivierungs-Gebieten Baulose an verschiedene Investoren / Architekten vergeben, ohne dass die Kommune auch nur einen einzigen Versuch unternimmt, die Parteien um einen „energetischen Tisch“ zu versammeln.
    Nein nein, jeder bekommt seine eigene Solarmütze auf’s Dach oder die Pellets-Heizung in den verdämmten Keller.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Bitte lösen Sie folgende Rechenaufgabe: *