Energiewende in verständlicher Sprache

16. Februar 2018 | Tomke Menger

Verständliche Infomaterialien können zur Akzeptanz der Energiewende beitragen. ©Tero Vesalainen/pixabay

Die Energiewende ist eine große Aufgabe, die derzeit viele Veränderungen mit sich bringt. Die erneuerbaren Energien rücken in Form von Windenergieanlagen und Photovoltaik-Modulen nah an das Lebensumfeld der Menschen heran. Auf der Stromrechnung steht die „EEG-Umlage“, die die Energiewende finanzieren soll. Viele dieser Veränderungen können unbequem für die Menschen sein. Umso wichtiger ist es, über die Notwendigkeit der Energiewende sowie ihre Auswirkungen in verständlicher Sprache aufzuklären. Dies kann die Akzeptanz für das Vorhaben der Energiewende fördern.

Das Erfordernis, Informationen zur Energiewende bereitzustellen, wurde mittlerweile erkannt. Es gibt eine Flut von unterschiedlichen Materialien, die von vielen verschiedenen Stellen bereitgestellt werden. Doch erreichen sie wirklich alle Menschen? Zum einen ist es schwer, Menschen zu erreichen, die am politischen Geschehen wenig Interesse haben. Aber auch die Fähigkeit, die oft in Form von Texten angebotenen Informationen überhaupt zu verstehen, kann nicht vorausgesetzt werden. Fast jede fünfte in Deutschland lebende Person hat Schwierigkeiten, komplexere Texte zu verstehen. In der internationalen PIAAC-Studie werden die grundlegenden Kompetenzen von Erwachsenen erhoben. Laut dieser Studie erreichen 17,5 Prozent der Erwachsenen nur Stufe 1 der Lesekompetenz oder darunter. Das bedeutet, dass sie höchstens leichte Verständnisaufgaben lösen können. In den meisten Fällen können sie aus kurzen einfachen Texten klare Informationen heraussuchen. Komplexere Texte und eine Vielzahl von Informationen überfordern sie jedoch. Die Quote ist in Deutschland zwar nicht ungewöhnlich hoch (der Anteil liegt nur ein paar Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt). Wenn man jedoch die absolute Anzahl errechnet, ergibt sich eine nicht zu vernachlässigende Gruppe. Von den 82 Millionen Einwohnern Deutschlands sind knapp 54 Millionen zwischen 16 und 65 Jahre alt (Quelle: Statistisches Bundesamt). Die Stichprobe der PIAAC-Studie umfasst diese Altersspanne. Aus diesen Zahlen ergibt sich eine Anzahl von knapp 9,5 Millionen Menschen, die Probleme mit komplexeren Texten haben.

7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben
Laut der Level-One-Studie, die die Universität Hamburg 2011 durchführte, gibt es in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Dies entspricht 14,5% der Menschen zwischen 18 und 64 Jahren. Diese Menschen besitzen nicht die ausreichende Lese- und Schreibkompetenz, die man im Alltag braucht, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Unter ihnen sind laut der Studie 2,5 Millionen Analphabeten im engeren Sinne, die höchstens einzelne Wörter lesen und schreiben können.

Die Ursachen fehlender Lesekompetenz sind bislang kaum systematisch erforscht. Gründe können unter anderem schwierige soziale und familiäre Bedingungen in der Schulzeit, Lernschwierigkeiten, geistige Behinderung oder eine andere Muttersprache sein.

Menschen mit einer niedrigen Sprachkompetenz in den Alltag einzubinden ist wichtig, diese Meinung ist mittlerweile weit verbreitet. Deshalb haben zum Beispiel Bundesbehörden und andere öffentliche Träger die Pflicht, die Funktion ihrer Webseiten auch in Leichter Sprache zu erklären (§3, Satz 2, BITV 2.0). Aber auch politische Organe in Nordrhein-Westfalen verfügen über eine Einführung in Leichter Sprache – so zum Beispiel die Webseite der Landesregierung.

Leichte Sprache muss sich an Regeln halten
Leichte Sprache ist durch die Regeln des Netzwerk Leichte Sprache genau festgelegt. Auch die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) umfasst Regeln, die jedoch nicht so umfassend sind. Laut Netzwerk Leichte Sprache besteht Leichte Sprache unter anderem aus kurzen Sätzen und aus einfachen Begriffe der Alltagssprache. Zusammengesetzte Wörter werden durch Bindestriche getrennt, damit die Einzelwörter besser erkennbar sind. Passiv, Genitive, Konjunktive und Fremdwörter werden vermieden. Nur wenn sie unvermeidbar sind, werden Fremdwörter verwendet und dann immer erklärt. Wichtig ist zudem, die Texte von sogenannten Prüfern vor der Veröffentlichung lesen zu lassen. Die Prüfer kommen aus der jeweiligen Zielgruppe, z. B. Menschen mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten. Sie können am besten beurteilen, was sie verstehen und was nicht. Das vollständige Regelwerk des Netzwerk Leichte Sprache kann hier heruntergeladen werden.

Einfache Sprache – weniger reglementiert
Der Begriff Einfache Sprache bezeichnet dagegen eine weniger standardisierte Form der vereinfachten Sprache. Sie ist komplexer als leichte Sprache. So dürfen die Sätze etwas länger sein. Während die Aktion Mensch in einem Faktenblatt für Leichte Sprache maximal acht Wörter pro Satz empfiehlt, sind es in Einfacher Sprache 15 Wörter. Sätze dürfen (höchstens) ein Komma enthalten. Es wird dennoch auf leicht verständliche Wörter und kurze klare Sätze geachtet. Fremdwörter werden vermieden oder erklärt. Die Pflicht, den Text von der Zielgruppe gegenlesen zu lassen, entfällt, da die Zielgruppe diverser ist. Mit dieser Sprache sollen vor allem Menschen angesprochen werden, die geringe Bildung haben, keine Muttersprachler sind oder aus sonstigen Gründen Schwierigkeiten mit dem Lesen von langen, komplexen Sätzen haben. Das Sprachniveau entspricht laut Aktion Mensch in etwa A2 bis B1 des europäischen Referenzrahmens. Der Verein schätzt die Zielgruppe für Einfache Sprache in Deutschland auf 21 Millionen Menschen.

(Fast) Jedes Thema kann in vereinfachter Sprache erklärt werden
Mit diesen beiden vereinfachten Sprachformen lassen sich fast alle Themen beschreiben. Zwar kann nicht immer alles bis ins kleinste Detail erklärt werden, doch die meisten Themen lassen sich auf einige wichtige Kernpunkte verdichten, so auch das Thema Energiewende. Und gerade ein so vielschichtiges Thema kann von den Ansätzen Leichter und Einfacher Sprache profitieren. Denn schließlich betreffen die vielseitigen Auswirkungen dieser Umstrukturierung alle Menschen, ob sie gut lesen können oder nicht. Es spricht also alles dafür, auch Informationen zu diesem Thema auch in Leichter und Einfacher Sprache bereitzustellen. Leider gibt es bisher kaum Informationsmaterial zu diesen Themen in vereinfachter Sprache. Eine der Ausnahmen stellt eine Broschüre des BWE Schleswig-Holstein aus dem Jahre 2013 dar. In dem 16-seitigen Dokument wird Windenergie allgemein und die Situation in Schleswig-Holstein in Leichter Sprache erläutert.

Die Übersetzung in Leichte oder Einfache Sprache ist natürlich zeitaufwendig. Auch wenn es eine vereinfachte Form ist, die Übersetzung kann schwerfallen. Es gibt jedoch professionelle Übersetzer, die oftmals bei Vereinen angesiedelt sind oder als private Büros arbeiten. Diese Büros arbeiten im Fall der Leichten Sprache auch mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammen, die die Texte gegenlesen.

Kommunen, Vereine und soziale Einrichtungen als Ansprechpartner vor Ort
Eine der größten Herausforderungen bei diesem Thema ist es, die Zielgruppe mit den Informationsmaterialien zu erreichen. Fachinstitute und Verbände der Erneuerbare-Energien-Branche erreichen oft eher interessierte Bürgerinnen und Bürger mit einer guten Sprachkompetenz. Kommunen, Sozialverbände und soziale Einrichtungen dagegen sind für die meisten Menschen ein wichtiger Ansprechpartner vor Ort. Mit ihrer Hilfe kann ein Informationsaustausch angestoßen werden. Kommunen können entsprechende Informationsmaterialien in ihren Ämtern auslegen. Genau wie Vereine und soziale Einrichtungen stehen sie mit Bürgerinnen und Bürgern an verschiedenen Orten des täglichen Lebens im Austausch. Zudem ist es bei vielen kommunalen Planungen im Bereich der Energiewende wichtig, möglichst viele Menschen mitzunehmen. Über die Planungen Bescheid zu wissen ist eine Grundvoraussetzung, um sich eine eigene Meinung bilden und von den Beteiligungsmöglichkeiten Gebrauch machen zu können.

Es geht jedoch nicht darum, alle Informationen ausschließlich in vereinfachter Sprache darzustellen. Das kann für Irritationen sorgen, weil manche Menschen sich dadurch unterschätzt fühlen. Es sollte vielmehr um eine Wahlmöglichkeit zwischen vereinfachter und komplexer Sprache gehen, um alle Menschen bei ihren Möglichkeiten abzuholen.

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