Die Windradflüsterer

29. Januar 2014 | Kira Crome

Psychologen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg untersuchen, warum sich manche Menschen durch Windradgeräusche belästigt fühlen, obwohl die Anlagen strenge Lärmschutzwerte einhalten. In einem fachübergreifend angelegten Feldtest im Windpark Wilstedt forschen sie nach den Ursachen. Es ist die bundesweit erste systematische Langzeitanalyse, die versucht, das Phänomen zu erklären, um daraus Handlungsempfehlungen für die Windenergiebranche abzuleiten.

Wenn eine Windenergieanlage im Wind steht, verursachen ihre kreisenden Rotorblätter Geräusche. Anlagenbauer und Forschungsinstitute haben in den letzten zehn Jahren intensiv am Design der Rotorblätter und an der Entwicklung neuer Beschichtungen gearbeitet, um die Aerodynamik zu verbessern. Moderne Windräder laufen heute erheblich leiser. Zudem muss jede Windenergieanlage strenge baurechtliche Vorgaben erfüllen und darf den im Genehmigungsverfahren festgelegten Lärmschutzwert nicht überschreiten. Trotzdem klagen manche Anwohner über Beeinträchtigungen – vor allem nachts, wenn Verkehrslärm und andere Geräusche schwächer sind.

So auch im niedersächsischen Wilstedt bei Rothenburg. Hier wurde 2009 am Ortsrand ein Windpark in Betrieb genommen. Eine Bürgerinitiative, die seinerzeit versucht hatte, den Bau der neun Zwei-Megawatt-Anlagen in eineinhalb Kilometer Entfernung zur nächsten Wohnsiedlung zu verhindern, beschwerte sich über den Betriebslärm – obwohl die vorgeschriebenen Lärmschutzwerte eingehalten werden. Betreiber und Bürgervertreter einigten sich in einem gerichtlich erzielten Vergleich auf eine wissenschaftliche Untersuchung, um die tatsächlichen Lärmbelastungen, die objektiv gegen keine Richtlinien verstoßen, zu ermitteln. In einer Langzeitanalyse haben Gesundheits- und Umweltpsychologen des Instituts für Psychologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zusammen mit technischen Experten des Deutschen Windenergie-Instituts (DEWI) genauer unter die Lupe genommen, unter welchen Bedingungen die Geräuschentwicklungen der Windenergieanlagen als belästigend empfunden werden und in welchem Ausmaß. Gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) und Windparkbetreiber WPD, wurden dazu erstmals Befragungen und Schallmessungen kombiniert.

Psychologische Faktoren als Erklärungsansatz
Wie stark Betriebsgeräusche von Windrädern als störend erlebt werden, ist nicht allein durch die physikalischen Parameter der Schallemissionen zu erklären. „Aus der Lärmforschung wissen wir, dass die Lästigkeitsvarianz neben physikalischen Faktoren wie etwa dem Schallpegel auch auf psychische Faktoren zurückgeführt werden kann“, erklärt Johannes Pohl von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Bislang ist aber empirisch nur unzureichend erklärt, wie sich Windenergieanlagengeräusche psychologisch auswirken“, so der Umweltpsychologe weiter. „Uns interessiert auch, welche Geräuschmuster besonders störend sind.“

212 Anwohner und Anwohnerinnen wurden systematisch danach befragt, ob und zu welchen Zeiten sie sich durch die Betriebsgeräusche des benachbarten Windparks gestört fühlen. Die Wissenschaftler stellten 450 Einzelfragen dazu, wie sich die Geräusche auf ihren Alltag, auf ihren Schlaf und ihr gesundheitliches Wohlbefinden auswirken. Außerdem haben Betroffene Tonaufzeichnungen und Belästigungsprotokolle angefertigt. Parallel zu der Befragung führte das Deutsche Windenergie-Institut Lärmmessungen durch.

Zwischenergebnisse ausgewertet
Das Ergebnis: Die Mehrheit der Befragten fühlt sich durch den Windpark in ihrer Lebensqualität nicht eingeschränkt. „Die Betriebsgeräusche werden im Vergleich nicht lästiger empfunden als Straßenverkehrslärm“, erklärt Pohl. Die Entfernung zum Windpark spiele keine signifikante Rolle. Zehn Prozent der Befragten klagen jedoch über gesundheitliche Belastungen. Eine Größenordnung, die man Ernst nehmen müsse, sagt der Wissenschaftler. „Mithilfe der Schallmessungen und Tonaufzeichnungen konnten wir die Belästigung akustisch präzisieren und besser beschreiben.“ Verantwortlich für Schlafstörungen und daraus ableitbare Symptome wie Kopfschmerzen und Gereiztheit seien wahrscheinlich die sogenannte Amplitudenmodulation – ein kleiner Ausschlag im Schallpegel. Dieses physikalische Phänomen verursache ein in seiner Intensität schwankendes Geräusch, das unregelmäßig und zeitlich begrenzt auftrete. Gerade die Unregelmäßigkeit könne von besonders empfindlichen Menschen als unangenehm empfunden werden. Allerdings ließen sich die Beschwerden nicht durch eine einzelne Ursache erklären.

Erkenntnisse aus der Stressforschung
„Es müssen mehrere ungünstige Faktoren zusammen kommen, damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass körperliche oder psychische Symptome auftreten“, erläutert Pohl. Dazu gehören neben den individuellen Befindlichkeiten – wie zum Beispiel ungünstige Stressverarbeitungsstrategien – auch sogenannte moderierende Faktoren. „Wir wissen aus der Stressforschung, dass die Einstellung zur Lärmquelle ein solcher Faktor ist“, erklärt Pohl. „Wurde beispielsweise der Planungs- und Bauprozess einer Windenergieanlage als belastend und ungerecht erlebt, wurden später auch die Windradgeräusche als belästigend wahrgenommen.“ Aber auch Zufriedenheit mit den Partizipationsangeboten und finanziellen Beteiligungsmöglichkeiten wirken sich auf die Haltung zu etwaigen Geräuschen aus, glauben die Psychologen.

Akzeptanz von Windenergieanlagen verbessern
Um zu klären, was die Amplitudenmodulation verursacht und wie sie minimiert werden kann, testen die Wissenschaftler derzeit gemeinsam mit dem Anlagenhersteller Enercon über einen Zeitraum von sechs Monaten verschiedene Betriebsmodi. Ende Februar sollen die Anwohner erneut zu ihren Beobachtungen befragt werden. Im Sommer wollen die Psychologen dann ihren Abschlussbericht vorlegen. „Dieser fachübergreifende Langzeit-Feldversuch ist weltweit einmalig“, sagt Pohl. Von den Erkenntnissen über Ursachen und Wirkungen der Betriebsgeräusche im Wilstedter Windpark versprechen sich die Wissenschaftler Aufschluss darüber, wie die Akzeptanz von Windenergieanlagen verbessert werden kann. Ihre Forschungsergebnisse werden sie in einem Fachgespräch mit Experten und Akteuren aus der Windenergiebranche diskutieren, um daraus Handlungsempfehlungen für Planer und Projektierer zu entwickeln.

Eine thematisch ähnlich gelagerte Studie zu „Wirkungen von Windkraftanlagen auf Anwohner in der Schweiz: Einflussfaktoren und Empfehlungen“ hat das Forscherteam der Martin-Luther-Universität in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen im Oktober 2013 vorgestellt.

Nachtrag, Juni 2015: Der Abschlussbericht ist jetzt hier abrufbar.

 

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