Die Energiewende im lokalen Kontext: Interview mit der KWI-Wissenschaftlerin Esther Trost

6. April 2017 | Kira Crome

© KWI/Miriam Wienhold

© KWI/Miriam Wienhold

Die Energiewende ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Der öffentliche Diskurs hat einen Einfluss darauf, wie die Menschen über die Energiewende denken und wie sie sich dazu stellen. Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) hat an zwei Fallbeispielen aus Nordrhein-Westfalen untersucht, wie die Energiewende in der Lokalpresse und von Akteuren vor Ort wahrgenommen wird. KWI-Wissenschaftlerin Esther Trost erklärt im Interview, welche Rolle der lokale Kontext und die kulturellen Mentalitäten dabei spielen.

Die Energiewende sorgt für Kontroversen: in den Medien, in der Gesellschaft, in der Politik. Die unterschiedlichen Sichtweisen in der Berichterstattung und in öffentlichen Debatten beeinflussen, wie die Menschen die Energiewende im Land wahrnehmen. Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) hat im Rahmen des Forschungsprojekts „Mentalitäten und Verhaltensmuster im Kontext der Energiewende in NRW“ an zwei Fallbeispielen aus Nordrhein-Westfalen untersucht, wie die Lokalpresse und Akteure vor Ort die Energiewende bewerten. „Die Energiewende in NRW gibt es nicht“, sagt Esther Trost, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) und Mitautorin der Teilstudie „Deutungsmuster der Energiewende auf lokaler Ebene“. Ein Gespräch über die Rolle des Lokalen für die Akzeptanz der Energiewende vor Ort.

EnergieDialog.NRW: Frau Trost, wenn wir über einen Sachverhalt nachdenken, haben wir quasi eine vorgefertigte Brille auf, die uns lenkt. Soziologen nennen das Deutungsmuster. Was genau ist das?
Esther Trost:
Deutungsmuster finden wir auf der Ebene des gesellschaftlichen Wissens, in Texten, aber auch im individuellen Denken vor. Sie stellen ein Thema, zum Beispiel die Energiewende, in einen bestimmten Problemzusammenhang und sie enthalten meist auch eine Bewertung. Kollektive Deutungsmuster werden von vielen Menschen geteilt und können so eine gewisse gesellschaftliche Wirkung erlangen. So enthält die Aussage „Die Energiewende schützt die Umwelt“ eine positive Deutung, während das Deutungsmuster „Die Energiewende schadet der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland“ eine negative Deutung impliziert.

Wie kann die Analyse von Deutungsmustern dem Fortschritt der Energiewende weiterhelfen?
Welche Deutungsmuster unsere Wahrnehmung eines bestimmten Themas beeinflussen, wirkt sich wesentlich auf unser Handeln aus. Unsere Studie zu „Deutungsmustern der Energiewende auf lokaler Ebene“ ist eigentlich nur ein kleiner Baustein in einem großen Forschungsprojekt des Virtuellen Instituts „Transformation – Energiewende NRW“. In diesem Projekt „Mentalitäten und Verhaltensmuster im Kontext der Energiewende in NRW“ erforschen verschiedene Partner, das Forschungszentrum Jülich, die Hochschule Bochum, die RWTH Aachen, das Wuppertal Institut und wir vom KWI, gemeinsam das Nachhaltigkeitsbewusstsein in Nordrhein-Westfalen. Mit dem Ziel, daraus Maßnahmen abzuleiten, die dazu beitragen können, die immer noch bestehende Kluft zwischen energiebezogenem Handeln und der Einstellung zu Klima- und Umweltschutz zu verringern. Das Forschungszentrum Jülich führte dazu eine breite statistische Erhebung in ganz Nordrhein-Westfalen durch, um die Mentalitäten und Verhaltensmuster in verschiedenen Regionen und Milieus abzufragen. Wir, das heißt meine Kolleginnen Alexandra Büttgen und Lisa Geringhoff vom Wuppertal Institut und ich, haben mit unserer Teilstudie parallel dazu eine Art Tiefenbohrung unternommen.

Was hat sie besonders interessiert?
Uns interessiert, welchen Einfluss der lokale Kontext auf die Energiewende-Diskurse in Nordrhein-Westfalen hat. NRW ist kulturell, ökonomisch und sozial ausgesprochen vielfältig. Wir fragen uns deshalb, wie sich diese unterschiedlichen lokalen Ausprägungen darauf auswirken, wie die Energiewende in NRW wahrgenommen wird. Dafür haben wir uns zwei Fallbeispiele ganz genau angeschaut. Diese qualitative Betrachtung gibt uns Aufschluss darüber, welche Deutungsmuster in der jeweiligen lokalen Diskussion um die Energiewende vor Ort häufig vorkommen, welchen Einfluss lokale Besonderheiten auf die Wahrnehmung der Energiewende vor Ort haben, welche Akteure sich wie äußern und ob es Unterschiede zwischen den Fällen gibt. Das erlaubt uns auch Rückschlüsse darauf, ob man zum Beispiel mit einer Kommunikationsstrategie die Menschen in ganz Nordrhein-Westfalen erreichen kann oder ob man beim Thema Energiewende in unterschiedlicher Weise auf den lokalen Kontext eingehen muss.

Sie haben dafür die Stadt Duisburg und den Hochsauerlandkreis ausgewählt. Warum diese beiden?
Das Thema ist noch kaum untersucht. Wir wollen einen ersten Einblick gewinnen und mit unserem explorativen Ansatz einen tiefgehenden, möglichst breiten Blick auf das Lokale richten. Daher mussten wir uns auf zwei Fallbeispiele beschränken, die möglichst unterschiedlich sind. Beide Orte weisen im Zusammenhang mit dem Thema Energiewende divergierende spezifische Interessenskonstellationen auf: Duisburg als eine Großstadt im Ruhrgebiet mit viel energieintensiver Industrie und der ländlich geprägte Hochsauerlandkreis, in dem das Thema Windkraft viel Schlagzeilen macht. Beide Räume unterscheiden sich hinsichtlich der Größe, der Siedlungs-, Verkehrs- und Freiflächen, der Bevölkerungsdichte, und anderen demografischen Faktoren. Wir wollten wissen, welche Dynamik sich aus den spezifischen Interessenskonstellationen ergibt, und wir hatten die Hoffnung, dass dort das Thema breit diskutiert wird und wir viel Material finden.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Erkenntnis?
Unsere Forschungsarbeit ist noch nicht ganz abgeschlossen. Bis hierhin scheint sich unsere These zu bewahrheiten, dass der lokale Kontext einen wesentlichen Unterschied macht. Das ist für unsere weitere Forschung am wichtigsten. Sowohl was die vorherrschenden Deutungsmuster betrifft, als auch zur Frage, welche Gruppen sich in die Diskussion um die Energiewende einbringen, konnten wir wesentliche Unterschiede zwischen den Fällen ausmachen. Das fanden wir schon mal spannend.

Schauen wir erst auf die Lokalpresse, die Sie in beiden Fällen analysiert haben. In der überregionalen Diskussion über den Ausbau Erneuerbarer Energien geht es meist um die Kosten der Energiewende. Ist das auch im Lokalen so?
Gerade was die Presseberichterstattung angeht, können wir das auf jeden Fall bestätigen. Wir haben Artikel aus Lokalzeitungen analysiert, in denen das Thema Energiewende genannt wird und die sich explizit auf die Stadt Duisburg und den Hochsauerlandkreis beziehen. In beiden Fällen konnten wir sehen, dass die Bewertung der Energiewende in der Berichterstattung größtenteils negativ ausfällt, allerdings mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. In Duisburg geht es vorrangig um die Kosten der Energiewende für lokale Unternehmen. Das hat damit zu tun, dass die Krise der Duisburger Stadtwerke in unseren Untersuchungszeitraum fiel. Im Hochsauerlandkreis stehen die Windenergienutzung und ihre möglichen negativen Folgen im Themenfokus. Im Zentrum stehen sowohl die Folgen einer als falsch empfundenen Planungspolitik als auch die Bürgerinitiativen, die sich gegen diese Politik zur Wehr setzen. Interessanterweise kommt in der Presseberichterstattung das Thema Umweltschutz so gut wie nicht vor.

Im Ausland gilt die Umsetzung der Energiewende als ambitioniert, aber weil Deutschland der Ruf eines Planers zugeschrieben wird, gerade deshalb als umsetzbar. Gilt das auch für die Binnensicht?
Wir haben einen interessanten Wandel von Deutungsmustern in der lokalen Berichterstattung im betrachteten Untersuchungszeitraum festgestellt. Zwischen 2011 und 2013 wurde die Energiewende häufiger als Lösung für Atomenergie betrachtet und vorwiegend positiv bewertet. Nach 2013 wurde sie dann zunehmend als Problem und Problemursache wahrgenommen, zum Beispiel als Auslöser für höhere Energiekosten, und negativ bewertet. Vorteile der Energiewende finden kaum Erwähnung.

Sie haben neben der Lokalpresse auch die Online-Kommunikation der Akteure vor Ort untersucht. Sind die dort vorherrschenden Deutungsmuster ähnlich?
Die Ergebnisse unserer Online-Analyse waren dahingehend durchaus nicht so eindeutig. Zwar fällt die Bewertung der Energiewende als solche überwiegend positiv aus, hinsichtlich der Umsetzung der Energiewende aber eher negativ. Interessant fanden wir, dass bei den Deutungsmustern der ökologische Nutzen in beiden Fallbeispielen am häufigsten aufgetaucht ist. Da waren Umweltorganisationen, aber auch die Partei Die Grünen und einige Verwaltungsakteure sehr präsent, häufig mit der Begründung, dass die Energiewende das Klima schützt. Genauso häufig aber tauchte das Deutungsmuster auf, dass die Energiewende der Wirtschaft schadet. Wir müssen allerdings bei der Interpretation unserer Ergebnisse berücksichtigen, dass rein quantitativ betrachtet nur ein geringer Teil von Akteuren überhaupt am lokalen Energiewende-Diskurs teilnimmt. Das hat auch etwas damit zu tun, dass verschiedene Gruppen sich unterschiedlich aktiv in die Online-Kommunikation einbringen.

Welche der lokalen Akteursgruppen tragen denn am meisten zur Bewertung der Energiewende bei?

Das ist tatsächlich quantitativ nicht so gut zu beantworten, weil unsere Grundgesamtheit relativ klein und damit statistisch nicht aussagekräftig ist. Wir haben aber ein sehr gemischtes Bild erhalten. Was interessant ist, weil es zeigt, dass die üblichen Sparten Wirtschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft im Grunde nicht pauschal aussagekräftig dafür sind, wie die Energiewende bewertet wird. Tatsächlich wird viel stärker differenziert. Da spielt zum einen der lokale Kontext eine Rolle: Zivilgesellschaftlichen Akteure, also Umweltorganisationen, Verbände, Parteien und Bürgergruppen, sind in Duisburg – vereinfacht gesagt – größtenteils pro Energiewende, im Hochsauerlandkreis größtenteils kontra eingestellt. Zum anderen werden parallel gegenläufige Deutungsmuster verwendet: Bei Wirtschaftsakteuren finden wir das Deutungsmuster „Die Energiewende schadet der Wirtschaft“, zugleich aber auch das Muster „Wir fördern die Energiewende durch Innovation“. Da kommen in der Kommunikation also gleichzeitig positive und negative Wertungen vor.

Warum unterscheiden sich die Deutungsmuster in der Lokalpresse so sehr von denen der Akteure vor Ort?
Welche journalistischen Gründe das hat, müssten wir uns im Detail nochmals anschauen. Ich könnte mir vorstellen, dass da so etwas wie der Nachrichtenwert eine Rolle spielt. Vielleicht sind solche Initiativen, die sich gegen die Energiewende oder die Windkraft vor Ort richten, ein bisschen interessanter und passen vielleicht besser in den Wutbürger-Diskurs hinein. Aber da spekuliere ich jetzt auch nur. Ich könnte mir hinsichtlich der Akteurskommunikation vorstellen – was allerdings noch zu beweisen wäre –, dass der Begriff Energiewende als politisch aufgeladen oder einseitig besetzt empfunden wird und deswegen von vielen gar nicht genutzt wird. Weil unser methodisches Vorgehen so angelegt war, dass wir nur solche Texte ausgewählt haben, die das Wort Energiewende beinhalten, tauchen demzufolge Akteure, die das Wort nicht benutzen, in unserer Studie nicht auf.

Wissen Sie, ob Bürger diese vorgefertigten Muster in ihrer Beurteilung der Energiewende aufnehmen?

Das haben wir noch nicht untersucht. Das wäre ein interessanter nächster Schritt unserer Forschungsarbeit. Dafür wäre der Vergleich mit der eingangs genannten repräsentativen Erhebung, die gerade läuft, sicher aufschlussreich.

Was empfehlen Sie angesichts Ihrer Erkenntnisse denjenigen, die sich mit der Kommunikation der Energiewende beschäftigen?
Der lokale Kontext spielt eine große Rolle. Diese Ebene ist identitätsstiftend für die Menschen und dort spielen ganz bestimmte Interessenskonstellationen eine Rolle. „Die“ Energiewende gibt es in Nordrhein-Westfalen nicht. Im KWI ist unser Projekt im Forschungsbereich Partizipationskultur angesiedelt. Aus der Forschung wissen wir, dass eine frühzeitige Kommunikation sehr wichtig ist, wenn es um die Umsetzung der Energiewende geht. Allerdings muss sie auf die lokalen Gegebenheiten, Mentalitäten und Verhaltensmuster zugeschnitten sein, wenn sie erfolgreich sein soll.

Wir sind mittendrin in der Beteiligungsrevolution, hat Professor Patrizia Nanz, die den Forschungsschwerpunkt Partizipationskultur am KWI bis letztes Jahr geleitet hat, festgestellt. Bürgerbeteiligung findet immer häufiger statt, wenn neue Erneuerbare Energie-Projekte geplant werden. Wie kann das Wissen um lokale Deutungsmuster helfen, Partizipation zu verbessern?
Eine Analyse, wie wir sie jetzt gemacht haben, kann extrem hilfreich sein, um zum Beispiel bestehende Konfliktlinien zu erkennen und um herauszufinden, welche Gruppen unbedingt einbezogen werden müssen, damit es zu einem qualitativ hochwertigen Austausch zwischen den sogenannten Stakeholdern kommen kann. Wenn sich gerade diejenigen ausgeschlossen fühlen, die die Energiewende negativ bewerten, kann das zu Reibungen führen und das Vorhaben belasten. Ein gut konzipierter Partizipationsprozess kann unter günstigen Umständen auch erreichen, dass Deutungsmuster im Dialog hinterfragt werden oder sich vielleicht sogar ändern.

Ihre Studie ist ein Beitrag zu einem größeren Forschungsprojekt. Wie geht Ihre Forschungsarbeit weiter?
In den nächsten Monaten wird es darum gehen, unsere Erkenntnisse zusammenzuführen. Besonders interessant wird der Vergleich unserer explorativen Erkenntnisse mit den Ergebnissen der großen Umfrage, die abfragt, wie Bürger in verschiedenen Regionen Nordrhein-Westfalens und in verschiedenen Milieus die Energiewende sehen.

Welche Ähnlichkeiten mit unseren Fallbeispielen gibt es da und welche Unterschiede?
Außerdem müssen wir unsere eigenen Interviews, die wir zur Ergänzung unserer Online-Analyse mit Akteuren vor Ort geführt haben, im nächsten Forschungsschritt auswerten und mit den Studienergebnissen zusammenführen. Dann werden wir ein vollständigeres Bild davon haben, welche Deutungs- und Verhaltensmuster den Erfolg der Energiewende in NRW beeinflussen.
Vielen Dank für das Gespräch.

KWI (2016): Deutungsmuster der Energiewende auf lokaler Ebene. Erste Ergebnisse aus NRW. KWI-Working Paper Nr. 4/2016

Esther Trost ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) und erforscht im Projekt „Mentalitäten und Verhaltensmuster im Kontext der Energiewende in NRW“ des Virtuellen Institut (VI) „Transformation – Energiewende NRW“, an dem das KWI neben anderen Forschungspartnern beteiligt ist, wie über die Energiewende in Nordrhein-Westfalen im öffentlichen Diskurs kommuniziert wird und welche Deutungsmuster dabei zum Einsatz kommen.

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