Die Bürgerbeteiliger von morgen

2. Juli 2018 | Kira Crome

Campus Stadtmitte der Universität Stuttgart

Campus Stadtmitte der Universität Stuttgart © Regenscheit, Universität Stuttgart

Fachkenntnisse für den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern werden mit dem Fortschritt der Energiewende immer gefragter, ob in Kommunalverwaltungen, Unternehmen, Planungsbüros oder bei Beteiligungsagenturen. Ein Masterstudiengang an der Universität Stuttgart bildet seit vier Jahren Partizipationsexperten mit breitem, fächerübergreifenden Fachwissen und viel Praxiserfahrung aus.

Ob bei der Quartiersentwicklung, bei der Planung von Flüchtlingsunterkünften und Umgehungsstraßen oder beim Bau von Windenergieanlagen – Bürgerinnen und Bürger wollen zunehmend mitreden und an den Planungsprozessen beteiligt werden. Sie treten Kommunen und Vorhabenträgern gegenüber immer organisierter auf. Insbesondere wenn es um das gesellschaftliche Gemeinschaftswerk Energiewende geht, wird deutlich: „Bürgerinitiativen werden, unterstützt durch überregionale und bundesweit agierende Initiativen wie Vernunftkraft oder Gegenwind, nicht nur immer professioneller und vernetzter, sondern auch zunehmend vehementer und kompromissloser in ihrem Auftreten“, beobachtet Eva Eichenauer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die Entwicklung. Sie hat im Zuge des vom Bundesforschungsministerium mitfinanzierten Forschungsprojekts Energiekonflikte – Akzeptanzkriterien und Gerechtigkeitsvorstellungen in der Energiewende untersucht, warum sich Proteste vor Ort formieren, woran sie sich entzünden und wie sie verlaufen. Die Protestler als „Nimbys“ (steht für „Not in my backyard“) oder Wutbürger zu verstehen, greife zu kurz und werde der Problematik nicht gerecht. Vielmehr müssten sie als Mitgestalter einbezogen werden. „Konflikte können produktiv sein, wenn sie dazu beitragen, die Optionen der Energiewende zu klären und zu verbessern, oder auch die Deutungs- und Handlungsfähigkeit beteiligter Akteure verbessern, ohne zu dauerhaften Blockaden oder Beschädigungen vor Ort zu führen“, heißt es im Abschlussbericht. „Dabei ist es wichtig, die Vielfalt der Konfliktthemen möglichst genau zu unterscheiden. Und es ist wichtig, die Motive und Argumente der beteiligten Konfliktparteien zu differenzieren.“

Gefragte Kompetenzen
In der Praxis bedeutet der konstruktive Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern vor allem eines: Kommunalverwaltungen, Fachbehörden, Projektierer und Partizipationsdienstleister benötigen entsprechend qualifiziertes Personal. „Gefragt sind Experten, die Bürgerbeteiligung umfassend managen können, dabei zugleich mit der Planung vertraut sind und den rechtlichen Rahmen kennen“, sagt Steffen Kawohl vom EnergieDialog.NRW-Team der EnergieAgentur.NRW.

Auf den zunehmenden Bedarf in der Praxis hat die Universität Stuttgart reagiert und zum Wintersemester 2013/2014 den Masterstudiengang „Planung und Partizipation“ (M.Sc.) ins Leben gerufen. Er soll den Studierenden, die später in entsprechenden Funktionen arbeiten wollen, ein vertieftes Fachwissen und ein praxisgerechtes Erfahrungswissen über die Organisation und Durchführung partizipativer Verfahren vermitteln – sei es bei der Energiewende, in der Stadtentwicklung oder anderen Bereichen. In vier Semestern Regelstudienzeit werden sie zum Projektmanager, Berater und Moderator in Verfahren der Bürgerbeteiligung ausgebildet.

Was das Stuttgarter Angebot auszeichnet, ist die Interdisziplinarität und die fächerübergreifende Lehre. „Gute Planung von großen Infrastrukturvorhaben oder Stadtentwicklungsprojekten und gute Partizipation sind nicht möglich, wenn man sie nur aus einem Blickwinkel betrachtet“, sagt Studiengangmanager Marc Zeccola. Sechs Institute aus drei Fakultäten der Universität Stuttgart sind in den Studiengang, der zum Wintersemester im Herbst dieses Jahres den fünften Ausbildungsjahrgang startet, eingebunden. „Auf diese Weise vernetzen wir Planungs-, Sozial-, Natur- und Ingenieurwissenschaften mit der Rechtswissenschaft und vermitteln unterschiedliche Fachkenntnisse, um die Öffentlichkeit sachgerecht in Planungs- und Entscheidungsprozesse einbeziehen zu können“, so Zeccola.

Bürgerbeteiligungsexperte – ein Nischenangebot
Bundesweit ist das Angebot einzigartig. Mehr als 19.000 Studienangebote bieten Deutschlands Hochschulen an. Viele bilden Landschaftsarchitekten, Umweltgeographen, Betriebswirte, Planungsingenieure, Techniker und Sozialwissenschaftler von morgen aus. Einige bieten fachliche Spezialisierungen oder interdisziplinär konzipierte Vertiefungen an, die auf neue Berufsfelder, wie sie im Zuge der Energiewende zunehmend gefragt werden, vorbereiten. Über 300 Studiengänge mit Bezug zu erneuerbaren Energien soll es derzeit bundesweit geben. Die Vielfalt ist Ergebnis der letzten europaweiten Hochschulreform, die dieser Tage 20 Jahre alt wird. „Eines der Ziele der Bologna-Reform war, dass die Studiengänge nicht mehr nur der wissenschaftlichen Ausbildung dienen, sondern auch berufsqualifizierend sein sollen“, erklärt Cort-Denis Hachmeister vom Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh. Seitdem steht nicht mehr primär die Wissensvermittlung im Vordergrund, sondern der Erwerb von im Arbeitsmarkt benötigten Fachkompetenzen. Dank Bologna können Studierende heute, vor allem wegen der großen Auswahl an aufbauenden Masterstudiengängen, ihre Ausbildungsbiografie weitaus besser definieren als früher, argumentieren die Reformbefürworter. Hochschulen könnten auf neue Ausbildungsbedarfe besser reagieren.

Transdisziplinäre Ausbildung mit hohem Praxisbezug
Auf einen hohen Praxisbezug setzt auch der Stuttgarter Masterstudiengang „Planung und Partizipation“. Das Konzept geht auf den Forschungsverbund Helmholtz-Allianz Energy-Trans zur Energiewende, an dem die Universität Stuttgart als eine von vier Hochschulen beteiligt war, zurück. Die Stuttgarter Wissenschaftler haben im Rahmen des Forschungsvorhabens, das bis 2016 lief und sich mit Technikfolgenabschätzung und Akzeptanzforschung befasst hat, aus juristischer und soziologischer Sicht untersucht, wie sich Planung und Partizipation bestmöglich verbinden lassen und sozusagen als Nebenprodukt ihrer Forschungsarbeit einen entsprechenden Studiengang entwickelt. „Wir haben damit offensichtlich einen Nerv getroffen“, sagt Studiengangmanager Zeccola, denn die Nachfrage ist groß: Auf 30 bis 40 Studienplätze kommen um die einhundert Bewerbungen aus ganz Deutschland.

„Zu uns kommen Studierende, die später in der Verwaltung, zum Beispiel in Regierungspräsidien oder Kommunen, arbeiten wollen. Viele landen aber auch in der freien Wirtschaft, beispielsweise bei Bauunternehmen, die große Infrastrukturprojekte planen und die erkannt haben, dass es ohne Bürgerbeteiligung nicht geht. Ein weiterer Teil findet bei Beteiligungsagenturen oder Planungsbüros einen Job“, sagt Zeccola. Voraussetzung für die Aufnahme ist ein Bachelorabschluss mit einschlägiger fachlicher Nähe. Viele Studierende sind Planer, Architekten, Juristen, aber auch Verwaltungswirte, Geografen oder Sozialwissenschaftler. Für sie ist vor allem der hohe Praxisbezug attraktiv. Während des Studiums müssen die Studierenden Praxismodule belegen, können bei Beteiligungsverfahren hospitieren oder an eigenständigen Planungsprojekten arbeiten.

So wie Ryan Kelly. Er ist im vierten Semester und arbeitet gerade an seiner Masterarbeit über das Netzausbaubeschleunigungsgesetz (Nabeg), das derzeit novelliert wird und dessen Reform Umweltprüfungen und Öffentlichkeitsbeteiligung in bestimmten Fällen und Verfahrensschritten beim Netzausbau auf den Prüfstand stellt. Aktuell wirkt der Masterstudent an einem institutsübergreifenden Praxisprojekt zum Thema Quartiersentwicklung mit. „Wir haben im Stuttgarter Hospitalviertel, das vor allem als Büro- und Verwaltungsviertel mit viel Durchgangsverkehr wahrgenommen wird, in einer öffentlichen Veranstaltung gemeinsam mit den Anwohnern nach Lösungsansätzen zur Gestaltung eines lebendigen und zukunftsfähigen Quartiers gesucht“, erklärt Kelly. Die dort zusammengetragenen Ideen werden von verschiedenen Studierenden-Teams jetzt ausgearbeitet. Kellys Team will Verkehr, Mobilität und Energie zusammenbringen und entwickelt ein niedrigschwelliges E- und Sharing-Konzept. Welche Vorschläge letztlich umgesetzt werden, hängt von einer Jury-Entscheidung ab, die die Konzepte der Studierenden-Teams bewertet. Während viele der Studiengangabsolventen in der praktischen Beteiligungsarbeit landen, ist für Kelly hingegen jetzt schon klar: Er will in der Forschung zur Bürgerbeteiligung bleiben.