Der soziale Aspekt der Energiewende

25. Januar 2018 | Kira Crome

Die sozialwissenschaftliche Studie soll nun jährlich abfragen, für wie gerecht die Deutschen die Energiewende halten. © IASS

Erstmals haben Sozialwissenschaftler in einer groß angelegten repräsentativen Umfrage erfasst, für wie gerecht die Deutschen die Energiewende halten. Das Ergebnis: Das Transformationsprojekt ist in allen gesellschaftlichen Gruppen als Idee positiv besetzt und wird als Ziel befürwortet. Sorgen bereitet den Menschen aber, wie die Energiewende umgesetzt wird.

Wieviel Rückhalt findet die Energiewende bei den Menschen in Deutschland? Alljährlich fragen verschiedene Institutionen wie die Agentur für Erneuerbare Energien oder die Fachagentur Windenergie an Land den aktuellen Meinungstrend zur Transformation unserer Stromversorgung ab. Regelmäßig ergeben die Umfragen hohe Zustimmungswerte. Auch die ökonomischen und ökologischen Auswirkungen der Energiewende werden in der Wissenschaft intensiv beforscht. Sie liefern zuverlässige Abschätzungen über den Technikeinsatz, über Kosten für Gesellschaft und Endverbraucher sowie über die Folgen für Umwelt und Gesundheit. Wenig Klarheit aber herrscht über die soziale Dimension der Energiewende und in der Frage, was das Jahrhundertprojekt mit der Gesellschaft macht.

Erstmals haben Sozialwissenschaftler des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam gemeinsam mit Forschungspartnern danach gefragt, für wie gerecht die Deutschen die Energiewende halten und das Bild mit empirischen Daten unterlegt. Eine entsprechende repräsentative Umfrage, die in einem breiten Forschungsdesign sowohl quantitative als auch qualitative Daten erhebt und in der Auswertung miteinander verknüpft, ist von Sommer bis Herbst vergangenen Jahres zum ersten Mal in dieser Form durchgeführt worden. Für das „Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende“, das nun regelmäßig wiederholt werden soll, sind 7.500 Haushalte befragt und 50 Teilnehmer in fünf Fokusgruppen in Tiefeninterviews um ihre Meinung gebeten worden.

Das Ergebnis: „Es gibt eine überwältigende gesellschaftliche Unterstützung für die Energiewende als Idee und als Ziel“, sagt Ortwin Renn, Wissenschaftlicher Direktor am IASS und Projektleiter der Studie. „Doch die Menschen sind unzufrieden damit, wie die Energiewende gestaltet wird.“

Die Mehrheit der Deutschen stimmt den Zielen der Energiewende zu. © IASS

88 Prozent der deutschen Bürgerinnen und Bürger befürworten die Energiewende, quer durch alle Bildungs-, Einkommens- und Altersgruppen sowie auch über politische Präferenzen und Lebensmittelpunkte auf dem Land wie in den Städten hinweg. „Allerdings hält fast jeder zweite Deutsche die Energiewende für eher ungerecht, nur jeder Vierte für eher gerecht“, erklärt Renn. Über 65 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die kleinen Leute die Kosten der Energiewende tragen, während Unternehmen und Wohlhabendere eher davon profitieren. Eine breite Mehrheit wünscht sich, dass Vielverbraucher stärker an der Finanzierung der Energiewende beteiligt werden sollen.


Das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer zeigt, wie eine gerechtere Verteilung der Energiewendekosten aus der Sicht der Deutschen aussieht. © IASS

 

88% der Deutschen befürworten die Energiewende, quer über alle politischen Präferenzen hinweg. © IASS

Bemängelt werde auch die geringe Bürgereinbindung, etwa beim Ausbau der Windenergie. 85 Prozent der Befragten halten es für wichtig, dass sich Bürgerinnen und Bürger frühzeitig am Planungsprozess für Windenergieanlagen in ihrer Umgebung beteiligen können. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten sind dafür, dass die betroffenen Bürger das letzte Wort beim Bau von Windenergieanlagen haben sollen.

Ein weiteres wichtiges Thema: die persönliche Mitwirkung vor allem beim Energiesparen. Die überwiegende Mehrheit begrüße die Beteiligungsmöglichkeiten, mit denen sich Bürgerinnen und Bürger als Energieerzeuger an der Energiewende beteiligen können. Bei der Umsetzungspräferenzen der persönlichen Mitwirkung an der Energiewende lägen energieeffiziente Kaufentscheidungen (93 %) und energiesparendes Verhalten im Alltag (87 %) ganz vorn. Dagegen hätten in intelligente Heizungssteuerungssysteme (Smart Heat) bislang acht Prozent der Befragten investiert, 10 Prozent in eine eigene Erneuerbare Energie-Anlage. Eine Änderung des Investitionsverhaltens zeichne sich für die nahe Zukunft nicht ab, so die Studienautoren.

In vielerlei Hinsicht hätten die Menschen das Gefühl, dass das politische Versprechen eines Gemeinschaftswerks nicht eingelöst werde. „Erstaunlich dabei ist: Die Menschen, die sich finanziell und wirtschaftlich eher negativ von der Energiewende betroffen fühlen, befürworten diese dennoch“, so Renn. Den Menschen gehe es einkommensübergreifend um mehr Beteiligung und um mehr Mitsprache. Auch die Möglichkeiten, selbst mehr tun zu können, sei einigen wichtig. Unterm Strich seien gerechtere Lösungen zur Finanzierung der Energiewende gefragt. Keine der im Bundestag vertretenen Parteien könne mit ihrem Konzept zur Umsetzung der Energiewende mehrheitlich überzeugen. Die Verantwortung für eine sozial gerechtere Ausgestaltung der Energiewende läge nach Meinung der Befragten beim Staat. Dazu gehöre auch eine Änderung der Befreiung der besonders energieintensiven Unternehmen von der EEG-Umlage. Statt die Kosten der Energiewende über den Strompreis auf alle Verbraucher umzulegen, wollen 60 Prozent, dass die Verbraucher, die für hohe Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich sind, einen Großteil dieser Kosten übernehmen. Darüber hinaus spricht sich rund jeder Zweite – darunter auch 42 Prozent der Haushalte mit einem hohen Stromverbrauch – für eine progressive Preiskomponente bei den Energiepreisen aus.

Eine Energiewende gegen die Menschen habe keine Zukunft, lautet das Fazit der Studie. „Die Menschen sehen die Chancen und Probleme der Energiewende mit Realismus und Weitsicht. In vielen Fragen reagieren sie ambitionierter und mutiger, als es die Politik anzunehmen scheint“, schreiben die Autoren. Die Politik könne mit breitem Rückhalt rechnen – erst recht, wenn sie die Energiepolitik künftig sozial nachhaltig ausgestalten würde.

Weitere Informationen:
IASS Potsdam (2017): Soziales Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende 2017. Kurzstudie

Die Langfassung soll demnächst veröffentlicht werden.