Der Issumer Weg

26. September 2018 | Steffen Kawohl, Lars Ole Daub

Am 18. Januar 2017 begann der Bau der Windenergieanlagen der BürgerEnergie Issum eG mit einem symbolischen Spatenstich. © Werner Soika

Am 18. Januar 2017 begann der Bau der Windenergieanlagen der BürgerEnergie Issum eG mit einem symbolischen Spatenstich. © Werner Soika

Nach dem Willen der Gemeinde Issum sollten die Bürger bei künftigen Windenergieprojekten auf Gemeindegebiet selbst zu Eigentümern und Betreibern der Anlagen werden. Was zunächst mit einer kleinen Gruppe aus Unterstützern dieser Idee begann, wuchs innerhalb weniger Monate zu einer Energiegenossenschaft mit über 400 Mitgliedern. Bis sich die Rotorblätter ihrer Windenergieanlagen jedoch erstmals drehten, mussten die Verantwortlichen der BürgerEnergie Issum eG einige Herausforderungen meistern.

„Niemand in der Gemeinde soll durch die Windenergieanlagen mehr als unbedingt notwendig beeinträchtigt werden, auch wenn er kein Mitglied der Bürgerenergiegenossenschaft werden möchte.“, fasst Werner Soika den Grundsatz der BürgerEnergie Issum eG zusammen. Er ist Mitglied im Vorstand der Bürgerenergiegenossenschaft, die auf dem Gemeindegebiet Issum vier Windenergieanlagen selbst betreibt. Wer den idyllischen Ort am unteren Niederrhein erreicht, der findet nicht nur gepflegte Vorgärten und malerische Häuser, sondern auch weitläufige Felder. Die Gegend bietet daher viel Platz zur Nutzung der Windenergie. Während auf dem Gebiet der rund 12.000 Einwohner großen Gemeinde bereits einige Windenergieanlagen in Betrieb waren, überlegte man Anfang 2013 bei der Stadt, wie es mit der lokalen Windenergienutzung weitergehen sollte. Den Verantwortlichen war wichtig, dass sich die Bürger bei künftigen Windenergieprojekten, die zum größten Teil durch einen ortsfremden Projektierer getragen werden, nicht einfach nur beteiligen können, sondern selbst zu Eigentümern und Betreibern werden. Auf einer Versammlung im Bürgerhaus Sevelen stellte der damalige Bürgermeister Gerhard Kawaters daher im Juni 2013 die Idee einer Bürger-Windgenossenschaft vor. „Als die Frage aufkam, wer diesen Vorschlag unterstützt, habe ich mich gemeldet“, erklärt Werner Soika. Schnell fand sich eine Gruppe von elf Personen, die sich für eine solche Bürger-Windgenossenschaft begeisterten. Bürgermeister Kawaters sicherte dieser Gruppe während der Gründungsphase einen Ansprechpartner bei der Stadt, geeignete Räumlichkeiten sowie fachliche Unterstützung zu.

Genossenschaftsgedanken bei den Bürgern verankern
Umgehend machte sich die elfköpfige Gruppe daran, weitere Befürworter für die Energiegenossenschaft zu gewinnen und gründete bereits am 31.01.2014 die BürgerEnergie Issum eG. Alle Bürger, die in Issum oder einer der angrenzenden Kommunen Rheurdt, Kerken, Geldern, Alpen, Sonsbeck und Kamp-Lintfort wohnen, konnten Mitglied werden. Der BürgerEnergie Issum eG war es nämlich besonders wichtig, den Genossenschaftsgedanken bei den Einwohnern von Issum und den angrenzenden Gemeinden breit zu verankern. Der Vorstand sieht allein in der Möglichkeit, sich finanziell zu beteiligen, ein akzeptanzförderndes Mittel. Das Gründungsteam wartete jedoch zunächst mit der Aufnahme weiterer Mitglieder bis die erfolgreiche Realisierung des Projektes sehr wahrscheinlich wurde, um ihre Mitbürger vor finanziellen Verlusten zu schützen. Danach wurden innerhalb weniger Monate 435 Mitglieder geworben, die Anteile in Höhe von 500€ zeichneten. Dadurch verfügte die Bürgerenergiegenossenschaft über ein Eigenkapital von mehr als drei Millionen Euro, um ihre Anlagen zu errichten und zu betreiben. Als Grundlage der Renditeberechnung ging die BürgerEnergie Issum eG davon aus, ihr komplettes Genossenschaftskapital in einem Zeitraum von 20 Jahren anzusparen. Aufgrund der Planungsdaten und einer konservativen Auslegung der Ertragsprognose rechnet sie mit einer jährlichen Ausschüttung von mindestens fünf Prozent über die gesamte Betriebszeit der Anlagen. Auch die Kommune wird von den Windenergieanlagen profitieren, da sie durch den Betrieb Gewerbesteuern erzielen wird.

Um geeignete Standorte für die geplanten Windenergieanlagen auszuweisen, änderte die Gemeinde ihren Flächennutzungsplan. Bei der Suche nach Potentialflächen zur Windenergienutzung kommunizierte die Stadtverwaltung von Anfang an offen mit den Bürgern. Die Verwaltung machte sechs Potentialflächen auf dem Gemeindegebiet aus und erörterte gemeinsam mit den Einwohnern, welche dieser Potentialflächen als Windkonzentrationszonen ausgewiesen werden sollten.

Kompromiss über bestehende Flächenpachtverträge
Bevor die Gemeinde die Änderung ihres Flächennutzungsplans aber wirksam beschloss, verhandelte die elfköpfige Gruppe erst noch mit einem Projektierer, der bereits Flächenpachtverträge auf den Flächen der neuen Windkonzentrationszonen besaß und bereits etliche Windenergieanlagen auf Issumer Gebiet betrieb. Mit Hilfe der Stadt, deren ausdrücklicher Wille es war, den weiteren Ausbau der Windenergienutzung in die Hände der Bürger zu legen, gelang der Bürgerenergiegenossenschaft schließlich ein Kompromiss. Der Projektierer erhielt die Zusicherung, später zwei der Anlagen selbst betreiben zu können. Die BürgerEnergie Issum eG, verpflichtete sich durch die Flächenpachtverträge auch dazu, eine Stiftung zu gründen, in die von Anfang an 1,5 Prozent der Erlöse der späteren Stromproduktion fließen soll. Nach Berechnungen der BürgerEnergie Issum eG stehen der Stiftung so künftig 40.000 bis 60.000 Euro pro Jahr für soziale Projekte in der Kommune zur Verfügung.

Als mit dem Vorster Feld und dem Oermter Feld schließlich zwei Flächen gefunden und gesichert werden konnten, machten die Landeigentümer von ihrem im Flächenpachtvertrag vereinbarten Recht Gebrauch, zwei der acht zu errichtenden Anlagen des Windparks betreiben zu können. Gegenstand dieser partnerschaftlichen Vereinbarung waren neben dem Bau der Anlagen die dafür erforderlichen Zuwegungen und Verkabelungen sowie das Umspannwerk, das zur Einspeisung des Stroms in die Überlandleitung notwendig ist.

Förderung erfolgt nach festem Vergütungssatz des EEG 2014
Bis der Windpark allerdings errichtet werden konnte, kam noch eine Menge Arbeit auf den Vorstand zu. „Ich habe insgesamt ein ganzes Jahr lang so viel Zeit und Arbeit in das Projekt investiert wie ein Berufstätiger“, erinnert sich Werner Soika, der bereits im Ruhestand war und so die Zeit aufbringen konnte, sich intensiv mit den Antrags- und Bauformalitäten einer Bürgerwindgenossenschaft zu beschäftigen. Um für die Stromerzeugung noch die festen Vergütungssätze nach dem EEG 2014 zu erhalten, musste die BürgerEnergie Issum eG ihren Antrag zur Genehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) Anfang August 2016 bei der zuständigen Behörde der Kreisverwaltung Kleve einreichen. Ein Planungsbüro unterstützte die Genossenschaft bei den einzelnen Schritten auf dem Weg bis zur Abgabe der Unterlagen. Darüber hinaus holte sich die Bürgerenergiegenossenschaft Unterstützung, um einen Ertragsvergleich zwischen vier verschiedenen Anbietern von Windenergieanlagen durchzuführen. Die BImSchG-Genehmigung erteilte der Kreis schließlich rechtzeitig kurz vor Jahresende am 30.12.2016, sodass die acht Windenergieanlagen vom Typ Enercon E115 TES nach einem festen Vergütungssatz gefördert werden und die Bürgerenergiegenossenschaft nicht an den Ausschreibungen nach dem EEG 2017 teilnehmen musste.

Nachdem im Januar 2017 der erste Spatenstich stattfand, kam dann rund ein Jahr später der große Tag. Am 23. Februar 2018 begannen sich die Rotorblätter der ersten Windenergieanlage in der Mittagszeit zu drehen, sodass die BürgerEnergie Issum eG den ersten selbstproduzierten Strom über ihr Umspannwerk ins Netz einspeisen konnte. Dies war ein ganz besonderer Tag für den Vorstand um Werner Soika, Alfred Soppe und Peter Schwengler. Der allergrößte Teil der Mitglieder der Bürgerenergiegenossenschaft und auch des Kapitals stammen aus Issum selbst oder aus den Nachbargemeinden. Wäre das ganze Vorhaben schief gegangen, hätten sich die Treiber des Projektes in Issum nicht mehr blicken lassen können, ist sich Werner Soika sicher. Am 28. März 2018 erzeugten erstmals alle vier Windenergieanlagen Strom, der über einen Direktvermarkter vertrieben wird. Die Windenergieanlagen verfügen über einen Rotordurchmesser von 115 Metern, eine Nennleistung von jeweils 3 MW und eine Nabenhöhe von 135 Metern (Vorster Feld) bzw. 149 Metern (Oermter Feld).

Dass die Windenergienutzung von breiter Akzeptanz im Ort getragen wird, hat am Ende auch mit der Art und Weise zu tun, wie die Mitglieder der BürgerEnergie Issum eG den Betrieb ihrer Windenergieanlagen handhaben. Am Tag der Inbetriebnahme der ersten Anlage funktionierte ihre Schattenabschaltung nicht korrekt und so kam es dazu, dass der sich bewegende Schatten der Rotorblätter zum Leidwesen der Anwohner auf ein Wohnhaus fiel. Die Bewohner des Hauses beschwerten sich darüber beim Vorstand. Dieser sorgte umgehend dafür, dass sich die Anlage den Vorgaben gemäß abschaltet, sobald der bewegliche Schatten auf ein Wohnhaus fällt und sich erst wieder anschaltet, wenn er das letzte Haus einer Wohnsiedlung verlassen hat.

Weiterführende Informationen:

Internetauftritt der BürgerEnergie Issum eG

Informationen zum Thema Bürgerenergie