Bürgerstrom-Pionierin Ursula Sladek mit Deutschem Umweltpreis ausgezeichnet

30. Oktober 2013 | Kira Crome

Sie hat das Konzept des „Bürgerstroms“ bundesweit bekannt gemacht. Für ihr Engagement erhielt die Mitbegründerin und Vorstandsvorsitzende der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) am Sonntag den Deutschen Umweltpreis – die höchstdotierte unabhängige Auszeichnung Europas in diesem Bereich.

Mit 500.000 Euro ist es der höchstdotierte unabhängige Umweltpreis Europas, überreicht wird er vom Bundespräsidenten. Das sagt viel über die Auszeichnung der Schönauer Pionierin aus, die 1994 nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl aus einer Bürgerinitiative heraus den ersten Ökostromanbieter Deutschlands mitgründete. „Der Preis ist eine große Anerkennung“, sagte die Preisträgerin Sladek. „Nicht nur für mich und die EWS, sondern für alle bei der Energiewende Engagierten.“ Es sei vor allem auch eine Aufforderung weiterzumachen und auch „ein Signal an die Politik“.

Sladek habe früh erkannt, dass die Energiewende nur gemeinsam mit den Bürgern und Kommunen umgesetzt werden könne, hieß es in der Begründung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Wie eine Energieversorgung von Bürgern für Bürger dauerhaft mit wirtschaftlichem Erfolg für die Region in größerem Umfang funktionieren kann, das hätten die „Stromrebellen“ von Schönau gezeigt: Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl entstand in der kleinen Schwarzwaldgemeinde 1994 ein von den Bürgern selbst gegründetes Elektrizitätswerk (EWS Schönau), an dem sich über 650 Bürger beteiligt hatten. Ihr Ziel: Strom aus Atomenergie durch Strom durch erneuerbare Energien vollständig zu ersetzen und das regionale Stromnetz selbst zu übernehmen. Nach heftigen Widerständen, zwei Bürgerentscheiden und einer bundesweiten Beteiligungskampagne („Ich bin ein Störfall“) konnten sich die EWS gegen den damaligen Stromanbieter durchsetzen und 1997 das Schönauer Stromnetz übernehmen. Dabei habe sich EWS-Mitgründerin Sladek nicht von überhöhten Verkaufspreisen einschüchtern lassen. Ihr Ziel sei nie ein möglichst hoher Gewinn gewesen, sondern möglichst viel zu bewegen, sagte DBU-Generalsekretär Fritz Brickwedde bei der Begründung.

Bereits im Jahr 1999, ein Jahr nach der Liberalisierung des Strommarkts, haben die Bürgerstrom-Pioniere mit dem bundesweiten Stromvertrieb begonnen. Die Anzahl der Stromkunden hat sich von anfänglich 1.700 auf heute 150.000 vervielfacht. Mit einem im Stromtarif enthaltenen sogenannten „Sonnencent“ fördern die EWS bis heute über 2.150 kleine Solar-, Wasser-, Wind- und Biomasseanlagen sowie Kraft-Wärme-Kopplungskraftwerke ihrer Kunden. Es gibt keinerlei Kapitalbeteiligung von Atomkraftwerksbetreibern oder deren Tochterunternehmen, der TÜV Nord zertifiziert das Projekt jährlich.

2009 wurde das Unternehmen in eine Genossenschaft umgewandelt, um den Zukauf weiterer Netze und den Ausbau des unabhängigen regenerativen Produktionsnetzes zu ermöglichen. Damit hätten die EWS auch der ökologisch motivierten Genossenschaftsbewegung in Deutschland neuen Auftrieb gegeben, würdigte die DBU Sladeks Engagement. Bürgerbeteiligung gehöre von je her zur Unternehmensphilosophie, sagte Sladek. Sie sei ein wichtiger Baustein zum Erfolg. Viele Städte und Kommunen orientieren sich heute an dem Bürgerbeteiligungsmodell Schönau und versorgen sich unabhängig mit Strom aus erneuerbaren Energien. Sladeks wohl wertvollstes Gut ist das Know-How der EWS. Heute beraten die EWS Kommunen und Bürgerinitiativen beim Netzrückkauf. „Ich möchte das Atom-Energie endlich der Vergangenheit angehört“, sagte die Preisträgerin.

Zum 21. Mal wurde der Deutsche Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück vergeben. Bundespräsident Joachim Gauck überreichte am Sonntag feierlich die Urkunde und würdigte Sladek als engagierte Bürgerin, die mit Argumenten für ihre Überzeugung eintrete. „Das ist die Stärke von Demokratie: die andauernde Suche nach Alternativen und der Wettstreit um den besten Weg“, sagte Gauck in seiner Rede. Die Schönauerin teilt sich die Auszeichnung mit der Gründerin und Chefin der auf ökologische Dämmstoffe spezialisierten Firma Hock, Carmen Hock-Heyl. Mit ihrem Teil des Preisgeldes will Sladek hauptsächlich den weiteren Ausbau dezentraler genossenschaftlicher Strukturen vorantreiben. „Vor allem in Richtung Übernahme von Stromnetzen“, erklärte Sladek. „Das Geld soll eine gesellschaftspolitische Wirkung haben, das ist uns wichtig.“

Gerade jetzt wird ihr Wissen mehr denn je benötigt: In der Hansestadt Lübeck, im niedersächsischen Oldenburg, im hessischen Kirchheim und im baden-württembergischen Remstal engagieren sich Energiegenossenschaften für den Kauf der Netze von den großen Energiekonzernen, um sie selbst zu betreiben. In Hamburg haben die Bürger per Entscheid die Stadt verpflichtet, das Fernwärmenetz von Vattenfall zurückzukaufen. Und in Berlin geht es um den Rückkauf von Deutschlands größtem Stromverteilnetz: 2,2 Millionen Anschlüsse werden hier auf einer Fläche von 900 Quadratkilometern über insgesamt 35.000 Kilometer Stromleitungen und mehr als 80 Umspannwerken versorgt. Bei der dortigen Bürgerenergiegenossenschaft sitzt Sladeks Ehemann und Vorstandsmitglied der EWS Michael Sladek mit im Aufsichtsrat, um den langwierigen Verhandlungsprozess um die Stromkonzession beratend zu begleiten. Der Kauf eines lokalen Stromverteilnetzes in der Größenordnung der Hauptstadt, finanziert über eine Genossenschaft, wäre ein Novum in der deutschen Energielandschaft.

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