„Bürger wollen an der Energiewende mitwirken“

Dr. Burghard Flieger

Dr. Burghard Flieger – Experte für Energiegenossenschaften

Interview mit Dr. Burghard Flieger, Experte für Energiegenossenschaften

Bürgerenergieanlagen lassen sich in verschiedenen Rechtsformen realisieren. Häufig fällt die Entscheidung für die Rechtsform der Genossenschaft. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind in Deutschland über 500 neue Genossenschaften im Bereich der Erneuerbaren Energien gegründet worden. Und der Trend setzt sich fort.

Um diese Entwicklung weiter zu fördern und den interessierten und engagierten Bürgerinnen und Bürgern konkrete Hilfestellung zu geben, gibt es seit Oktober 2012 auch in NRW die Weiterbildung „Projektentwickler/in für Energiegenossenschaften“. Gemeinsam mit dem Pädagogen Dietmar Freiherr von Blittersdorf leitet der Genossenschafts-Experte Dr. Burghard Flieger von der innova eG die Weiterbildung, die auch von der EnergieAgentur.NRW unterstützt wird.

 

Herr Flieger, immer mehr Energiegenossenschaften werden in Deutschland gegründet. Es handelt sich regelrecht um einen Boom. Woran liegt das?

Flieger: Das hat mehrere Gründe. Ein zentraler Aspekt ist natürlich die Energiewende selbst. Die Bürger haben das Bewusstsein, dass sie daran mitwirken sollten. Sie wollen nicht nur mitschwätzen, sondern finanziell beteiligt sein und mitbestimmen können. Mit der Rechtsform der Energiegenossenschaft lassen sich beide Aspekte gut vereinen. Denn sie ist eine sehr demokratische Rechtsform, und auch die finanzielle Beteiligung lässt sich gut realisieren. Bei anderen Rechtsformen wie beispielsweise einer KG ist die Mitsprache nicht so einfach möglich. Bei einem Verein hingegen ist es mit der wirtschaftlichen Seite schwieriger.

Welche Gründe gibt es noch für den Boom?

Flieger: Es hat in Deutschland im Jahr 2006 eine Novellierung des Genossenschaftsgesetzes gegeben. Dadurch ist die Rechtsform wieder stärker ins Gespräch gebracht worden. Zudem war 2012 das von der UNO ausgerufene „Internationale Jahr der Genossenschaften“. Das hat nochmal einen enormen Schub ausgelöst und für besonders viele Neugründungen weltweit gesorgt.

Die Genossenschaft gilt als die insolvenzsicherste Rechtsform. Woran liegt das?

Flieger: Für die Gründung einer Genossenschaft müssen die Akteure ein tragfähiges Unternehmenskonzept erarbeiten. Es ist Vorraussetzung für die vorgeschriebene Gründungsprüfung durch den Genossenschaftsverband und der Eintrag in das Genossenschaftsregister. Das ist zu Beginn ein hoher Aufwand, der aber offenbar sehr sinnvoll ist für eine sichere Gründung. Außerdem handelt es sich bei einer Genossenschaft um eine Gruppengründung. Das ist ein gemeinschaftlicher Prozess, bei dem sich alle viel mehr Mühe geben.

Was können Sie aus Ihrem Erfahrungsschatz berichten – welche Art von Projekten haben Energiegenossenschaften bisher hauptsächlich realisiert?

Flieger: Das ist eindeutig: Rund 90 Prozent der Projekte wurden im Bereich der Photovoltaik umgesetzt. Das war bisher die sicherste Technik dafür. Denn die Projekte sind vom technischen Aufwand her überschaubar und daher auch gut zu händeln. Aufgrund der Förderung durch das EEG waren zudem relativ sichere Ertragsprognosen möglich. Damit gab es bei der Aufnahme von Krediten zur Finanzierung keine Probleme. Im Gegenteil: Die Banken waren sehr interessiert an diesen Projekten. Mit der letzten EEG-Novelle hat sich das jetzt allerdings grundlegend geändert.

Darauf zielt die nächste Frage: Im Bereich der Photovoltaik wurde durch die EEG-Novelle zum 1. April 2012 die Errichtung von neuen Bürgersolaranlagen durch Energiegenossenschaften wesentlich anspruchsvoller. Sehen Sie dort noch eine Zukunft für Energiegenossenschaften?

Flieger: Mit der EEG-Novelle sind die Projekte, so wie sie bisher gestaltet wurden, nicht mehr besonders attraktiv für Energiegenossenschaften. Es lässt sich nur noch eine Verzinsung von maximal 3 Prozent erreichen. Das gilt aber nur, wenn besonders gute Konditionen erzielt werden. Ansonsten liegen viele Projekte eher bei einer Rentabilität um die 2 Prozent – damit lassen sich für neue Genossenschaften die Organisationskosten oftmals nicht mehr ausreichend abdecken. Für eine bestehende Energiegenossenschaft, die bereits wirtschaftlich arbeitet, können damit noch Zusatzprojekte realisiert werden.

Wir müssen jetzt also umdenken. Die Themen, an denen nun gearbeitet wird, sind die Eigenverbrauchsnutzung und die Direktvermarktung. Wenn sich in der unmittelbaren Nähe Abnehmer finden, die einen hohen Stromverbrauch aufweisen und feste Stromabnehmer werden – dann lassen sich wieder interessante Projekte verwirklichen. Die Energiegenossenschaften arbeiten daran, neue Geschäftsmodelle sind in der Entwicklung. Dafür gilt es noch zahlreiche Fragen zu klären. Es wird auf jeden Fall komplizierter als bisher und risikoreicher. Damit wird auch die Finanzierung schwieriger.

In welchen anderen Bereichen sehen Sie Zukunftsfelder für Energiegenossenschaften?

Flieger: Meines Erachtens gibt es zwei Zukunftsfelder. Zum einen ist das die Windenergie. Da besteht allerdings ein enormer Wettbewerb. Große Investoren und Unternehmen sind in diesem Bereich sehr finanzkräftige Konkurrenten. Energiegenossenschaften werden dort nur dann Chancen haben, wenn es entsprechende politische Weichenstellungen in Richtung echter Bürgerbeteiligung geben wird. Sie müssen dafür Unterstützung und Rückhalt bekommen, damit sie bei der Vergabe von Pachtverträgen berücksichtigt werden. Ein anderes Zukunftsfeld liegt in der Steigerung von Energieeffizienz mithilfe von Blockheizkraftwerken. In diesem Bereich gilt es, Geschäftsmodelle mit kleineren und mittleren Anlagen zu entwickeln, die kostendeckend arbeiten oder sogar eine Rendite ermöglichen. Die Konzepte und die Technik sind gut händelbar, die Investitionsvolumina überschaubar – insofern ist dies auch vom Zeitaufwand vergleichbar mit der Photovoltaik. Die Projekte lassen sich Schritt für Schritt umsetzen – so können Blockheizkraftwerke sehr gut als Lernfeld für weitere Aktivitäten dienen.

Energiegenossenschaften haben bisher vor allem eher kleine Projekte umgesetzt. Leisten sie damit wirklich einen bedeutenden Beitrag zur Energiewende?

Flieger: Ja, die Bewegung trägt ganz entscheidend zur Energiewende bei. Es mögen zwar hauptsächlich überschaubare Projekte sein, aber es sind wichtige Ansätze, die von den Bürgerinnen und Bürgern entwickelt wurden. Jetzt ist die Energiewende ein zentrales Thema – aber bevor sich das so verbreitet hat, waren die Bürger schon längst aktiv mit ihren innovativen kleinen Projekten. Für die Energiewende kommt es drauf an, dass viele dezentrale Strukturen wirksam werden. Und die lassen sich am besten mit den Energiegenossenschaften und im Idealfall gemeinsam mit den Stadtwerken entwickeln. Die Dynamik der Energiegenossenschaften ist ein ganz wichtiger Baustein. Denn nur mit Bürgerbeteiligung kann die Energiewende schnell und konsequent vorangehen.

Was für Erfahrungen machen Sie in Ihrer Weiterbildung zum Thema Energiegenossenschaften?

Flieger: Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfügen bereits über einen hohen Wissensstand zum Thema erneuerbare Energien. Und es sind sehr motivierte Leute. Im Verlauf der Weiterbildung wachsen sie schnell zu einer Gruppe zusammen. Es entsteht ein guter Zusammenhalt und konstruktiver Austausch, der über die Weiterbildung hinaus bestehen bleibt. In Rheinland-Pfalz hat sich daraus bereits ein Zusammenschluss gebildet: das Landesnetzwerk BürgerEnergieGenossenschaften Rheinland-Pfalz e.V. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es dafür das Potenzial. Es wäre hervorragend, wenn so etwas mit Förderung seitens der Politik auch in NRW entstehen könnte. Dies kann eine zentrale Rolle für die Energiewende einnehmen und sie entscheidend weiter voranbringen.

 

Weiterbildung „Projektentwickler/in für Energiegenossenschaften“

Die nächsten Termine für Präsenzphasen in NRW sind:
25.-27. Februar 2013, Meinerzhagen
15.-18. April 2013, Meinerzhagen
10.-12. Juli 2013, Schwerte

Träger der Weiterbildung ist das Netzwerk „Energiewende Jetzt“, eine Kooperation der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung e.V. und der innova eG. Die Weiterbildung in NRW wird unterstützt von der EnergieAgentur.NRW und dem Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband e.V.

www.energiegenossenschaften-gruenden.de