Bürgerwerke eG: Ökostrom direkt aus Bürgerhand

5. Mai 2015 | Kira Crome

Buergerwerke eG Energiegenossenschaft Starkenburg

Der Strom, den die Bürgerwind-Anlage Neutscher Höhe der Energiegenossenschaft Starkenburg erzeugt, kann über die Bürgerwerke eG direkt bezogen werden. © Bürgerwerke eG

Es ist ein bundesweit einzigartiges Modell: 29 Bürgerenergiegesellschaften haben sich in einem Verbund zusammengeschlossen, um bundesweit regenerativen Strom direkt zu vermarkten. Damit werden sie vom regionalen Erzeuger zum bürgergetragenen Stromversorger für Privathaushalte und Gewerbebetriebe vor Ort. Die Bürgerstromanbieter sind ein Gegengewicht zu solchen Ökostromanbietern, die ihren regenerativen Strom als anonymes Produkt einkaufen.

Strom aus erneuerbaren Energien von Bürgern für Bürger – so lautet das Motto des Genossenschaftsverbunds Bürgerwerke eG, der sich Ende 2013 mit neun Mitgliedsgenossenschaften in Heidelberg gegründet hat. Mit der Absicht, einen eigenen Absatzmarkt aufzubauen, der den Kreis von Erzeugung und Verbrauch schließt. Damit wollen die Bürgerenergiegenossen den Energiesektor demokratischer und transparenter machen. „Unser Ziel ist, dass die Bürger sich selbst mit Energie aus eigenen Anlagen vor Ort versorgen“, erklärt Vorstandsmitglied Felix Schäfer das Grundanliegen. Es soll dem anonymen Produkt Strom ein Gesicht verschaffen und zugleich den Mitgliedserzeugergenossenschaften helfen, ein neues Standbein aufzubauen. Das gemeinschaftliche Vermarktungskonzept kommt im gegenwärtigen Marktumbruch zur rechten Zeit. Viele Bürgerenergiegenossenschaften fragen sich, wie sie bei Ausschreibungen gegen große Marktteilnehmer mithalten können. Soll der Ausbau der Erneuerbaren Energien mit den Klimazielen Schritt halten, sind wieder Pioniere gefragt. „Energiegenossenschaften müssen sich weiterentwickeln, um die künftigen Herausforderungen der Energiewende zu meistern“, ist man bei den Bürgerwerken überzeugt. Stromerzeugung allein reiche nicht mehr aus, vielmehr sei die Verpflichtung zur Selbstvermarktung eine Triebfeder für neue Konzepte.

Energie in Gemeinschaft

Die Idee zieht an: In den letzten Monaten konnte der Genossenschaftsverbund viele neue Mitglieder hinzugewinnen. Aus neun Gründungsgenossenschaften sind inzwischen bereits 29 Energiegenossenschaften in der Gemeinschaft der Bürgerwerke geworden. Damit vereinen die Bürgerwerke rund 5.000 Energiebürger aus ganz Deutschland und betreiben gemeinsam über 180 Erneuerbare-Energie-Anlagen. Die meisten davon sind Solaranlagen, aber auch bürgergetragene Windenergieanlagen und Kraft-Wärme-Kopplung sind vertreten. Mit einer Leistung von über 18 Megawatt können die Anlagen rechnerisch etwa 9.000 Haushalte mit regenerativem Strom versorgen. Der Strom stammt zu 100 Prozent aus Erneuerbare-Energien-Anlagen in ganz Deutschland. Ein Zehntel davon liefern die Bürgerwind- und Bürgersolarkraftwerke der Mitgliedsenergiegenossenschaften. Eine interaktive Karte zeigt, wo welche Anlagen der Mitglieder stehen und wie viel Strom diese Anlagen erzeugen. Der Rest wird aus einem Wasserkraftwerk am Inn-Kanal in Bayern bezogen.

Noch haben sich keine nordrhein-westfälischen Energiegenossenschaften dem Verbund angeschlossen. „Wir haben viele Energiegenossenschaften aus NRW angesprochen und sind mit einigen in direktem Kontakt“, sagt Vorstandsmitglied Torsten Schwarz. „Wir sind zuversichtlich, dass im Laufe dieses Jahres die ersten Mitgliedsgenossenschaften aus NRW der Gemeinschaft der Bürgerwerke beitreten werden.“ Dass die Anzahl der Stromkunden, die ihren Strom von den Bürgerwerken beziehen, stetig wächst, könnte den Beitrittsprozess in Zukunft beschleunigen.

„Je größer die Gemeinschaft der Verbraucher wird, desto mehr Strom können wir aus regionalen Anlagen beziehen und damit den Ausbau unterstützen.“

Transparente Stromherkunft statt Anonymität

Strom ist ein anonymes Produkt. Wer seinen Strom von einem Ökostrom-Anbieter bezieht, weiß häufig nicht, aus welchen Kraftwerken und Anlagen der Strom genau stammt. Dass er regenerativen Strom auch tatsächlich erhält, stellt ein 2013 eingeführtes System von Herkunftsnachweisen sicher. Wie eine im letzten Jahr veröffentlichte Marktanalyse des Umweltbundesamtes zeigt, beruht „der überwiegende Anteil des als Ökostrom vermarkteten Stroms auf dem Handel mit Herkunftsnachweisen und stammt aus dem europäischen Ausland.“ Dabei gibt es viele Erneuerbare-Energie-Anlagen in direkter Nachbarschaft. Fast die Hälfte aller dezentralen Wind- und Solarenergieanlagen in Deutschland sind in Bürgerhand. Da ist es naheliegend, den Weg vom Erzeuger zum Verbraucher kurz zu schließen. Die Nachfrage nach einem direkten Bezug von regenerativem Strom aus der Region wächst, beobachtet der Vorstand der Bürgerwerke eG. Außerdem wollen sich viele Energiegenossenschaften von der reinen Erzeuger-Gemeinschaft zu einer Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft weiterentwickeln.

Virtuelles Bürgerkraftwerk liefert bundesweit Strom

„Wir wollen sukzessive gemeinsam mit unseren Mitgliedern ein virtuelles Bürgerkraftwerk aufbauen, das bundesweit Bürgerstrom liefert“, erklärt Schwarz. „Je größer die Gemeinschaft der Verbraucher wird, desto mehr Strom können wir aus regionalen Anlagen beziehen und damit den Ausbau unterstützen“. Die Idee: Die Bürgerwerke bieten in ganz Deutschland Bürgerstrom-Tarife an. In Regionen, in denen Mitgliedsenergiegenossenschaften präsent sind, kann jedes Mitglied einen individuellen Tarif mit eigener Strommarke anbieten. Die Höhe bestimmt jede Genossenschaft selbst. So kann sie wettbewerbsfähige Preise anbieten, die sich an der lokalen Preisstruktur orientieren. Die Bürgerwerke eG gibt lediglich einen kostendeckenden Mindestpreis vor. Die Verbundgenossenschaft ist nicht gewinnorientiert, sondern versteht sich als klassische Selbsthilfeorganisation.

Die Erlöse aus dem Stromverkauf fließen an die Energiegenossenschaften vor Ort. Kapital, mit dem sie weitere Bürgerenergie-Projekte anstoßen können. Mit diesem Modell wollen die Bürgerwerke eG den Mitgliedsenergiegenossenschaften eine Perspektive bieten, um ihren Strom jenseits der EEG-Einspeisevergütung zu vermarkten und neue Anlagen zu bauen. Das Gemeinschaftskonzept will somit die Stärken eines eigenen Energieversorgers mit denen einer einfachen Vertriebskooperation kombinieren.

Ein Gedanke zu „Bürgerwerke eG: Ökostrom direkt aus Bürgerhand

  1. Ergänzung: Es ist die Frage aufgetaucht wie die Bürgerwerke eG mit dem Thema „Doppelvermarktungsverbot von EEG-Strom“ umgeht.
    Auch die Bürgerwerke eG muss natürlich sicherstellen, dass der Strom, den sie u.a. von den Mitgliedsgesellschaften bezieht, nicht bereits nach dem EEG vergütet wurde.
    Die Vergütung, die die Bürgerwerke eG den Mitgliedsgesellschaften für den gelieferten Strom bezahlen, muss also die einzige Vergütung für den produzierten Strom darstellen und mindestens genauso hoch sein, als das, was die jeweilige Anlage durch das EEG erlösen könnte. Aus wirtschaftlichen Gründen kommen aktuell also primär neue Anlagen mit entsprechend niedrigen EEG-Erlöspotentialen als Stromlieferant für die Bürgerwerke eG in Frage oder z.B. Restmengen von Anlagen unter dem Marktintegrationsmodell. Doch auch mit diesen Anlagen wäre aktuell noch kein wettbewerbsfähiger Preis anzubieten, daher der vornehmliche Rückgriff auf günstigere Wasserkraft aus Bayern.

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