Bürgerbeteiligung: Neue Ideen für die lokale Energiewende

30. März 2015 | Kira Crome

Die schwäbische Stadt Metzingen will den Weg zu einer nachhaltigen Energiezukunft gemeinsam mit den Bürgen gehen. © DLR

Die schwäbische Stadt Metzingen will den Weg zu einer nachhaltigen Energiezukunft gemeinsam mit den Bürgen gehen. © DLR

Wie entsteht ein maßgeschneidertes Konzept für die lokale Energiewende, das eine breite Zustimmung findet? Forscher des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt befragen dafür aktuell die Einwohner der schwäbischen Kleinstadt Metzingen, wie die Energiezukunft ihrer Stadt aussehen soll. Die Energieautarkie-Studie stellt nicht technologische Machbarkeiten in den Planungsfokus, sondern die Menschen und ihre Einstellung zu Erneuerbaren Energien: Sie sollen sich äußern, mitgestalten und mitentscheiden. Ein Ansatz, der zeigen will, wie die lokale Energiewende von unten gelingt.

Was braucht eine Stadt, damit die Energiewende vor Ort gelingt? Diese Frage beschäftigt derzeit die schwäbische Kleinstadt Metzingen. Am Beispiel der 22.000 Einwohner-Stadt wollen Sozialwissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR) aufzeigen, wie ein tragfähiges Konzept für die lokale Energiezukunft der Stadt entstehen kann. „Für die nachhaltige Umgestaltung der Energieversorgung vor Ort ist die Unterstützung der Bürger ein bisher oft vernachlässigtes Erfolgskriterium“, sagt Forschungsleiter Uwe Pfenning vom DLR-Institut für Technische Thermodynamik in Stuttgart. „Will man die Bürger aktivieren und ihre Zustimmung gewinnen, muss Beteiligung sie da abholen, wo sie mit ihrem Wissen über die Energiewende stehen.“ Das bedeutet: Wer die Energiewende von unten organisieren und ein tragfähiges Konzept gemeinsam mit den Bürgern erarbeiten will, muss zuerst ihre Informationsbedürfnisse wie ihre Vorstellungen von Teilhabe an der Energiewende kennen und ein passgenaues Diskursverfahren entwerfen.

Der Weg zum „technikmündigen“ Bürger

Deshalb setzt die DLR-Studie, die Teil der Energieautarkie-Potenzialanalyse des Landes Baden-Württemberg ist, zuerst bei der Einstellung der Metzinger Bürgerschaft zur lokalen Energiewende an. Bis Anfang April sind die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, den Sozialwissenschaftlern über ihr Energieverhalten und ihre Energienutzung Auskunft zu geben. Dabei interessieren sich die Wissenschaftler für die Akzeptanz unterschiedlicher Technologien der Energieerzeugung. Außerdem wollen sie wissen, inwieweit die Menschen bereit sind, das eigene Handeln beim Energieverbrauch zu ändern. Ein dritter Aspekt ist schließlich die Frage, welche Beteiligungs- und Entscheidungsverfahren sie für sinnvoll und demokratisch legitimiert halten. Flankiert werden die Umfragen von einem Schüler- und Jugendgutachten. Auf diese Weise werde auch die nachfolgende Generation in den Diskurs über die Wege der lokalen Energiewende einbezogen und ihre Anliegen gehört, betont Pfenning.

„Bislang geht man bei der Bürgerbeteiligung so vor, dass die Formate vorgegeben werden. Wir fragen aber die Bürger zunächst einmal danach, wie sie beteiligt werden wollen.“

„Mithilfe der Bürgerbefragungen können wir uns ein Bild davon machen, wie die Bürger zu einer nachhaltigen Energieversorgung stehen, welche lokalen Akteure eine Rolle spielen – und wo wir ansetzen müssen, um möglichst viele zum Mitgestalten und Mitentscheiden zu gewinnen“, erklärt Pfenning. Dafür werde eine maßgeschneiderte Informationskampagne entwickelt, bei der unterschiedliche Maßnahmen – einzeln oder in Kombination – zum Einsatz kommen können. Informationsveranstaltungen und Diskussionen mit Experten seien genauso denkbar wie Bürgerkonferenzen oder Bürgergutachten. „Auf diese Weise können sich die Bürger über Technologien wie Photovoltaik, Windkraft, Biomasse oder Geothermie, innovative Speicherkonzepte für Wärme und Strom sowie die damit verbundenen Geschäftsmodelle schlau machen. Als ‚technikmündige‘ Bürger können sie sich dann ein eigenes Urteil bilden und schlussendlich gemeinsam entscheiden, welchen Weg Metzingen einschlagen soll“, so Pfenning weiter.

Auf das Wie kommt es an

Damit möglichst viele die Energiezukunft der Stadt Metzingen mitbestimmen und der künftige Weg eine breite Zustimmung erfährt, ist das Verfahrensdesign entscheidend, erklärt Pfenning. „Bislang geht man bei der Bürgerbeteiligung so vor, dass die Formate vorgegeben werden. Wir fragen aber die Bürger zunächst einmal danach, wie sie beteiligt werden wollen.“

Ein solcher Ansatz ist an sich nicht innovativ, jedoch können von der sozialwissenschaftlichen Analyse auch künftige Bürgerbeteiligungsverfahren profitieren. Die Bürgerumfrage und die flankierenden Jugendgutachten dienen nicht nur dazu, das Wissensniveau zum Thema festzustellen und Informationsbedürfnisse zu bestimmen. „Ihr Zweck ist es auch, eine Legitimationsbasis für den weiteren Diskurs zu schaffen“, erklärt Pfenning. „Wir identifizieren Interessenten, die – beispielsweise im Rahmen eines Bürgergutachtens – das weitere Verfahren erarbeiten. Und wir entwickeln geeignete Formate wie Bürgerdialoge oder Diskussionsabende, um das Diskursverfahren mit der Bürgerschaft von Metzingen rückzukoppeln und zu reflektieren. So gewährleistet eine Energiewende von unten deren Demokratisierung, sowohl hinsichtlich der Formate wie auch der Inhalte.“ Am Ende des Pilotprojekts könnte sich etwa ein lokales, beratendes Forum etablieren, das die weiteren kommunalpolitischen Entscheidungen zur lokalen Energiewende und Maßnahmen zur Energieversorgung begleitet.

In Metzingen soll Bürgerbeteiligung neu gedacht und von unten organisiert werden. Die Voraussetzungen sind gut: „In Metzingen gibt es bereits viele engagierte Bürger, die sich für erneuerbare Energien interessieren und in entsprechenden Arbeitskreisen aktiv sind“, weiß Uwe Pfenning. „Gleichzeitig sind Stadtverwaltung und Gemeinderat bereit, neue Formen der Bürgerbeteiligung auszuprobieren. Eine wichtige unterstützende Rolle spielen auch die Stadtwerke als Energieversorger.“ Der Eigenbetrieb der Stadt Metzingen hat bereits erste Schritte unternommen – vom eigenen Pumpspeicherkraftwerk über ein Förderprogramm für Photovoltaikanlagen bis hin zu Schnelladestationen für Elektrofahrzeuge und Carsharing-Angebote.

Weitere Informationen unter www.metzingen.de.

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