Bestandsaufnahme fasst Bürgerenergie in Zahlen

25. Oktober 2017 | Kira Crome

Bürgersolaranlage Kirchhardt @ Bürgerwerke eG

Bürgersolaranlage Kirchhardt @ Bürgerwerke eG

Ein genaues Bild über das Who’s Who der Bürgerenergie in Deutschland gab es bislang nicht. Jetzt haben Wissenschaftler in einer Forschungsdatenbank einen umfassenden Datenbestand aus verschiedensten Quellen zusammengetragen. Rund 1.800 Bürgerenergiegesellschaften und Energiegenossenschaften sind in der neuen Datenbank gelistet und dokumentiert. Über die Hälfte davon ist genossenschaftlich organisiert.

Erneuerbare Energie-Projekte, die bürgerschaftlich organisiert, finanziert, umgesetzt und betrieben werden, sind ein wichtiger Baustein der Energiewende. Bis 2014 haben Bürgerenergiegenossenschaften einen regelrechten Boom erlebt. Im Zuge der Marktentwicklung haben sich die Organisationsformen und Geschäftsmodelle der Bürgerenergie deutlich ausdifferenziert. Das macht die Erfassung und Dokumentation der Aktivitäten der verschiedenen Akteure und ihrer Projekte schwierig. Regionale Bestandsaufnahmen, Umfragen und Internetrecherchen helfen nur begrenzt weiter. Auch ist das zentrale Marktstammdatenregister, das derzeit von der Bundesnetzagentur eingeführt wird und erstmals sämtliche Erzeugungsanlagen erfassen soll, noch nicht in Betrieb gegangen. Wissenschaftler der Leuphana Universität Lüneburg und der Universität Erfurt haben unterdessen nach eigenen Angaben erstmals den Datenbestand über die Bürgerenergie in Deutschland aus verschiedenen öffentlichen Registereinträgen und Quellen an einer Stelle zusammengetragen. „Das neue an unserer Forschungsdatenbank ist der umfassende Datenbestand, denn wir gehen in unserer Arbeit über Stichproben und Befragungsergebnisse hinaus“, sagt Lars Holstenkamp vom Lehrstuhl für Finanzierung und Finanzwirtschaft.

Entstanden ist eine Forschungsdatenbank, in der rund 1.800 Bürgerenergiegesellschaften und Energiegenossenschaften dokumentiert sind. Sie wird mindestens einmal jährlich aktualisiert, um neu gegründete Gesellschaften aufzunehmen. Die Wissenschaftler wollen auch nach methodischen Wegen suchen, um Daten zu älteren Bürgerenergiegesellschaften, die vor dem Jahr 2000 entstanden sind, aufzunehmen. „Nicht registrierte Gesellschaften, insbesondere Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR) sind zunächst nicht in der Datenbank enthalten“, sagt Holstenkamp. Um sie aufzuspüren, verfeinern die Wissenschaftler einen eigens dafür entwickelten Suchalgorithmus, der eine systematische Internetrecherche ermöglicht. Erprobt wurde er bereits im Auftrag der EnergieAgentur.NRW, um entsprechende Bürgerenergieprojekte in Nordrhein-Westfalen zu identifizieren. Sie sind im Bürgerenergie.Atlas gelistet, der insgesamt über 320 Bürgerenergie-Projekte dokumentiert und öffentlich einsehbar macht.

Die neue Forschungsdatenbank soll künftig vor allem der wissenschaftlichen Analyse dienen. Der Datenbestand selbst ist nicht öffentlich zugänglich. Veröffentlicht wurde eine erste Auswertung des Datenbestands. Sie zeigt die Entwicklung und den Stand der Bürgerenergie in Deutschland auf. Demnach ist gut die Hälfte der rund 1.800 dokumentierten Bürgerenergiegesellschaften genossenschaftlich organisiert. Die Mehrzahl der momentan aktiven Gesellschaften widmet sich der Energieerzeugung. Dabei liegt die Windenergienutzung vorn, während die Bedeutung der Photovoltaik abnimmt, haben die Wissenschaftler festgestellt. Die zweitgrößte Gruppe der Bürgerenergiegesellschaften betreibt Netze, vorrangig lokale Wärmenetze. In Bayern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es die meisten Bürgerenergiegesellschaften.

Die Analyse zeigt auch, dass die Entwicklungen bei Bürgerenergiegesellschaften, aber auch bei den Energiegenossenschaften, in sehr starkem Maße durch die Veränderungen in den rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere durch das EEG, geprägt sind. So ist es zu verschiedenen Verschiebungen in der Zusammensetzung des Bürgerenergiesektors in Deutschland gekommen. Während die Zahl der (Bürger-)Energiegenossenschaften stagniert, hat zuletzt die Zahl der Bürgerwindparks in anderen Rechtsformen wieder stark zugenommen.Damit Bürgerenergie-Akteure die Energiewende weiterhin beflügeln, ist vor allem eine stärkere Vernetzung nötig, um auch in Zukunft erfolgreich Projekte – häufig in ehrenamtlicher Arbeit – umsetzen zu können. Das bietet die Plattform Bürgerenergie & Energiegenossenschaften der EnergieAgentur.NRW. Sie steht bestehende Bürgerenergiegesellschaften in Nordrhein-Westfalen, gleich welcher Rechtsform, als auch interessierten Privatpersonen, die Informationsaustausch und Vernetzungsmöglichkeiten suchen, offen.

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