Beispielhaft: Artenschutz und Windenergie im Einklang

12. Oktober 2015 | Kira Crome

BUND NABU Praxisbeispiele Windenergie und Artenschutz

BUND und NABU in Baden-Württemberg haben Beispiele für einen naturverträglichen Ausbau der Windenergie in einer Broschüre zusammengestellt (Titelbild) © BUND/Kiss und Klein

Wie kann die Windenergienutzung mit dem Schutz von Vögeln und Fledermäusen vereinbart werden? Eine Broschüre der baden-württembergischen Umweltschutzverbände BUND und NABU stellt acht verschiedene Erfolg versprechende und innovative Ansätze zur Vereinbarung von Windenergienutzung und sensiblen Tierarten vor. Eines davon sind die Rotmilan-Schutzmaßnahmen im nordrhein-westfälischen Windpark Haaren-Helmern.

Wenn sich bei der Suche nach geeigneten Standorten für die Windenergienutzung eine vielversprechende Fläche als Lebensraum geschützter Tierarten erweist, müssen artenschutzfachliche Untersuchungen klären, wie die Anforderungen des Natur- und Artenschutzes mit der Errichtung und dem Betrieb von Windenergieanlagen vereinbart werden können. Orientierung für die Planung und Genehmigung bietet der nordrhein-westfälische Leitfaden zur Umsetzung des Arten- und Habitatschutzes. Lösungen für den Einklang von Windenergienutzung und Artenschutz gestalten sich je nach den örtlichen landschaftlichen Bedingungen und der vorhandenen Datenlage zu Habitaten vor Ort fallorientiert. Die Suche muss aber nicht zur Hürde werden: „Wenn vor Ort gründlich geplant wird und wir beide Aspekte berücksichtigen, dann kann der naturverträgliche Ausbau der Windenergie gelingen“, ist Martin Köppel vom BUND überzeugt. „Schon durch kleine Anpassungen können wir die Gefahren für den Arten- und Naturschutz deutlich verringern.“

Wie das gelingen kann, zeigen acht verschiedene Praxisbeispiele aus ganz Deutschland. Jedes verfolgt einen anderen Ansatz, betrifft einzelne Tierarten und berücksichtigt unterschiedliche Rahmenbedingungen. Sie wurden von den Umwelt- und Naturschutzverbänden BUND und NABU gemeinsam ausgewählt und stehen für erfolgreiche, Erfolg versprechende und innovative Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Windenergie und Artenschutz. Eines davon sind die Rotmilan-Schutzmaßnahmen im ostwestfälischen Windpark Haaren-Helmern.

Sichere Schlafplätze für den Rotmilan

In der ostwestfälischen Bördelandschaft fühlen sich Rotmilane besonders wohl. Weil die Windhöffigkeit hier besonders hoch ist, stehen hier zahlreiche Windenergieanlagen. Ihre Rotoren können den im weiten Grasland jagenden Greifvögeln gefährlich werden. Eine mehrjährige Bestandskartierung der Biologischen Station Kreis Paderborn-Senne hat zwar bisher keinen Beleg für einen Rückgang der Population in dem windenergieanlagenreichen Gebiet ergeben. Weil die Rotmilane zu den streng geschützten Vogelarten gehören, gilt es, die Kollisionsrisiken für den Rotmilan gezielt zu verringern. Das ist nicht immer ganz einfach, erklärt Karsten Schnell, Leiter des Rotmilan-Kartierungsprojekts. Rotmilane ändern nach der standorttreuen Brutzeit ihr Verhalten: „Sie sind zur Erntezeit im August und September sehr gesellig, tun sich in größeren Gruppen zusammen und suchen gegen Abend gemeinsame Schlafplätze auf. Der lokale Bestand nutzt die Landschaft vom Spätsommer bis zum Abflug ins Winterquartier im Oktober sehr dynamisch.“ Zudem lassen sich Rotmilane durch Windenergieanlagen in ihrem Gebiet nicht stören und wählen ihre Schlafplätze durchaus auch in unmittelbarer Nachbarschaft.

Artgerechtes Risikomanagement: Abschalten zur Nacht

Das Rotmilan-typische Verhalten belegt auch eine detaillierte Raumnutzungsanalyse rund um den Windpark Haaren-Helmern: Bis in den Juli hinein wurde der Greifvogel nur vereinzelt gesichtet. Zur Erntezeit ab August bis September aber traten die Greifvögel in großen Zahlen auf und nutzen das Weideland südlich des Windparks zur Jagd. Anlass für die artenschutzfachliche Untersuchung war ein Repowering-Vorhaben einer bereits 1995 in Betrieb genommenen Anlage im Windpark. Um die Rotmilan-Vorkommen zu schützen und das Gefährdungspotenzial auf dem Weg von der Jagd zum Schlafplatz zu verringern, hat die Genehmigungsbehörde eine Betriebszeiteneinschränkung für die neue Anlage festgelegt. Gezielte Abschaltalgorithmen, die sich in dieser kritischen Zeit am Flugverhalten des Rotmilans orientieren: Von Anfang August bis Ende September müssen die Windenergieanlagen jedes Jahr vom frühen Nachmittag bis zum Sonnenuntergang abgeschaltet werden. Die Regelung der Anlagen übernimmt eine entsprechende Steuersoftware. Die Abschaltzeiten müssen protokolliert und kontrolliert werden.

Monitoring

Weil die Rotmilane in Jahren mit warmen Herbstwetter bis in den Oktober hinein noch an ihren angestammten Schlafplätzen verweilen können bis sie in den Süden aufbrechen und mitunter ihre Schlafplätze innerhalb weniger Tage verlagern, ist der Betreiber gehalten, ein entsprechendes Monitoring durchzuführen. Mit den Reviergängen wird ein unabhängiger, mit den Naturschutzfachbehörden abgestimmter Gutachter beauftragt. Denn die Betriebszeiteneinschränkung läuft nur so lange, wie die Schlafplätze rund um den Windpark tatsächlich genutzt werden. Das Risikomanagement soll beiden entgegenkommen: dem Rotmilan und dem Anlagenbetreiber. Ein positiver Ansatz, urteilen die Broschüren-Autoren. Allerdings müsse auch beachtet werden, dass die Maßnahme nur für die repowerte Anlage gilt und nicht für die übrigen Windenergieanlagen im Windpark.

BUND/NABU (2015): Praxisbeispiele Windenergie und Artenschutz – Erfolgreiche, Erfolg versprechende und innovative Ansätze (PDF)

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