Auf der letzten Meile: Lastenräder auf der Überholspur

8. Oktober 2018 | Kira Crome

© DLR

© DLR

Abgasfrei, umweltschonend, flexibel: Lastenräder sollen den Verkehr in der Stadt entlasten – und sind im Kommen. Forschungsprojekte betreiben Nutzeranalysen, Logistikunternehmen testen den Umstieg vom Lieferwagen auf das Rad. Immer mehr Anbieter von Lastenrädern zeigen sich auf den Straßen. Auch dank neuer Fördermittel.

Flink wie ein Fahrrad, mit dem Stauraum eines Kleinwagens: Lastenräder gelten als umweltfreundliche Alternative im überlasteten Stadtverkehr. Sie stoßen keine Abgase aus, machen keinen Lärm und brauchen keinen Parkplatz. Je nach Modell, teils mit elektrischem Antrieb, können die Drahtesel bis zu 250 Kilogramm ins Gepäck nehmen. Vor allem in Großstädten gehören sie inzwischen zum Straßenbild – als Kinderkutsche, Großeinkaufswagen oder Umzugshelfer. Im städtischen Wirtschaftsverkehr spielt das Transportmittel als Alternative zum Lieferwagen oder kleineren Lkw jedoch eine untergeordnete Rolle. Unternehmer, die für Fahrten im Stadtgebiet ein Lastenrad nutzen, gelten noch als Pioniere. Schreinermeister Dirk Schmidt beispielsweise hat vor knapp vier Jahren sein erstes Lastenrad für seinen Betrieb in Düsseldorf angeschafft. Wenig später folgte das zweite. 1.800 Kilometer seien er und seine Mitarbeiter damit allein im vergangenen Jahr im Düsseldorfer Stadtgebiet gefahren, berichtet Schmidt. Vor allem Zeitverluste durch Staus und Parkplatzsuche, aber auch Dieselkosten habe der Betrieb so eingespart. Ein weiteres Plus: die positive Reaktion von Kunden und Öffentlichkeit. Die Stadt Düsseldorf zeichnete den Betrieb vor zwei Jahren für das Engagement mit dem Umweltpreis aus. Jetzt wirbt Schmidt für die Handwerkskammer auf Info-Veranstaltungen für Nachahmer. „Wir sehen die Räder als Chance, aber viele haben leider noch eine Grenze im Kopf und können sich gedanklich nicht darauf einlassen, ihre Aufträge mit dem Lastenfahrrad abzuwickeln“, sagt der Handwerker.

Die Idee, Sperriges auf kurzen Wegen mit dem Rad zu transportieren, ist nicht neu. Vor allem in den dichten Großstädten erlebt sie eine Renaissance. Bürgerinitiativen und Nachbarschaftsvereine treiben die Bewegung voran: Sie organisieren, dem Gemeingut-Gedanken folgend, den kostenlosen Verleih von freien Lasträdern oder bauen Online-Plattformen auf, über die Privatpersonen ihre Transporträder in der Nachbarschaft verleihen können. Auch in Nordrhein-Westfalen wächst die Zahl der Angebote: In Düsseldorf fördert die Verkehrswacht das Lastenrad-Projekt „Schicke Minna“, in Wuppertal kann „Fienchen“ ausgeliehen werden, in Herten kann seit März „Helara“ online gebucht werden, um Sperriges von A nach B zu bringen. Über 60 solcher lokaler Initiativen zählt das Forum Freier Lastenräder bundesweit. Das Netzwerk, das den Ausbau kostenloser Lastenrad-Leihangebote mit Beratung und technischem Know-How fördert, ist kürzlich mit dem Deutschen Mobilitätspreis der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ und des Bundesverkehrsministeriums ausgezeichnet worden.

Kommunen ziehen mit
Einige Initiativen wie das Hertener Lastenrad-Projekt haben kommunale Klimapreise gewonnen. Längst haben auch die Stadtverwaltungen das Potenzial erkannt, das die Verbindung von Sharing-Ökonomie und Verkehrsberuhigung bietet – auch jenseits der Großstädte. In Siegburg beispielsweise bietet das Umweltamt seit 2016 im Rahmen der energetischen Stadtentwicklung im Klimaquartier Brückberg-Süd ein Lastenrad zum Ausleihen für jedermann an. Die Stadt Bergisch Gladbach stellt interessierten Nutzern ein elektrisch unterstütztes Transportrad zur Ausleihe an der örtlichen Radstation zur Verfügung. „Ein solches Lastenpedelec kann durchaus den Zweitwagen ersetzen und damit unsere angespannte Verkehrslage entlasten“, ist Daniel Euler, Mobilitätsmanager bei der Stadt Bergisch Gladbach, überzeugt und hofft auf den Werbeeffekt des Angebots: „So muss man nicht sofort eins selber kaufen. Bei einer Investition von knapp 4.000 Euro ist unser Angebot eine gute Gelegenheit, erst einmal zu testen, wie gut man damit zurechtkommt.“

Kurze Wege als Potenzial
Ob das Konzept in Städten jenseits der Metropolen Zukunft hat, wird derzeit in Greifswald untersucht. „Mit dem Projekt soll ermittelt werden, ob es auch hier möglich ist, motorisierte gewerbliche oder private Fahrten zu ersetzen“, sagt Jeannette von Busse, Bausenatorin der Stadt. Die ersten Testfahrräder kommen in der Stadtverwaltung und beim Universitätsrechenzentrum zum Einsatz. Weitere Bereiche sollen folgen. „Sollte es sich bewähren, könnte der Einsatz von Lastenrädern auch Bestandteil unseres Fuhrparkmanagements werden, das derzeit erarbeitet wird.“ Wissenschaftlich begleitet und ausgewertet wird das EU-geförderte Pilot-Projekt „Cargobikes in Urban Mobility“, an dem auch die schwedische Stadt Väjxö und die polnischen Städte Gdynia und Slupsk teilnehmen, vom Institut für Geographie und Geologie der Universität Greifswald.

Studien belegen, dass die Bereitschaft auf kurzen Wegen vom Auto auf das Fahrrad umzusteigen bei Entfernungen von bis zu fünf Kilometern am höchsten ist. Mit Pedelecs, elektrisch unterstützten Fahrrädern, steigt die Distanz auf 15 bis 20 Kilometer. „Wir gehen davon aus, dass sich diese Zahlen für Lastenräder nicht unterscheiden“, sagt Professor Wilhelm Steingrube am Greifswalder Universitätsinstitut für Geographie und Geologie. „Das Problem ist eher, dass Lastenfahrräder noch nicht so bekannt sind und nicht für den gewöhnlichen Gebrauch in Betracht gezogen werden.“

Forschung setzt auf Nutzeranalysen und Nachahmer-Effekte
Das soll sich ändern. Mit einem groß angelegten Test-Angebot will das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) das Lastenrad ins öffentliche Rampenlicht rücken und ein Bewusstsein für die Transportalternative schaffen. Das Projekt „Ich entlaste Städte“, das derzeit bundesweit läuft, bietet Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen die Möglichkeit, den Einsatz von Lastenrädern über drei Monate hinweg zu testen. Dafür stehen 150 Lastenräder in mehr als 15 verschiedenen Hersteller- und Modellvarianten zur Verfügung. 346 Unternehmer und Einrichtungen haben bislang teilgenommen, knapp 57.000 gefahrene Kilometer sind bereits zusammengekommen. Bis Mitte 2019 können sich Interessierte noch bewerben. Die Erfahrungen der Testfahrer und die Fahrten-Daten werden vom DLR gesammelt und ausgewertet. „Wir werden das Projekt wissenschaftlich begleiten und klären, inwieweit unterschiedliche Branchen vom Lastenradeinsatz profitieren können und sich der Verkehr entlasten lässt“, sagt Johannes Gruber, Projektleiter am Institut für Verkehrsforschung des DLR. Die Begleitforschung soll eine Analyse der Nutzerakzeptanz und eine Abschätzung von Umwelt- und verkehrlichen Wirkungen liefern.

Ein ähnlicher Feldversuch läuft derzeit in Berlin. „Velogut“ will mehr Betriebe zur klimafreundlichen Umrüstung des Fuhrparks zu ermutigen und die gewerbliche Nutzung von Lastenrädern fördern. Dafür stellt das Projekt mit Unterstützung des Bundesumweltministeriums 30 Lastenräder für Gewerbetreibende zur Verfügung. Sie können das Rad in der Pilotphase bis zu drei Monate lang kostenlos testen. 150 Unternehmen und Selbständige will das Projekt so erreichen. Der Praxistest soll Aufschluss darüber geben, welche Unternehmen sich eine Umstellung vorstellen können und wo es wirklich sinnvoll ist. Eine erste Bilanz zeigt die ganze Bandbreite quer durch die Branchen auf: von Schornsteinfegern und Tischlern über einen Fotografen und eine Imkerin bis zu Getränke- und Weinhändlern, Installateuren und Hausmeistern.

Mit Lastenrädern zum umweltfreundlichen Lieferverkehr
Ein großes Potenzial, das Verkehrsaufkommen auf der letzten Meile durch Lastenräder zu entlasten, schreiben Verkehrsexperten dem Lieferverkehr im Tagesgeschäft der Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) zu. Allein 2016 wurden deutschlandweit rund drei Milliarden Pakete ausgeliefert, mehr als zehn Millionen Sendungen pro Werktag. Die Tendenz ist steigend, angetrieben nicht zuletzt durch den Boom des Online-Handels. Laut einer Vorgänger-Studie des DLR könnten bis zu 40 Prozent aller motorisierten Kurierfahrten durch elektrisch angetriebene Lastenräder umwelt- und verkehrsfreundlich ersetzt werden. Um die Elektro-Lastenräder sinnvoll einzusetzen und neue Märkte zu erschließen, schreibt DLR-Wissenschaftler Johannes Gruber den Unternehmen vor allem Ideenreichtum und Innovationsbereitschaft ins Pflichtenheft. Vorbildcharakter habe etwa das schwedische Möbelhaus Ikea, das in seiner Hamburger City-Filiale seit vier Jahren seinen Kunden anbietet, sich ihre Einkäufe per Elektro-Lastenrad nach Hause liefern zu lassen oder sich ein Lastenrad kostenlos auszuleihen. Um das Potenzial von Elektro-Lastenrädern im Lieferverkehr ausschöpfen zu können, empfehle es sich, urbane Logistikkonzepte strategisch danach auszurichten. „Etwa durch die Kombination mit mobilen Depots oder Mikro-Konsolidierungspunkten“, sagt Gruber.

Praxistest in Berlin
Wie sich das in der Praxis umsetzen lässt, testen seit Juni die fünf größten deutschen Paket- und Kurierdienste den Einsatz von unternehmenseigenen Lastenrädern in der Innenstadt von Berlin. DHL, DPS, GLS, Hermes und UPS nutzen dafür gemeinsam eigens für das Projekt eingerichtete Mikro-Depots als Umschlagplatz für die Sendungen. Dort werden die Pakete von Lieferwagen angeliefert und zwischengelagert, um sie von dort auf die Lastenräder zu verteilen. Das Bundesumweltministerium fördert das Projekt mit rund 400.000 Euro aus den Mitteln der Nationalen Klimaschutzinitiative. Viele KEP-Unternehmen haben bereits erste Erfahrungen mit eigenen Testläufen in verschiedenen Städten gemacht. „In der verkehrsintensiven Innenstadt hat sich das Lastenrad zur echten Alternative für das herkömmliche Zustellfahrzeug entwickelt”, sagt DPD-Manger Gerd Seber nach einem einjährigen Praxistest in Nürnberg. Dort hat der Paketzusteller im Rahmen eines Pilotprojekts unter wissenschaftlicher Leitung der Technischen Hochschule Nürnberg 80.000 Pakete emissionsfrei ausgeliefert. Fünf Lastenräder und vier herkömmliche Zustellfahrzeuge haben dafür gemeinsam ein Gebiet abgedeckt, das zuvor von neun herkömmlichen Transportern bedient wurde. Bei einer geschickten Kombination mit motorisierten Zustellfahrzeugen könne das Lastenrad unter günstigen Bedingungen fast ebenso leistungsstark sein wie der Transporter, lautet das Fazit. „In vielen Straßen Nürnbergs sind wir mit unseren wendigen Lastenrädern deutlich effizienter unterwegs als mit den großen Fahrzeugen“, sagt DPD-Niederlassungsleiter Torsten Mendel.

Während KEP-Unternehmen in vielen Städten wie in Düsseldorf, Heilbronn, Hamburg, Mainz, Bochum und Konstanz mit Lastenrädern unterwegs sind, ist in Köln unterdessen das erste kommerzielle Leihangebot für Lastenräder nach dem Vorbild der Sharing-Fahrräder angelaufen. Betrieben wird es von einem Tochterunternehmen des Ökostromanbieters Naturstrom. „Donk-EE“ – eine Zusammensetzung aus dem englischen Wort für Esel („donkey“) und Erneuerbare Energien – stellt an 35 Stationen im Stadtgebiet 50 teils elektrisch angetriebene Lastenräder bereit. Wie bei herkömmlichen Sharing-Systemen, können die Räder per App gebucht und ausgeliehen werden. „In Millionenstädten wie Köln werden alternative Verkehrskonzepte dringend benötigt“, sagt Oliver Hummel, Geschäftsführer von Naturstrom-Tochter Green Moves Rheinland. „Mit Donk-EE möchten wir den Beweis antreten, dass eine nachhaltige urbane Verkehrswende möglich ist.“ Erreichen möchte das Unternehmen mit seinem Angebot vor allem Privatleute.

Bundesförderprogramm für Kommunen und Unternehmen
Damit der Umstieg auf das Lastenrad attraktiver wird, stellt das Bundesumweltministerium derzeit Fördermittel zur Verfügung. Sie läuft über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) und richtet sich an Kommunen, Einrichtungen der öffentlichen Hand und private Unternehmen. Gefördert werden allerdings keine kleinen Lastenräder, sondern elektrisch unterstützte Schwerlasträder mit einer Zuladungskapazität von 150 Kilogramm und einem Kubikmeter Ladevolumen. Auch elektrifizierte Lastenanhänger oder Fahrradgespanne gehören dazu. Die Förderung gilt rückwirkend auch für Lastenräder, die seit dem 29. November letzten Jahres angeschafft wurden. Auch die Bundesländer Saarland und Baden-Württemberg haben im vergangenen Jahr Förderprogamme aufgelegt. Verschiedene Kommunen ziehen nach; in Berlin, Heidelberg, München und Regensburg erhalten auch Privatpersonen finanzielle Unterstützung beim Kauf eines Lastenrads.

Sichere Radwege
Damit noch mehr Menschen vom Auto auf das Fahrrad umsteigen und damit den Stadtverkehr entzerren, sehen Experten vor allem die Städte in der Pflicht. Noch liegt der Anteil von Fahrrädern am Verkehr der deutschen Großstädte bei etwa 17 Prozent. Radwege müssten sicherer und attraktiver gestaltet werden. Keine der sechs größten deutschen Städte investiert mehr als fünf Euro pro Einwohner und Jahr in den Radverkehr, hat die Umweltorganisation Greenpeace in einer Untersuchung errechnet. Demnach wenden im Vergleich Städte wie Amsterdam und Kopenhagen deutlich mehr auf. Zugleich verunglückten Radfahrer dort etwa zehnmal seltener. Am meisten investieren nach Angaben von Greenpeace Norwegens Hauptstadt Oslo mit 70 Euro und das niederländische Utrecht mit 132 Euro pro Einwohner und Jahr in den Radverkehr.

Weitere Informationen zu Förderprogrammen emissionsarmer Mobilität für Privatnutzer finden Sie auf der Internetseite der ElektroMobilität NRW.