Artenschutz: Endbericht der PROGRESS-Studie veröffentlicht

1. August 2016 | Kira Crome

In einem Forschungsvorhaben haben Wissenschaftler systematische Untersuchungen durchgeführt, um in einer großräumig verteilten Feldforschung in 46 Windparks in Norddeutschland an Windenergieanlagen verunglückte Vögel zu zählen. Es ist die bislang umfassendste Untersuchung im Offenland ihrer Art, die dazu beitragen will, die Wissenslücken über die Auswirkungen der Windenergie auf Greif- und andere Vogelarten zu schließen. Jetzt liegt der Endbericht der PROGRESS-Studie vor.

Rotmilan im Flug von Thomas Kraft (ThKraft) - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5

Rotmilan im Flug von Thomas Kraft (ThKraft) – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5


Bereits Anfang des Jahres hatte die PROGRESS-Freilandstudie für Aufsehen gesorgt, als erste Zwischenergebnisse der bislang umfassendsten und repräsentativsten Studie zur tatsächlichen Zahl von Vogelkollisionen an Windenergieanlagen in Teilen in der Süddeutschen Zeitung im Januar vorab veröffentlicht wurden. Bezüglich des streng geschützten Rotmilans wurde in den Artikel der Bielefelder Verhaltensforscher Oliver Krüger, Mitautor der Studie, mit den Worten zitiert, schon der Jetzt-Zustand sei „für diese Art kritisch“. Weil es bislang für eine fundierte Folgenabschätzung für den Ausbau der Windenergienutzung in Bezug auf den Arten- und Naturschutz noch an umfassenden Erkenntnissen fehlt, wurden die Befunde dieser erstmals so groß angelegten systematischen Freilandstudie mit Spannung erwartet.

Im Juni wurde nun der volle Abschlussbericht der Studie Ermittlung der Kollisionsraten von (Greif-)Vögeln und Schaffung planungsbezogener Grundlagen für die Prognose und Bewertung des Kollisionsrisikos durch Windenergieanlagen, kurz: PROGRESS, veröffentlicht, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beauftragt und von einem Forschungskonsortium unabhängiger Fachbüros und Universitäten durchgeführt wurde. Darin werden die Untersuchungsmethoden und Befunde für alle im Untersuchungsraum vorkommenden Vogelarten vorgestellt sowie möglich zukünftige Entwicklungen dargestellt.

46 Windparks in Norddeutschland untersucht

Ziel der Studie war es, mit einer systematischen Freilandstudie innerhalb von drei Jahren in mehreren norddeutschen Bundesländern repräsentative Daten zur Kollisionsrate von Vögeln mit Windenergieanlagen im Offenland zu erhalten. Dazu wurden in 46 verschiedenen Windparks regelmäßig Flächen um die Anlagenstandorte mittels einer sogenannten Transsektenbegehung, bei den festgelegten Beobachtungsstrecken quer über die Fläche abgeschritten werden, nach Schlagopfern abgesucht. Auf Grundlage der Daten aus den insgesamt 55 Untersuchungsphasen, die jeweils 12 Wochen andauerten, wurde mit Hilfe von experimentell bestimmten Korrekturfaktoren (z.B. Sucheffizienz und Verweildauer der Kollisionsopfer) die Anzahl tatsächlich kollidierter Vogel berechnet. Neben dieser quantitativen Erfassung haben die Wissenschaftler zusätzlich das Flug- und Jagdverhalten der Vögel im Umfeld der Windenergieanlagen und in Höhe der Rotoren beobachtet, um das Kollisionsrisiko an bestehenden Anlagen in Relation zur Anzahl der Schlagopfer bewerten zu können. Darüber hinaus wurde der Einfluss der zusätzlichen Mortalität modelliert und damit die Frage der Erheblichkeit auf Populationsniveau behandelt.

Relation von Schlagopferzahlen und Flugverhalten
Die Ergebnisse zeigen, dass die Schlagopferzahlen für die meisten angetroffenen Vogelarten nicht bestandsgefährdend sind, heißt es in der Studie. Für den Rotmilan und den Mäusebussard wiesen die Ergebnisse jedoch daraufhin, dass durch den derzeitigen Ausbauzustand bereits Kollisionsraten auftreten, die zu einem Bestandsrückgang führen können. Diese beiden Greifvogelarten wiesen im Vergleich mit anderen im Untersuchungsraum beobachteten Greifvogelarten die höchste Aufenthaltsdauer im Bereich der Rotorhöhe auf. Die Wissenschaftler hatten geprüft, ob die auf Basis der Flugaktivitätsdaten mittels eines in der Umweltfolgenabschätzung genutzten Modells (BAND) prognostizierten Kollisionsopferzahlen mit den Zahlen auf der Basis der Kollisionsopfersuche übereinstimmen. Bei Mäusebussard und Goldregenpfeifer konnte kein signifikanter Einfluss der Dauer der beobachteten Flugaktivität auf die Anzahl der geschätzten Kollisionsopfer gefunden werden. Es zeigt sich lediglich eine gewisse Tendenz in dem Sinne, dass eine deutlich erhöhte Flugaktivität zu mehr Kollisionsopfern führen kann. Eine quantitative Prognose von Kollisionsopfern auf der Basis beobachteter Flugaktivität lasse sich jedoch mithilfe der verwendeten methodischen Ansätze nicht oder nur mit sehr großer Unsicherheit treffen.
Weitere Forschungen zum Rotmilan nötig

Beim Rotmilan wiesen Befunde und Modellrechnungen auf ähnliche Effekte wie beim Mäusebussard hin. Allerdings könnten Populationseffekte ungenauer eingeschätzt worden sein, da der Rotmilan weniger gleichmäßig in den untersuchten Räumen vorkommt und die Anzahl erfasster Kollisionen gering war. Weitere Untersuchungen in Gebieten, in denen Rotmilane zahlreicher vorkommen, seien hier vonnöten.

Empfehlungen zur Konfliktbeurteilung
Allgemein ergeben sich aus den Ergebnissen jedoch bislang keine direkten Auswirkungen auf die Genehmigungspraxis. Jedoch haben die Wissenschaftler auf Basis ihrer Erkenntnisse grundlegende Aussagen und Empfehlungen zur Konfliktbeurteilung und -bewältigung im Zuge der Standortplanung für Windenergieanlagen getroffen. Erforderlich seien regional übergreifende Lösungsansätze, die sicherstellen sollen, dass die weitere Windenergienutzung nicht zu einem deutlichen Rückgang bestimmter von Kollisionen besonders betroffener Vogelarten kommt. Dafür sei erheblicher weiterer Forschungsaufwand notwendig. Zur Konfliktbewältigung gehörten großräumige Artenschutzprogramme für gefährdete Greifvogelarten wie Rotmilan und Mäusebussard und die Feststellung von artspezifischen Dichtezentren. Ferner müssten Konzepte für die artenschutzrechtliche Betriebsbegleitung erprobt und getestet werden. Weiteren Forschungsbedarf machen die Studienautoren hinsichtlich des Ausmaßes und der Bewältigung kumulativer Auswirkungen sowie bezüglich der Wirksamkeit konkreter Vermeidungsmaßnahmen aus.

Grünkorn, T., J. Blew, T. Coppack, O. Krüger, G. Nehls, A. Potiek, M. Reichenbach, J. Von Rönn, H. Timmermann & S. Weitekamp (2016): Ermittlung der Kollisionsraten von (Greif)Vögeln und Schaffung planungsbezogener Grundlagen für die Prognose und Bewertung des Kollisionsrisikos durch Windenergieanlagen (PROGRESS). Schlussbericht

Die Zusammenfassung und Fazit der Studie stehen hier zur Verfügung.

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