Anschaulich planen: Virtual Reality und Bürgerbeteiligung

30. September 2015 | Kira Crome

Virtual-Reality-Brillen Fraunhofer

Virtual-Reality-Brillen könnten die Bürgerbeteiligung bei großen Planungsverfahren erleichtern. © Bernd Müller/Fraunhofer IAO

Virtuelle Computertechnologien erlauben es, Bauvorhaben realitätsgetreu zu veranschaulichen und Planungsalternativen per Mausklick zu visualisieren. Könnte der Einsatz solcher Techniken helfen, die Bürgerbeteiligung bei der Planung großer Bauvorhaben zu verbessern? Forscher des Fraunhofer IAO und der Universität Hohenheim untersuchen jetzt, wie sich verschiedene Visualisierungstechniken auf die Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit in Bürgerbeteiligungsverfahren auswirken.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Deshalb versuchen Planer und Vorhabenträger ihre Bauvorhaben vorab zu veranschaulichen. Dem Laien fällt es allerdings nicht immer leicht, sich anhand von Lageplänen, Architekturmodellen oder Grafiksimulationen die zukünftige Wirklichkeit vorzustellen. Zudem wirken solche Darstellungen geschönt oder gar werblich, so die Kritik. Fragen, wie etwa eine geplante Stromtrasse das Landschaftsbild tatsächlich verändern oder wie eine neue Windenergieanlage im Gelände am Ende wirken wird, ließen sich mit diesen Methoden oft nicht zufriedenstellend klären. Ein Problem, dass bei der Bürgerbeteiligung an Planungsvorhaben immer wieder auftaucht. „Wenn die Informationsvermittlung nicht gut gelingt, gehen in den Köpfen, je nach Perspektive der Beteiligten, unterschiedliche Bilder auf“, sagt Arne Spieker, operativer Leiter des Forschungsprojekts „Visualisierung in Bürgerbeteiligungsverfahren (VisBplus)” auf Seiten der Universität Hohenheim. „Das führt zu Konflikten und wirft sehr schnell die Frage auf: Reden wir eigentlich alle über das Gleiche?“

„Gut gemachte Visualisierungen könnten die Diskussion um Bauausführungen und Planungsalternativen versachlichen.”

Bauvorhaben frei erleben

Dank des rasanten digitalen Fortschritts der letzten Jahre bieten sich immer mehr Möglichkeiten, bei der Erörterung von Planungsvorhaben spekulative Vorstellungen und auseinanderklaffende Wahrnehmungen zu reduzieren. „Gut gemachte Visualisierungen könnten die Diskussion um Bauausführungen und Planungsalternativen versachlichen und sie besser auf die Punkte hinführen, um die es tatsächlich geht“, sagt Spieker. Mit virtuellen 3D-Modellen lässt sich ein Bauwerk aus verschiedenen Perspektiven betrachten, bauliche Alternativen lassen sich per Mausklick einfach darstellen, ebenso wie die Auswirkungen, die ein Bauvorhaben auf Mensch und Umwelt haben. Von 3D-Brille bis Multi-Touch-Table gibt es eine ganze Bandbreite von Techniken, die gigantische Datenmengen von Geodaten, Fotos und Bauzeichnungen verarbeiten, intelligent verknüpfen und verstehbar in realitätsnahen Szenarien darstellen können. Sie machen erlebbar, wie ein geplantes Bauvorhaben und mögliche Alternativen von verschiedensten Blickwinkeln und Entfernungen aus wirken.

Visualisierungstechniken und Bürgerbeteiligung

Was im Gaming-Bereich, in Trainingssimulatoren oder in Konstruktionsprozessen der Automobilindustrie schon längst einen festen Platz hat, findet in Bürgerbeteiligungsverfahren noch kaum Anwendung. Forscher des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation gehen deshalb gemeinsam mit Kommunikationswissenschaftlern der Universität Hohenheim im Projekt VisBplus der Frage nach, ob solche Visualisierungstechniken, mit denen der Betrachter vollkommen in eine neue virtuelle Realität eintaucht, die Glaubwürdigkeit und Verständlichkeit von Bauplanungen verbessern können. „Es gibt mittlerweile sehr ausgefeilte virtuelle Visualisierungstechniken. Nicht jede eignet sich für jeden Zweck“, erklärt Spieker. Die Wissenschaftler wollen zunächst klären, welche Anforderungen die verschiedenen Planungsbeteiligten – Planer, Vorhabenträger, Bürgerschaft und Verbände – an derlei Methoden stellen. Im zweiten Schritt untersuchen sie, welche Visualisierungstechniken sich für den Einsatz in Bürgerbeteiligungsverfahren empfehlen. Das hängt nicht nur von der Technikaffinität der Zielgruppen ab. Auch sozio-demographische Faktoren und subjektive Wahrnehmungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Ein Thema, das auch die wissenschaftliche Begleitforschung der Landschaftsbildbewertung bewegt, die bei der Planung großer Bauvorhaben eine wichtige Rolle spielt.

Leitfaden geplant

Neben dem technisch Möglichen will das Forschungsprojekt auch klären, welche Visualisierungstechniken sich für welche Verfahrenskontexte und Planungsphasen eignen. Geht es eher um Informationsvermittlung oder um eine Diskussion von Planungsvarianten? Handelt es sich um eine sehr frühe Planungsphase der Raumplanung? „Ein guter Beteiligungsprozess erfordert eine gute Informationsvermittlung, um einen ‚common ground‘ zu etablieren, der eine konstruktive Diskussion überhaupt erst möglich macht“, sagt Spieker. Die Praxis von Bürgerbeteiligungsverfahren zeige aber, dass die eingesetzten Informationsmedien mitunter nicht den Zielen und Zwecken der Kommunikation gerecht würden. „Es gibt zwar viele gute Leitfäden zu Bürgerbeteiligung. Viele sind aber nicht sehr explizit, wenn es um die Kommunikationsinstrumente geht“.

Das Forschungsprojekt des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim will eine Lücke schließen und einen Visualisierungsleitfaden für Vorhabenträger aus Wirtschaft oder öffentlicher Hand und für die Verwaltung erstellen. Diese Hilfestellung soll die Bandbreite der anwendbaren virtuellen 3D-Techniken darstellen und zeigen, wie sie im Rahmen der Bürgerbeteiligung eingesetzt werden können und welche technischen, personellen und finanziellen Voraussetzungen gegeben sein müssen, um sie anzuwenden.

Wann sich im Bereich der Windenergieplanung welche Informationswege und -mittel am besten eignen, zeigt die aktuelle Broschüre Windenergievorhaben und Akzeptanz. Bürgerbeteiligung am Planungsverfahren als integratives Projektmanagement der EnergieAgentur.NRW auf. Sie bietet eine Übersicht über den gesamten Planungs- und Genehmigungsprozess und erläutert die Ansatzpunkte für gelingende Bürgerbeteiligung.

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