Ahrweiler steht Modell für die lokale Energiewende

3. Mai 2018 | Kira Crome

In dieser Gemeinde prägen Photovoltaikanlagen bereits das Ortsbild. Um die Nutzung der Sonnenenergie auch in den Gemeinden des rheinland-pfälzischen Landkreises Ahrweiler zu intensivieren, informiert ein Solardach-Kataster die Bürgerinnen und Bürger dort über das Dachflächenpotenzial ihrer Häuser. © Rudolpho Duba / pixelio.de

In dieser Gemeinde prägen Photovoltaikanlagen bereits das Ortsbild. Um die Nutzung der Sonnenenergie auch in den Gemeinden des rheinland-pfälzischen Landkreises Ahrweiler zu intensivieren, informiert ein Solardach-Kataster die Bürgerinnen und Bürger dort über das Dachflächenpotenzial ihrer Häuser. © Rudolpho Duba / pixelio.de

Der Landkreis Ahrweiler am Rande der Eifel soll Schule machen: Ein kürzlich veröffentlichtes Energiekonzept zeigt, wie die lokale Energieversorgung ab dem Jahr 2030 komplett aus erneuerbaren Energien gespeist werden kann. Der Bericht, der durch verschiedene Praxisleitfäden ergänzt wird, soll anderen Kommunen als Anregung und Methodenkoffer für die Energiewende vor Ort dienen. Bis 2019 soll die Testphase abgeschlossen sein.

Bis zum Jahr 2030 wollen der rheinland-pfälzische Landkreis Ahrweiler und seine Kommunen den lokalen Energiebedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien decken. Bereits im Jahr 2011 hatte der Kreistag einen entsprechenden Beschluss gefasst und erste Schritte in Richtung Energiewende unternommen. „Bei unseren Planungen genießen Umwelt- und Klimaschutz hohe Priorität. Beide rechnen sich“, sagt Landrat Jürgen Pföhler. Neben verschiedenen Maßnahmen zur Energieeinsparung in kreiseigenen Liegenschaften wurde beispielsweise der Erweiterungsbau für das größte Gymnasium im Kreis an der Ahr im Passivhausstandard errichtet. Das Kreishaus und alle 13 kreiseigenen Schulen haben Photovoltaikanlagen zur Eigenversorgung auf dem Dach. Ein Solardach-Kataster informiert über Dachflächenpotenziale im Kreis. Die kommunalen Ahrtal-Werke liefern Fernwärme. Zugleich unterstützt der Kreis die Ortsgemeinden bei Energieeffizienz- und Klimaschutzvorhaben mit einem kreiseigenen Förderprogramm, so der Landrat. Doch wie lassen sich die Maßnahmen in der vom Weinanbau und Tourismus geprägten Region bündeln, erweitern und verstetigen? Und zwar so, dass angesichts konkurrierender Landnutzungsinteressen sinnvolle Lösungen gefunden werden?

Eine Antwort darauf will das Bundesforschungsprojekt EnAHRgie geben. Der Landkreis wird damit zum Modell für die lokale Energiewende in vielen Teilen Deutschlands: In vielen Kommunen mangele es nicht an Motivation oder Ehrgeiz, oftmals aber an Methoden und Konzepten für die konkrete Umsetzung der Energiewende, sagt Projektleiter André Schaffrin von der European Academy of Technology and Innovation Assessment in Bad Neuenahr. „Wir wollen auf der Basis der hier im Kreis vorhandenen Potenziale und Herausforderungen aufzeigen, welche Möglichkeiten es für die Akteure hier vor Ort gibt, langfristig auf eine nachhaltige Energieversorgung umzustellen.“ Das Vorgehen in Ahrweiler soll Schule machen und die Ergebnisse anderen Kommunen zur Nachahmung dienen.

Mehr als zwei Jahre lang haben dafür Innovationsforscher, Sozial- und Naturwissenschaftler, Ingenieure und Vertreter aus Kommunen, Verbänden, Unternehmen sowie der Bürgerschaft gemeinsam ein Energiekonzept für den Landkreis Ahrweiler erarbeitet. Für die Arbeit der EnAHRgie-Innovationsgruppe hat ein interdisziplinär besetztes Team aus acht beteiligten wissenschaftlichen Institutionen und weiteren Praxispartnern die notwendige Informationsgrundlage geschaffen. Vier Aspekte wurden dafür intensiv beleuchtet: Technik, Ökonomie, Partizipation und Kooperation.

„Aus technischer Sicht wurden zunächst die Ist-Situation der Energieversorgung sowie künftige Potenziale erfasst“, erklärt Annedore Kannegießer vom beteiligten Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT). „Daraus wurden Vorschläge erarbeitet, wie der künftige Technologiemix für die Strom- und Wärmeversorgung im Landkreis aussehen kann.“ Dafür haben die Wissenschaftler verschiedene Szenarien entwickelt und verschiedene technologische Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Für jede Option wurden die entsprechenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen dargelegt.

„Wir wollen zeigen, welche Chancen unterschiedliche Erneuerbare-Energie-Anlagen für die Region bieten und welche Auswirkungen sie haben“, erklärt Schaffrin. Dafür hat das Fraunhofer UMSICHT unter anderem ein Simulationstool entwickelt, das die Größenordnungen der Potenziale anschaulich macht. „Es zeigt auch die Wechselwirkungen zwischen den Effizienzmaßnahmen und den möglichen Erzeugungsanlagen für die Wärme- und Stromversorgung auf“, erläutert Kannegießer. Das Tool dient über die wissenschaftliche Erarbeitung der Technologieoptionen hinaus auch dazu, die verschiedenen Partizipationsformate in der Umsetzungsphase zu unterstützen. „So können wir den lokalen Akteuren die Auswirkung verschiedener Technologien auf die Zielerreichung verdeutlichen.“

In die Informationsgrundlage für die Erarbeitung des Energiekonzepts sind zudem aus ökonomischer Perspektive Vorschläge zur Gestaltung möglicher Geschäftsmodelle eingeflossen. „Dafür haben wir Lösungsansätze erarbeitet und mögliche Hindernisse skizziert, die im Zuge eines Investments in Anlagen oder Effizienzmaßnahmen auftreten können“, erklärt Kannegießer. Auch die Aspekte „Kooperation“ und „Beteiligung“ sind wissenschaftlich aufbereitet worden.

All diese Grundlageninformationen sind in die Erarbeitung des Energiekonzepts für die lokale Energiewende im Landkreis Ahrweiler eingeflossen. Kürzlich ist es in Bad Neuenahr öffentlich vorgestellt worden. Flankiert wird es von einem Katalog an Maßnahmenempfehlungen. Diese Praxisleitfäden zeigen auf, welche konkreten Schritte für die Realisierung der im Energiekonzept niedergelegten Ideen vor Ort erforderlich sind – zum Beispiel zur Erarbeitung von Szenarien von technischen Optionen, zur Finanzierung der Energiewende und zur Entwicklung von Geschäftsmodellen. Auch eine Anleitung zur Partizipation, wie Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungen einbezogen werden können, und eine Empfehlung zur Kooperation, wie sich die Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen Kommunen und privaten Akteuren optimieren lässt und so Synergien geschaffen werden können, zählt zum Paket.

Damit ist die erste Phase des „EnAHRgie“-Projekts abgeschlossen. Nun sollen die Strategieentwürfe in den kommenden Jahren bis zum Laufzeitabschluss im Jahr 2019 umgesetzt werden. Die Realisierung im Landkreis Ahrweiler wird – wie schon die Status Quo-Analyse und die Entwicklung der Lösungsszenarien – wissenschaftlich begleitet, dokumentiert und evaluiert. Ziel dieser zweiten Projektphase ist es, die vorgeschlagenen Methoden und Instrumente auf ihre Tauglichkeit hin zu prüfen. Parallel dazu will das Forschungsteam den Methodenkoffer über Ahrweiler hinaus in drei anderen Landkreisen praktisch anwenden und testen, ob sich die entwickelten Instrumente auf andere Regionen übertragen lassen. „Derzeit sind wir dazu noch in vorbereitenden Gesprächen“, sagt Schaffrin.

Blaupause für die lokale Energiewende?

Die Umsetzungs- und vergleichende Testphase dient quasi als Elchtest für das Ahrweiler Energiewende-Modell. Damit wollen die Forschungsnehmer eine Gretchen-Frage der Umgestaltung unseres Energiesystems beantworten: Gibt es eine einheitliche Systemlösung für konkurrierende Landnutzungsinteressen beim Ausbau erneuerbarer Energien, die sich mit Rücksicht auf örtliche Vorbedingungen in jeder Kommune praktisch anwenden lässt? Die in der Testphase gewonnenen Erkenntnisse sollen in die EnAHRgie-Praxisleitfäden eingearbeitet werden. „Methoden und Instrumente sollen soweit angepasst und überarbeitet werden, dass sie als Endprodukte für eine breite Anwendung zur Verfügung stehen“, lautet das Projektziel.

EnAHRgie ist eines von neun weiteren BMBF-geförderten Bundesforschungsprojekten, die bis zum Jahr 2019 innovative Lösungen für die Gestaltung der regionalen Energiewende unter dem Gesichtspunkt Landmanagement erarbeiten. Dazu gehört zum Beispiel die Agro-Photovoltaik-Anlage in Heggelbach am Bodensee (wir berichteten) und in Nordrhein-Westfalen das Dialogprojekt „render“ in der Energieregion Aachen.

Weiterführende Informationen:

Energiekonzept: Schaffrin, A. et al. (2017): Wege einer nachhaltigen Energieversorgung im Landkreis Ahrweiler. Hrsg.: EA European Academy of Technology and Innovation Assessment, Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Leitfaden Kooperation: Beermann, J. (2017): Synergien nutzen statt Energie vergeuden. Regionale Zusammenarbeit für die Energiewende. Hrsg.: EA European Academy of Technology and Innovation Assessment, Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Leitfaden Ökonomie: Müller, M. et al. (2017): Geschäftsmodell Energiewende – Aktuelle Herausforderungen und neue Lösungen. Hrsg.: EA European Academy of Technology and Innovation Assessment, Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Leitfaden Partizipation: Wachinger, G. et al. (2017): Partizipationsmodell. Beteiligung an der Energiewende. Hrsg.: EA European Academy of Technology and Innovation Assessment, Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Leitfaden Technik: von Haebler, J.; Kanngießer, A.; Dellbrügge, M.: Szenarien und Technologieportfolien. Welche Stationen sind auch technischer Sicht zu durchlaufen? Hrsg.: EA European Academy of Technology and Innovation Assessment, Bad Neuenahr-Ahrweiler.