AEE: Die Energiewende auf die Straße bringen

9. April 2018 | Kira Crome

Auch das Land NRW bietet mit „ElektroMobilität NRW“ fachkundige Unterstützung bei Fragen rund um das Thema Elektromobilität © ElektroMobilität NRW

Wie kann die Verkehrswende gelingen? Welche Hürden müssen die alternativen Antriebstechnologien im Markt nehmen? Wie ist es um die Akzeptanz von nachhaltigen Mobilitätstrends und dem Umstieg auf E-Autos, Carsharing und Nahverkehrsangeboten bestellt? Diesen Fragen geht ein neues Hintergrundpapier der Agentur für Erneuerbare Energien nach und diskutiert die Optionen für eine Energiewende im Verkehrssektor.

Das Silicon Valley der Verkehrswende in Deutschland ist Aachen. Fernab der großen deutschen Autofabriken wurde hier im Umfeld der RWTH Aachen der erste elektrisch angetriebene Transporter entwickelt und gefertigt. Mittlerweile ist das Unternehmen Streetscooter Marktführer für elektrische Nutzfahrzeuge in Deutschland. Jetzt wird in der Domstadt ein batteriebetriebenes Stadtauto zur Serienreife gebracht. Mit einem günstigeren Kaufpreis zum vergleichbaren E-Smart soll der e.Go helfen, die derzeit noch geringe Nachfrage nach E-Autos anzukurbeln. Im Herbst sollen die ersten Modelle vom Band gehen. 7.000 Vorbestellungen liegen nach Unternehmensangaben bereits vor. Die Innovationsfunken aus dem Westen vermögen einen Strukturwandel im Verkehrsbereich im Windschatten der Energiewende trotzdem nicht so recht zu entfachen. Noch läuft die Nachfrage nach alternativen Antrieben nicht so gut. Mit einem Sofortprogramm zum Ausbau der Elektromobilität will die nordrhein-westfälische Landesregierung die Verkehrswende ankurbeln.

„Es ist höchste Zeit, die Energiewende auf die Straße zu bringen“, erklärt Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) zur Vorstellung des neuen AEE-Hintergrundpapiers „Die Energiewende auf die Straße bringen“. „Nur fünf Prozent unseres Energiebedarfs stammen im Verkehrssektor aus erneuerbaren Quellen.“ Mit diesem Trend würden die zentralen Ziele der Energiewende derzeit auf der Straße verfehlt. „Für einen Umstieg sind attraktive Angebote nötig, zum Beispiel ein preisgünstiger öffentlicher Personennahverkehr. Zugleich müssen technologischer Wandel und Ausbau Erneuerbarer Energien im Verkehrssektor Hand in Hand gehen, damit der Anteil des Verkehrssektors am Ausstoß von Treibhausgasen endlich sinkt.“

Verkehr klimaschonend organisieren
Immerhin ein Fünftel der CO2-Emissionen in Deutschland entstehen durch Verkehr. 37 Prozent der Menschen in Deutschland nutzen täglich einen Pkw. Die Zahl der Neuzulassungen ist kontinuierlich gestiegen. Jährlich sind auf den Straßen knapp 500.000 Pkw mehr unterwegs, der größte Teil davon ist in privater Hand. Auch die gefahrenen Streckenkilometer steigen. Die Folgen: Hohe Verkehrsdichte, Schadstoff- und Lärmbelastung. „Der Verkehrssektor hat bisher keinen Beitrag zur Senkung der Treibhausgasemissionen geleistet“, konstatiert der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem jüngsten Verkehrsgutachten. Einig sind sich Verkehrsexperten wie Befürworter der Energiewende darin, dass flexibles, individuelles Mobil sein ein Muss in unserer modernen Gesellschaft ist. Um den Verkehr klimaschonend zu organisieren, ist gleichwohl ein Umdenken dringend gefragt. „Das Gesamtsystem Mobilität steht vor einem evolutionären Sprung“, ist Trendforscher Mark Morrison vom Frankfurter Zukunftsinstitut überzeugt. In der mobilen Gesellschaft von morgen werde nicht mehr das Höchsttempo der bestimmende Faktor sein, sondern vielmehr die Art der Fortbewegung.

Diskrepanz zwischen Wollen und Handeln überwinden
Umfragen und Studien belegen: In den Köpfen vieler Menschen ist die Energiewende schon angekommen. Auf der Straße aber noch nicht, stellt das AEE-Hintergrundpapier fest. Jüngste Erhebungen zum Mobilitätsverhalten der Deutschen deuteten auf keinen grundlegenden Wandel hin. Dem stehe gleichwohl eine starke Befürwortung des Umstiegs auf alternative, regenerativ getriebene Antriebe im Verkehrsbereich gegenüber. Viele Menschen sprächen sich in Umfragen für den Wechsel auf andere Formen der Mobilität aus. Allerdings würden die befürworteten Verhaltensänderungen nicht durch tatsächliche Konsumtrends untermauert. „Hätte ein Drittel der Bevölkerung tatsächlich Änderungen im Mobilitätsverhalten vorgenommen, so müsste dies in Verbrauchstrends schon ablesbar sein“, so die AEE-Autoren. Auch die Verkehrswende ist ein Akzeptanz-Thema, macht das Papier deutlich. Was sich in der gesellschaftlichen Debatte um den Ausbau der Windenergienutzung zeigt, wird auch bei der Befürwortung einer nachhaltig ausgerichteten, erneuerbare Energien-basierten Mobilität deutlich: eine Diskrepanz zwischen bekundetem und tatsächlichem Verhalten. Die Autoren greifen aktuelle Studien und Umfragen zum Thema auf und diskutieren, wie sich verschiedene Ansätze wie Diesel-Fahrverbote, Sharing-Konzepte und autonomes Fahren auf die Akzeptanz auswirken. Ferner beschreibt das Papier die Diskussion um verschiedene Energieverbrauch-Szenarien im Verkehrsbereich und erörtert die Optionen für den Umbau des Verkehrssystems hin zu mehr erneuerbaren Energien und einer Verringerung der Energiebedarfe. „Wir brauchen eine Kraftstoffwende ebenso wie eine Antriebswende, aber auch eine Änderung unseres Mobilitätsverhaltens“, fasst Vohrer die Erkenntnisse zusammen. Sonst drohe der Einsatz erneuerbarer Energien auf den deutschen Straßen zu verpuffen.

Wie die lokale Verkehrswende gelingen kann, will die Stadt Aachen zeigen. Im Zuge ihrer Mobilitätsstrategie 2030 baut sie einen „elektromobilen Mobilitätsverbund“, in dem alle Verkehrsmittel vernetzt sind. Ziel des intermodalen Konzepts aus CarSharing, öffentlichem Nahverkehr und Leih-Pedelecs ist ein emissionsfreier Innenstadtverkehr. Mit einer frühzeitigen und vorausschauenden Umstellung auf alternative Antriebe und die Schaffung der nötigen Infrastruktur, will die Stadt an die Spitze der Großstädte beim geringsten Pro-Kopf-Energieverbrauch für Mobilität. Vorbildfunktion übernimmt auch die Stadtverwaltung selbst: Sie will die Dienstwagenflotte reduzieren und emissionsfrei machen. Seit November vergangenen Jahres stehen den Mitarbeitern via Carsharing 15 stromgetriebene Fahrzeuge für Dienstfahrten zur Verfügung. Auch der Stadtreinigungsbetrieb elektrifiziert seinen Fuhrpark sukzessive. Demnächst soll ein Hybrid-Müllfahrzeug die E-Flotte aus 35 Nutzfahrzeugen ergänzen, das die letzte Meile Diesel-getrieben anfährt, aber das Entleeren der Tonnen in den Straßenzügen sauber und leise elektrisch fahrend erledigt. Auch die Verkehrsbetriebe ASEAG wollen ihre E-Bus-Flotte weiter ausbauen. Schon jetzt fährt fast jeder dritte Bus in Nordrhein-Westfalen mit alternativem Antrieb, zeigt eine aktuelle Erhebung der Unternehmensberatung PWC.

Der Umstieg auf Elektromobilität allein reicht nicht aus
Deutlich macht das AEE-Papier auch: Allein die Umstellung vom Verbrennungs- zum Elektromotor löst das Problem nicht. Zum einen müsse klar sein, dass elektrische Antriebe nur dann wirklich klimaschonend sind, wenn auch die Energieträger aus regenerativen Quellen stammen. Die Autoren diskutieren die verschiedenen Technologiepfade für strom- und wasserstoffgetriebene Antriebe, auch unter dem Gesichtspunkt der Akzeptanz. Perspektivisch kämen auch Optionen wie Biokraftstoffe und synthetisch hergestellte Kraftstoffe in Frage.

Ohne eine Verkehrswende, bei der Kraftstoff- und Antriebswende Hand in Hand gehen, werde das Projekt Energiewende scheitern, warnen die AEE-Autoren und verweisen auf die Länder Skandinaviens. Sie zeigen, was in Sachen Dekarbonisierung des Verkehrs möglich ist: Norwegen, das häufig als Paradebeispiel für Elektromobilität genannt wird, sei zugleich Vorreiter bei der Kraftstoffwende – trotz seiner Exporte fossiler Rohstoffe. So konnte Norwegen 2017 einen Biokraftstoffanteil von rund 20 Prozent vorweisen. Das zeige: Eine Verkehrswende mit Kraftstoff- und Antriebswende könne funktionieren. „Stimmen die Rahmenbedingungen, so werden wir in den kommenden Jahren eine zunehmende Verknüpfung von Verkehrs- und Stromsektor erleben“, heißt es bei der AEE.

 

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