Guerilla-PV: Balkonanlagen können die Energiewende von unten beflügeln

12. Februar 2018 | Kira Crome

© Solarheld

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Mit einer Mini-Solaranlage am Balkongeländer Strom für den Hausgebrauch gewinnen – das war bislang mit großen rechtlichen und technischen Unsicherheiten verbunden. Was deshalb lange Zeit als rebellisch galt, könnte sich nun durchsetzen: Eine neue elektrotechnische Norm, die im vergangenen Herbst veröffentlicht wurde, macht es möglich.

Nach dem „Plug & Play“-Prinzip zu Hause aus Sonnenenergie Strom erzeugen und direkt im eigenen Haushalt verbrauchen, das macht eine Mini-Solaranlage mit integriertem Wechselrichter möglich. Am Balkongeländer installiert, wird sie per Schuko-Stecker einfach – wie jedes anderes Haushaltsgerät – in die Steckdose gesteckt und an den Haushaltsstromkreis angeschlossen. Auf diese Weise lässt sich unkompliziert zwischen Liegestuhl und Blumenkasten regenerativer Strom für die Eigennutzung produzieren und damit die Rechnung für den Strombezug vom Stromanbieter senken. Vor allem Mieter von Stadtwohnungen, die noch nicht von einem Mieterstrommodell profitieren können, oder Eigentümer, die vor dem bürokratischen Realisationsaufwand einer großen solaren Dachanlage zurückschrecken, könnten so als Prosumer die dezentrale Energiewende mit betreiben.

Allerdings stießen die ohne technisches Wissen einfach zu bedienenden Kleinstkraftwerke bei Netzbetreibern und Energiekonzernen auf Widerspruch, auch weil sie gegen geltende Elektrotechnik-Normen verstießen. Damit bewegten sich die Betreiber solcher Mini-Anlagen in einer Grauzone; das Etikett „Guerilla-PV“ machte die Runde. Auf dem Markt gibt es sie bereits seit einigen Jahren unter verschiedenen Namen, von „PlugIn PV-Anlage“ bis „Solarrebell“. Mehr als 20.000 Stück sind heute bereits deutschlandweit in Betrieb, schätzen Experten. Sie bestehen aus ein bis zwei Solarmodulen und einem integrierten Mikro-Wechselrichter, der den Gleichstrom in Wechselstrom wandelt. Sie erzeugen übers Jahr gesehen genug Strom, um 500 Mal Wäsche bei 40 Grad zu waschen oder jeden Tag mit dem Laptop zu surfen und zu arbeiten. Die Mini-Anlagen haben eine Spitzenleistung zwischen 150 und 300 Watt. „Optimal ausgerichtet kann sich die eigene Stromrechnung damit jährlich um gute 60 Euro reduzieren. Bei steigenden Stromkosten erhöht sich die Einsparung“, rechnet ein Hersteller vor. Die Anschaffungskosten, die je nach System zwischen 400 und 800 Euro liegen, würden sich schon nach einigen Jahren amortisieren.

Großes Potenzial in der Grauzone
„Wenn die Nutzung unkompliziert möglich ist, könnten allein in Deutschland mehrere Gigawatt an Stecker-Solar-Geräten installiert werden“, sagt Marcus Vietzke, Mini-PV-Experte bei der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS). „Schon immer war der Ausbau der Erneuerbaren zu einem großen Teil durch privates Engagement getrieben“, sagt Nils Müller, Vorstand von Greenpeace Energy. „Je mehr mitmachen, desto stärker ist die Identifikation mit dem Ziel einer vollständigen Energiewende, die wir für den Klimaschutz so rasch wie möglich brauchen.“

Der Eindruck des Revolutionären des anwenderfreundlichen Systems zur eigenen Solarstromerzeugung für jedermann entstand angesichts der ungeklärten Rechtslage. Mini-Solaranlagen entsprächen nicht den geltenden technischen Sicherheitsbestimmungen, warnte der Elektrotechnik-Verband (VDE). Normwidrig installiert, könnten sie die Stromkreise überlasten. Herkömmliche Sicherungen im Haushalt könnten den in die Steckdose rückgespeisten Strom nicht erkennen und bei zu hoher Stromstärke womöglich nicht reagieren.

Normengremien arbeiten an der Vereinfachung
Anbieter und Branchenvertreter hielten hingegen die Bedenken für überzogen. Die am Markt befindlichen Systeme würden längst sämtliche technische Standards erfüllen und werden im europäischen Ausland schon länger problemlos genutzt. Ein Zehnfaches der in Deutschland verkauften Balkonanlagen sei in den Niederlanden, in der Schweiz und Österreich schon im Einsatz, ohne dass Probleme bekannt geworden seien. Der Branchenverband DGS und der Ökostromanbieter Greenpeace Energy, die beide steckerfertige Mini-Solaranlagen vermarkten, aber auch unabhängige Forschungsinstitute wie das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hatten wiederholt Gutachten zur Sicherheit dieser Kleinstanlagen vorgelegt und eine Überarbeitung der betreffenden Normen erwirkt.

Im vergangenen Herbst ist das Normierungsverfahren beim Verband der Elektrotechnik (VDE) und der Deutschen Kommission Elektrotechnik (DKE) abgeschlossen worden. Die neue DIN VDE 0100-551-1 ebnet nun den Weg für den legalen Betrieb der Mini-Solaranlagen aus technischer Sicht: Sie dürfen künftig direkt an normale Haushaltsstromkreise angeschlossen werden. „Die überarbeitete Norm ist endlich zeitgemäßer“, heißt es bei der DGS. Das könnte die „Guerilla-PV“ aus der Grauzone herausführen. „Bereits jetzt sehen wir eine Vervierfachung der Absatzzahlen“, berichtet Vietzke gegenüber dem Branchendienst pv magazine.

Veröffentlicht wird die neue Norm durch VDE und DKE wohl erst Anfang 2019; vorläufig gilt die Vornorm. Damit sind aber noch nicht alle Fragen zur Nutzung von steckerfertigen Mini-Solaranlagen geklärt. Zum Beispiel, ob solche Anlagen künftig spezielle Einspeisesteckdosen erforderlich machen oder ob der herkömmliche Schuko-Stecker für den sicheren Anschluss an das Haushaltsstromnetz ausreicht. „Wenn das Solargerät die vom DGS genannten Sicherheitsstandard erfüllt, reicht eine Schuko-Steckdose völlig aus“, sagt Vietzke, „da moderne Solar-Geräte über Wechselrichter verfügen, die denselben Schutz vor Stromschlag oder ähnlichen Gefahren bieten wie andere Haushaltsgeräte.“ Dazu erarbeiten die Normierungsgremien derzeit einen entsprechenden Normentwurf (DIN VDE V 0628-1). Auch fehlt noch eine entsprechende Produktnorm, die die Anforderungen an solche Mini-Anlagen definiert und den Herstellern, Handel wie Nutzern die Sicherheit gibt, dass ein Balkonmodul mit Stecker auch wirklich so sicher ist wie ein Wasserkocher oder Staubsauger.

Ende der Guerillataktik in Sicht?
Ob die neue Sicherheitsnorm den Mini-Solaranlagen nun zum erhofften Durchbruch verhilft, den sich die Bewegung für die städtische Energiewende in Bürgerhand wünscht, ist noch nicht ausgemacht. Wer am heimischen Balkon Strom aus Sonnenenergie für den Hausgebrauch erzeugen will, hat bürokratische Fragen zu klären. Zum einen verlangt die Marktstammdatenverordnung wie für jedes andere einspeisende Kraftwerk eine Meldung bei der Bundesnetzagentur. Zum anderen schreibt die Netzanschlussverordnung eine Anmeldung beim örtlichen Stromnetzbetreiber vor. Allerdings begrüßen nicht alle Stromnetzbetreiber die Installation von Mini-Solaranlagen auf dem heimischen Balkon. Einige dulden die Anlagen, andere reagieren mit Verboten. Vor dem Landgericht Hamburg läuft ein Klageverfahren, das Greenpeace Energy gegen den Netzbetreiber Stromnetz Hamburg angestrengt hat, weil dieser die Nutzung eines solchen Systems untersagt hatte. Da der Strom vom Balkon aber in den in Rede stehenden Größenordnungen direkt im Haushalt verbraucht wird und die Zuständigkeit der Verteilnetzbetreiber am Stromzähler endet, ist rechtlich umstritten, inwiefern die Unternehmen in dieser Frage überhaupt mitreden dürfen. Der größte deutsche Verteilnetzbetreiber Westnetz, der Netztochter der RWE-Abspaltung Innogy, zu deren Gebiet auch Nordrhein-Westfalen gehört, hatte deshalb seinen Widerstand aufgegeben und in einem ähnlichen Klageverfahren vor der Bundesnetzagentur im letzten Jahr eingeräumt, dass er für eine Betriebsuntersagung gar nicht zuständig ist. Eine Lösung für die einfachere Nutzung der Mini-Solaranlagen könnte die Einführung einer Bagatellgrenze für Kleinstanlagen dieser Art in den gesetzlichen Regelungen wie dem Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) sein, die nun von verschiedenen Vertretern der Bewegung für eine Energiewende von unten gefordert wird.