Ibbenbürens Grüne Kohle – Energiegewinnung aus städtischem Laub

Blaupause für jedes kommunale Klimaschutzkonzept

Laub-Brikett

Vor rd. 500 Jahren wurde in Ibbenbüren, Nordrhein-Westfalens nördlichster Kohlestandort zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge, bereits Steinkohle gefördert. 2018 wird die Förderung eingestellt. Auf der Suche nach alternativen Techniken der Energieerzeugung wird jetzt eine ungewöhnliche Idee umgesetzt – die Kohle bleibt, sie ändert nur die Farbe. Straßenlaub, aber auch Grünschnitt und sonstige biologische Abfälle werden dabei zu Briketts verarbeitet. CHANC/GE sprach mit den „Erfindern“ Werner Dirkes (Leiter des Ibbenbürener Bau- und Servicebetriebes – Bibb) und Tobias Peselmann (NETZ Ingenieurbüro GmbH), über das dahinterliegende Konzept der „grünen Kohle“ und dessen Bedeutung für die kommunale Wertschöpfung.

Das Prinzip ist einfach: Laub wird zerkleinert, getrocknet und zu Briketts gepresst. Wie kam es zu dieser Idee?

Werner Dirkes

Werner Dirkes: Wir haben uns am Rande einer Fachmesse vor einigen Monaten getroffen und gefachsimpelt. Dabei stellten wir uns die Frage, wie wir das viele Herbstlaub besser nutzen können. Bisher wurden die 500 Tonnen Laub, die jährlich anfallen, kompostiert – ein Vorgang, der viel Arbeit und Geld kostet. Eichenlaub und Laubarten, die bspw. durch Krankheiten befallen sind oder toxische Pflanzen (Herkulesstaude etc.), eignen sich wiederum nicht zum Kompostieren im eigenen Garten. Und diese Grünabfälle werden dann mit großem Transport- und Aufbereitungsaufwand in Verwertungs- oder Müllverbrennungsanlagen außerhalb unserer Region transportiert. Im Herbst rufen uns die Bürger an und wollen häufig, dass wir aufgrund des großen Laubanfalles die Bäume abholzen!
Laub ist aber hoch kalorisch und sollte und darf nicht unbehandelt oder ungenutzt auf der Deponie landen. Das Geld liegt doch quasi auf der Straße.

Tobias Peselmann

Tobias Peselmann: Wir haben außerdem nach einer Möglichkeit gesucht, einen möglichst engen räumlichen Verwertungszyklus innerhalb der städtischen und regionalen Grenzen zu erzeugen. Abfallverwertung ist an sich nichts Neues, aber bisher hatte sich niemand mit dem Thema „Laub“ beschäftigt. Laub ist ein verkannter regionaler Brennstoff! Wir haben dann ein technisches Verfahren entwickelt, welches Laub trocknet und brikettiert. Die energieeffizienten Laub-Briketts passen fast in jeden Biomasse-Heizkessel.
Der Prototyp unserer Anlage befindet sich derzeit in der Testphase und könnte schon im Herbst diesen Jahres in Betrieb gehen. Aber Laub fällt nur einmal im Jahr an, sodass wir noch andere Produkte hinzunehmen können. Mit dem jährlich anfallenden Laub, Grünschnitt (u. a. Heckenschnitt) und sonstigen biologischen Abfällen können viele öffentliche Gebäude – Kindergärten, Schulen oder Verwaltungsgebäude – geheizt und (möglichst) auch mit Strom versorgt werden.

Werner Dirkes: Die Wiederverwertung wertvoller Ressourcen ist an sich nicht neu: Früher haben unsere Großeltern das Laub (auch das Kartoffellaub) verbrannt und die Asche als Dünger für ihren Gemüsegarten genutzt. Das geschah auch aus einer Not heraus, weil nichts weggeschmissen wurde, sondern wiederverwertet. Nichts anderes steckt auch hinter unserer Idee. Alter Wein aus neuen Schläuchen – sicher nicht!

Wie hoch ist der Energieertrag?

Tobias Peselmann: Der Heizwert liegt bei ca. 5 Kilowattstunden pro Kilo Laub-Briketts. Ein Liter Heizöl wären dann wie zwei Kilo Laub. Allerdings sind die Briketts wesentlich günstiger und wir machen uns unabhängig von fossilen Energieimporten. Die jährlichen 500 Tonnen Laub könnten in Ibbenbüren Wärme und Strom für 200 Einfamilienhäuser erzeugen.

Wie sieht es mit der CO2-Bilanz aus?

Werner Dirkes: CO2-neutral, denn bei der Verbrennung von Laub fällt nur soviel CO2 an, wie die Blätter vorher in der Wachstumsphase aufgenommen haben.
Tobias Peselmann: Wir stecken auch weniger Energie in die Trocknung und Brikettierung, als wir nachher rausholen.
Wie sieht es mit der nachhaltigen Nutzung aus? Dem natürlichen Kreislauf wird doch Biomasse entzogen.
Werner Dirkes: Nein, wir verwenden ausschließlich Laub, welches von städtischen Straßenbäumen auf der Straße liegt. Dieses müssen wir entfernen, da es ansonsten in das Kanalnetz geht. Die Entnahme aus dem Wald ist absolut tabu und auch gesetzlich entsprechend im Bundeswaldgesetz geregelt und verboten.
Wir nehmen nur das, was wir entfernen müssen: Rück-, Pflege, Reduzier-, Erziehungs- und Formschnitt. Die Verkehrssicherheit herstellen und alles, was gesetzlich sonst noch geregelt ist.

Welche Auswirkungen könnte Ihr Konzept auf die kommunale Wertschöpfung haben?

Das komplette Interview können Sie in der Print-Ausgabe der Mai-Ausgabe des Magazins „CHANC/GE – 100% Klimaschutz kommunal“ lesen.
Das Gespräch führte Martina Stienemann, Redakteurin des Magazins „CHANC/GE – 100% Klimaschutz kommunal“.